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Isoliert und einsam? Ältere Personen in Zeiten von Corona

Die Corona-Pandemie trifft uns alle, aber vor allem diejenigen, die zu den «besonders gefährdeten Personen» gehören. Für ältere Menschen zum Beispiel kann physischer Abstand eine soziale Isolation untermauern. Aktuelle Studien der FHNW untersuchen die sozialen Auswirkungen der Pandemie auf ältere Menschen und stellen diese zur Diskussion.

Eine Alte Frau sitzt an einem Fenster und schaut nachdenklich hinaus.

Die gegenwärtig andauernde weltweite Corona-Pandemie und die damit verbundenen Schutzmassnahmen führten in den letzten Monaten zu einem Alltag der sozialen Distanzierung. Direkte Kontakte, Menschenansammlungen und gesellige Anlässe ausser Haus sollten in Zeiten des Lockdowns vermieden werden. Insbesondere ältere Menschen wurden dabei aufgefordert, in ihrem Haushalt beziehungsweise den Alters- und Pflegeheimen zu verbleiben und Kontakte zu anderen zu vermeiden. Diese fürsorgliche Form der Isolation kann jedoch auch zu verstärkter Einsamkeit führen – einem Gefühl, welches das Wohlbefinden einer Person negativ beeinflusst.

Aktuelle Studie aus dem Schwerpunkt «Alter»

Im Rahmen der nationalen Befragung Swiss Survey 65+ untersucht die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, unter welchen Voraussetzungen Menschen über 65 Jahren ein möglichst langes, selbstständiges und gutes Leben führen können. Ein Forschungsteam des Schwerpunkts «Menschen im Kontext von Alter» befragte in diesem Jahr insgesamt 1990 Personen ab 65 Jahren in der gesamten Schweiz. Das Besondere war, dass die Datenerhebung zwischen Januar und Mai 2020 stattfand, also gerade in der Zeitspanne vom Auftreten der ersten Schweizer Corona-Fälle über den Lockdown bis hin zu den ersten Lockerungen des Lockdowns. Für die Forschenden war das ein spezieller Zufall. Denn mit den Daten des Swiss Survey 65+ konnten sie die Angaben von vor der Pandemie befragten Personen mit während der Pandemie Befragten vergleichen. Dazu wurden auf Grundlage der Medienberichte des Bundesamts für Gesundheit (BAG) vier zeitliche Phasen gebildet, denen die befragten Personen entsprechend ihres Befragungstermins zugeordnet wurden. Zwischen diesen vier Gruppen wurde nun analysiert, inwieweit es Unterschiede bei den Aussagen zum Gefühl von Einsamkeit gibt.

Besonders von Einsamkeit betroffen

Es hat sich gezeigt, dass gerade das Gefühl von Einsamkeit im Anschluss an die Empfehlung einer physischen Distanzierung durch die Schweizer Regierung zunahm und erst nach der Ankündigung erster Lockerungen des Lockdowns wieder etwas zurückging. Neben diesem zeitlichen Effekt zeigen die Auswertungen auch, dass besonders Frauen, Personen mit geringem Einkommen, Alleinlebende und Personen ohne Kinder unter stärkeren Einsamkeitsgefühlen litten.

Telefon und Internet können direkte Kontakte nur zum Teil ersetzen

Zusätzlich konnten im Mai und Juni 2020 1011 Personen im Alter von mindestens 50 Jahren in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz telefonisch zu ihren sozialen Kontakten befragt werden. Die Befragten sollten bilanzierend einschätzen, welche Formen der sozialen Kontakte sich seit dem Beginn der Pandemie verringert oder verstärkt hatten. Anhand der Antworten zeigte sich, dass die Häufigkeit der direkten (physischen) Kontakte abgenommen, dafür aber die der Kontakte über das Telefon oder das Internet zugenommen hat; viele ältere Menschen nutz(t)en diese Formen der Kommunikation, um die fehlenden direkten Kontakte zu kompensieren.

Etwas geringer fiel dafür die Häufigkeit der persönlichen Einkäufe aus, also das Ausser-Haus-Gehen, um Besorgungen zu tätigen. Auf der anderen Seite gaben auch viele der befragten Personen an, dass sie sich nun mehr als sonst um ihre Eltern kümmern müssten. Die Verringerung der direkten sozialen Kontakte – also das Schnell-mal-ins-Quartierscafé-Gehen, um mit Freunden zu schwatzen – hatte ebenfalls einen Einfluss auf das Gefühl, allein zu sein. So wurde innerhalb der Befragung häufig angegeben, dass man das Gefühl hatte, nicht genügend Zeit mit Menschen verbringen zu können, die einem wichtig sind.

Zwischen Schutz und dem Recht auf Selbstbestimmung

Unabhängig von einer vertieften Auswertung und Diskussion kann bereits jetzt gesagt werden, dass die Corona-Pandemie die sozialen Kontakte und das Gefühl von Einsamkeit bei älteren Menschen beeinflusst hat. Diese Auswirkungen mahnen uns als Gesellschaft, nicht diejenigen Personen zu vergessen, die wir eigentlich als «besonders gefährdete Personen» schützen wollen. Dies sind wichtige Aspekte auch für die praktische soziale Arbeit mit älteren Menschen und sie sollten daher, unter Einbezug der davon Betroffenen, öffentlich diskutiert werden. Soziale Innovationen sind gefragt, die für vergleichbare Situationen Formen und Orte der Betreuung und Kommunikation für ältere Menschen schaffen, die deren Anspruch auf Schutz, aber auch auf Selbstbestimmung und Teilhabe am sozialen Leben wahren.

Präsentation von weiteren Ergebnissen

Die genannten Studien werden auch auf der für den 7. und 8. Dezember 2020 geplanten Tagung «Ageing & Living in Place: ‹Gutes› Leben und Wohnen im Alter» vorgestellt. Es ist die zweite internationale Tagung des Kompetenzclusters «Ageing & Living in Place» (ALiP) der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW im Rahmen des Nationalen Innovationsnetzwerks «Alter(n) in der Gesellschaft» (AGE-NT).

Informationen und Anmeldungsmöglichkeit finden sich auf der Tagungswebseite Ageing and Living in Place.

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