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Enabling Performers. Edge Moments between New Music, Fluxus etc.

Ein Forschungsprojekt von Sonic Space Basel

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Anna Sowa, It’s Only the End of the World, Theater Basel, 2020. © Hans-Peter Huser, HGK

Was können Studierende von Sonic Space Basel im Umgang mit Fluxus lernen? Das ist eine zentrale Frage des Forschungsprojekts Enabling Performers, innerhalb dessen u.a. Performer*innen, Improvistator*innen, Komponist*innen und Audiodesigner*innen mit intermedialen Praktiken operieren, die sich direkt oder indirekt von Fluxus herleiten. Die Annahme: Solch kollektives, informelles oder prozessbetontes Arbeiten beinhaltet begünstigende Faktoren zum Ausschöpfen von kreativem Potenzial. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Kommt es im experimentellen Umgang mit Materialien wie Event-Scores, Performancekonzepten, Visueller Musik, Kits, Alltagsobjekten etc. tatsächlich zum gewünschten „Enabling“, dem Wirkungsziel von Pamela Burnards Creativities-Konzept? Und falls ja: auf welche Weise?

Ay-O
Rainbow No. 1 for Orchestra
Soap bubbles are blown out of various
wind instruments. The Conductor cuts the
bubbles with a samurai sword.
(Date unknown)

Fluxus: Ist das noch Musik? Einerseits: ja. Das Gründungsfestival von Fluxus heisst nicht zufällig „Internationale Festspiele Neuester Musik“ (Wiesbaden 1962). Viele Protagonisten der sog. Neuen Musik sind im Programm vertreten (u.a. Cage, Stockhausen, Ligeti – allein deswegen ist das Wissen um Fluxus auch wertvoll für jene, die sich mit dem kanonischen Repertoire befassen), die meisten übrigen Künstler haben einen professionellen musikalischen Hintergrund (etwa Paik, Patterson, Ishiyanagi). Die „Neue Musik“ sollte kühn überboten werden, auch und gerade im provokativen Akt der Verneinung des Kunstanspruchs professionellen Musikmachens. Allerdings haben sich die Fluxus-Aktionen viel eher in anderen künstlerischen Bereichen (Bildende Kunst, Performancekunst, Medienkunst usw.) ausgewirkt. Wieso befindet sich Fluxus als musikalisch begründete intermediale Kulturtechnik weitgehend ausserhalb des Blickfelds von musikalischen Disziplinen? 

Jackson Mac Low
Piano Suite 1 for David Tudor and John Cage
Play something.
(1961)

Die Auseinandersetzung mit Fluxus ist nicht museal motiviert. Im Fokus steht nicht allein Fluxus, sondern davon ausgehend künstlerische Netzwerke und Verbindungslinien, die scheinbar festgefügte Genregrenzen relativieren. Besonders interessant sind Edge Moments, verstanden als „disastrous confrontations within the world of experimentalism“ (Benjamin Piekut) – Momente also, in denen bewährte Praktiken in Frage gestellt werden oder überraschende Verbindungen bzw. Konflikte zwischen unterschiedlichen Verfahren, Vorstellungen oder Szenen entstehen. Bisherige künstlerische Gewissheiten stehen dann auf der Kippe und müssen in einer „arena of risk, testing, and even (productive) failure“ (B. Piekut) neu ausgehandelt werden. Solche Situationen sucht dieses Forschungsprojekt in Bezug auf u.a. Fluxus zu evozieren und genau zu beschreiben.

 

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Yoko Ono, Fly Piece (1963). Filmstill aus der Performance von Nora Vetter, 2020.

Ort und Ziel der Forschung sind Lehrveranstaltungen von Sonic Space Basel: Zuvörderst der Kurs „Interdisciplinary Acts“ von Anne-May Krüger mit Studierenden aus allen Sonic Space-Klassen (März–Juni 2021), sowie andere eher „disziplinäre“ Lehrangebote (Komposition, Improvisation, Performance, Audio Design etc.). Die Arbeit an „Edge Moments“ wird von Dozierenden, Studierenden und Forschenden gemeinschaftlich vorbereitet und durchgeführt, um sich Techniken und Wissen anzueignen, die auch ausserhalb des eigenen „Metiers“ liegen. Dies entspricht nicht nur der intermedialen künstlerischen Praxis von Fluxus, sondern auch von aktuellen Strömungen wie dem „Neuen Konzeptualismus“, „New Discipline“ usw., wo Kunstpraktiken und Techniken, die nicht im engeren Sinne „musikalisch“ sind, mit grosser Selbstverständlichkeit einbezogen werden.

doublelucky productions
AUFLÖSUNG #3
When humans are the problem, what is the solution?
You know the answer: dissolution. AUFLÖSUNG.
Let’s take it slowly from here.
1. Don’t be afraid.
2. Listen.
3. Think.
4. Breathe.
5. Dissolve.
(2020)

Ergebnis ist nach Johannes Kreidler „der aufgelöste Musikbegriff“ oder eine Situation, in der die herkömmlichen Unterscheidungen bezüglich Arbeitsteilungen (komponieren, interpretieren, produzieren etc.) oder Medialität (Ton, Text, Bild etc.) nicht mehr sinnvoll sind. Doch auch fast 60 Jahre nach dem Entstehen von Fluxus halten viele Institutionen der Neuen Musik (Hochschulen, Rundfunk, Veranstalter usw.) daran fest. Diese Untersuchung erhofft sich nicht zuletzt darüber Aufschluss, wie eine produktive Durchmischung von künstlerischen Kompetenzen innerhalb und ausserhalb von Sonic Space Basel aussehen kann und welche Erweiterungen, Aneignungen notwendig sind, welches Umdenken stattfinden muss, um als Ausbildungsinstitution einem zeitgemäßen kreativen und explorativen Verständnis von Kunstpraxis gerecht zu werden. 

Erwähnte Literatur
Pamela Burnard, Developing Creativities in Higher Music Education. International Perspectives and Practices, New York: Routledge 2016.
Johannes Kreidler, Der aufgelöste Musikbegriff [2016], in: ders., Sätze über musikalische Konzeptkunst. Texte 2012–2018, Hofheim: Wolke 2018, S. 70–82.
Benjamin Piekut, Experimentalism Otherwise. The New York Avant-Garde and Its Limits, Berkeley: University of California Press 2011
https://www.thing.net/~grist/ld/fluxusworkbook.pdf
https://1000scores.com/
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