Ein Austauschsemester – unbedingt!
Vier Studierende sind sich einig: Es ist herausfordernd, sich fernab der vertrauten Hochschule in einer fremden Umgebung zurechtzufinden und aktiv neue Kontakte zu knüpfen. Doch die gesammelten Erfahrungen und Erlebnisse sind unvergesslich und prägen nachhaltig.
von Anita Gertiser
Lino Buysse | Lino Buysse (Elektro- und Informationstechnik) studiert seit Herbst 2023 Vollzeit an der Hochschule für Technik und Umwelt, FHNW, mit Vertiefung in Energie und Antriebstechnik. Ursprünglich lernte er Elektroinstallateur EFZ bei Eglin Elektro AG (2018 bis 2022) und absolvierte danach in einem Jahr die Berufsmatura. |
Christoph Lutters | Christoph Lutters (Elektro- und Informationstechnik) studiert seit Herbst 2023 Vollzeit an der Hochschule für Technik und Umwelt, FHNW. Ursprünglich lernte er Elektroniker EFZ bei Müller Martini (2015 bis 2019). Anschliessend arbeitete er als Avioniker bzw. Intrumentenmechaniker bei Pilatus Flugzeugwerke (3.5 Jahre). Parallel dazu erwarb er berufsbegleitend die Berufsmaturität. |
Dominik Wieder | Dominik Wieder (Elektro- und Informationstechnik) schloss 2021 seine Berufslehre als Automatiker EFZ erfolgreich ab. Seit 2022 studiert er Elektro- und Informationstechnik an der Hochschule für Technik und Umwelt, FHNW, und spezialisiert sich hier auf Energie- und Antriebstechnik. Parallel zum Studium arbeitet er als Automatiker bei ELMOTEC AG in Kleindöttingen. |
Lino Buysse, Christoph Lutters, Dominik Wieder und Nicolas Thommen haben jeweils ein Semester im Ausland studiert: Buysse in Seoul (Südkorea, siehe Abb. 1), Lutters in Zwolle (Niederlanden), Wieder in Tampere (Finnland) und Thommen in Trondheim (Norwegen). Die Gründe für die Wahl des Studienorts waren vielfältig – von der Vorliebe für Winteraktivitäten, über den Wunsch, Asien kennenzulernen, bis hin zu familiären Verbindungen ins Gastland.

Die Hochschule für Technik der FHNW unterhält weltweite Beziehungen zu 22 Universitäten und Fachhochschulen. Dadurch erhalten Studierende, vor allem in den mittleren Semestern, die Möglichkeit, im Ausland zu studieren (siehe Liste der Partneruniversitäten).
Vorbereitung und Unterstützung
Voraussetzung für das Auslandssemester ist das erfolgreiche Bestehen des Assessments. Alle vier Studierenden betonen, wie umfassend sie von der Hochschule für Technik bei der Vorbereitung und Organisation unterstützt wurden. So werden die Semestergebühren weiter an der FHNW entrichtet. Dies ist eine grosse Entlastung, da die Gebühren an einigen Gastuniversitäten deutlich höher ausfallen. Zudem unterstützt die Schule Studierende mit begrenztem Budget, sodass das Austauschsemester für alle finanzierbar bleibt (siehe Links unten).

Für die Bewerbung sind gute Noten sowie ein Motivationsschreiben erforderlich, in dem die Gründe für die Wahl der Gastuniversität dargelegt werden. In den meisten Fällen erhalten die Studierenden eine Zusage für ihr Wunschland. Empfehlenswert ist es, im Vorfeld mit dem Studiengangleiter abzuklären, welche Module an der Gasthochschule sinnvoll sind und angerechnet werden.

Auf den ersten Blick scheint die Sprache die grösste Hürde zu sein. Christoph Lutters spricht zwar ein wenig Niederländisch, doch Finnisch oder Koreanisch wirken im Vergleich «exotisch». Dennoch haben sich alle Studierende bemüht, zumindest Grundkenntnisse der jeweiligen Landessprache zu erwerben. Doch eines ist klar: Ohne gute Englischkenntnisse geht es nicht. Sowohl die Unterrichtssprache der besuchten Module als auch die Kommunikation mit Kommilitonen erfolgt in der Regel in Englisch.

Die Wohnungssuche gestaltete sich für die meisten Studierenden problemlos. Lino Buysse organisierte seine Unterkunft über Airbnb, während Christoph Lutters in einem Wohnheim lebte, und sich das Zimmer mit einem anderen Austauschstudenten teilte. Das Gebäude liegt direkt am Rande der Altstadt von Zwolle (siehe Abb. 4) – zentral gelegen und mit optimaler Anbindung an die Stadt und Umgebung. In Tampere wiederum können Studierende sich über die TOAS-Webseite um eine Unterkunft bewerben. Dominik Wieder erhielt innerhalb einer Woche die Zusage für ein Zimmer im Studentenwohnheim Lapikaari. Sein Zimmer verfügte über ein eigenes Bad, die Küche wurde mit den anderen geteilt. Im Wohnheim lebten ausschliesslich Austauschstudierende, was die gemeinsame Küche zu einem idealen Ort für Begegnungen und spannende Gespräche machte.
Stundenplan im Ausland: Flexibilität ist gefragt
Trotz der Verlockung des Abenteuers und der Neugier auf das Unbekannte war allen Studierenden bewusst: Das Auslandssemester sollte das Studium in der Schweiz nicht verzögern. Doch die Planung gestaltete sich nicht immer einfach: Beliebte Module waren oft schnell ausgebucht, und das Angebot an Elektronik-Fächern war begrenzt. In solchen Fällen war es hilfreich, auf alternative Module auszuweichen.

Lino Buysse belegte beispielsweise die Kurse «Koreanisch Level 1-2», «Asiatische Philosophie» und einen anspruchsvollen Masterkurs zu DC-DC-Converter, den er auf Anhieb bestand. Um sein Studium dennoch im gesetzten Zeitrahmen fortzusetzen, hatte er sich das nötige Lernmaterial im Voraus organisiert und den Stoff im Selbststudium erarbeitet. Letztlich konnten alle vier Studierenden ihre im Ausland absolvierten Module anrechnen lassen: sei dies für GSW (z.B. Koreanisch oder Philosophie), sei es für die Fachvertiefung oder als freie Module.

Lutters belegte das Informatik-Modul «Future Technology». Gemeinsam mit drei Teamkollegen entwickelte er einen Prototyp für eine eHealth-Applikation, die ein Kunde aus dem Gesundheitswesen in Auftrag gegeben hatte. Die Lösung könnte europaweit eingesetzt werden. Vier Tage pro Woche arbeitete das Team intensiv an der Umsetzung. Krönender Abschluss: Am Semesterende präsentierten die Studierenden das Projekt auf der «Winnovation Expo» (jährlich stattfindender Wettbewerb der Fachhochschule Windesheim) – und gewannen einen Preis für Inklusion (siehe Abb. 6).
Nicolas Thommen musste feststellen, wie wichtig es ist, sich vorab mit den Gepflogenheiten, Abläufen und Systemen der Gasthochschule vertraut zu machen. Anders als in Windisch ist man in Norwegen nicht automatisch für die Prüfung angemeldet, nur weil man einen Kurs belegt. Dank der Unterstützung seiner Dozentin gelang es ihm – mit einem Monat Verspätung! –, sich doch noch für die Norwegisch-Prüfung anzumelden. Positiv überrascht hat ihn dagegen, dass die meisten Module sieben Credits wert waren und er somit nur zwei Module belegen musste: «Fortgeschrittene Leistungselektronik» und «Regelungstechnik für elektrische Systeme». Besonders letztere Veranstaltung begeisterte ihn durch ihren starken Praxisbezug.

Etwas mehr Glück mit der Modul-Auswahl hatte Dominik Wieder. Da er sich in Richtung Energie- und Antriebstechnik spezialisiert, wählte er passende Module in Tampere:
- 5N00CQ10 Dicentralised Power Production
- Electrical Drives, Project Work
- EE.PEE.310 Design in Power Electronics
- EE.EES.430 Electric Power System Analysis
- Basics of Finnish.
Nicht alle gewünschten Kurse wurden in Englisch angeboten. In solchen Fällen halfen die Dozierenden, individuelle Lösungen zu finden. So absolvierte Wieder für «Dicentralised power production» fünf Assessments im Homeoffice. Beim «Electrical-Drives»-Kurs übernahm schliesslich ein pensionierter Dozent die Laborbetreuung. Besonders begeistert war er vom Modul «Design in Power Electronics». Hier musste ein Boost Converter vollständig simuliert, gelayoutet, gelötet und getestet werden. «Dieser Kurs ist uneingeschränkt zu empfehlen», betont Wieder. «Es war nicht nur spannend, sondern auch im Aufwand und Ablauf vergleichbar mit den Projekten im EIT-Studiengang.»

Unvergessliche Erlebnisse und Erfahrungen
Die prägendsten Erfahrungen sammelten die Studierenden jedoch im ausserakademischen Alltag. Schon die einfache Aufgabe, ein Zimmer für so kurze Zeit «wohnlich» einzurichten, kann eine Herausforderung sein, wie Nicolas Thommen bestätigt. Früher habe er sich immer über die Memes wie ‹Men really see no issue living like this› amüsiert, erzählt er. Doch vor einem leeren Zimmer und mit begrenztem Budget sah er sich plötzlich selbst vor die Frage gestellt: Wie richte ich mich hier ein und mache es mir gemütlich? Wer in einer Airbnb-Wohnung oder im Wohnheim lebt, hat es einfacher: einziehen und sich um nichts kümmern.

Was alle vier Studierenden jedoch hervorheben, sind die zwischenmenschlichen Begegnungen mit einheimischen Kommilitonen oder anderen Austauschstudierenden. Die WG-ähnlichen Wohnverhältnisse laden gerade dazu ein, gemeinsam zu kochen, angeregt zu diskutieren, hin und wieder mal ausgefallene Spielabende zu veranstalten oder gemeinsam bei einem Ausflug zu grillieren (siehe Abb. 9).

Tampere ist eine richtige Studentenstadt. In der Einführungswoche heisst die Universität die Neuankömmlinge mit einem besonderen Programm willkommen – voller Aktivitäten, die das Knüpfen erster Kontakte erleichtern. Ein besonderes Highlight: Jede Studentin und jeder Student trägt zu den Events einen Overall, der mit jedem Besuch ein neues Abzeichen erhält (siehe Abb. 10). Mit der Zeit werden die Overalls so zu einer bunten Collage aus «Erinnerungstücken». Und was wäre ein Finnland-Aufenthalt ohne Sauna? Bereits in der ersten Woche besuchte Dominik Wieder die «Welcome Sauna».

Auch in Zwolle gibt es zahlreiche Events, die den Austauschstudierenden den Einstieg vereinfachen. Da viele in derselben Situation sind, finden sich schnell Gruppen für gemeinsame Unternehmungen. Lutters Gruppe unternahm beispielsweise häufig Ausflüge zu einem nahen See, wo die Studierenden Sonnenuntergänge bewunderten. Daneben standen Festivals (siehe Abb. 11), Sport wie Bouldern, Schwimmen oder Volleyball auf dem Programm. Ausserdem hatte er ein ehrgeiziges Projekt: Jede Woche eine neue Stadt erkunden.
Während Zwolle eine beschauliche Kleinstadt ist, präsentiert sich Seoul als pulsierende, moderne Metropole – mit einem hervorragend funktionierenden Nahverkehrssystem und fast rund um die Uhr geöffneten Läden (siehe Titelbild). Lino Buysse nutzte seinen Aufenthalt intensiv, um Land und Kultur kennenzulernen. Seine Koreanisch-Kenntnisse öffneten ihm dabei Türen zu spannenden Begegnungen und neuen Perspektiven.

Er erkundete andere Städte wie Jeonju, flog auf die Vulkaninsel Jeju und bestieg den höchsten Berg Südkoreas, den Hallasan – belohnt mit einer offiziellen Urkunde (siehe Abb. 12). Besonders bereichernd waren die Konzerte, die er dank der Freundschaft mit einem Musikstudenten erleben durfte. Am Ende getraute er sich sogar, mit dem Velo durch die riesige Stadt zu cruisen.
Das Gastland mit allen Sinnen erfahren
Natürlich steht das Studium im Zentrum eines Auslandssemesters – und beansprucht den Grossteil der Zeit. Doch was diesen Aufenthalt so unvergesslich macht, sind die gemeinsamen «Abenteuer»: spontane Ausflüge, lebhafte Diskussionen oder das gemeinsame Kochen und Kennenlernen neuer Gerichte (siehe Abb. 13). Für alle vier Studierenden steht fest: Diese Momente sind es, die sie um nichts in der Welt missen möchten.

Weiterführende Links:
- Titelbild via Kayak
- Partneruniversitäten der FHNW
- Outgoing Students, FHNW
- Infoanlässe für Interessierte
- Studentische Wohnungssuche in Tampere: https://toas.fi/en/
- Wohnheim Lapinkaari: https://toas.fi/en/asuntokohde/lapinkaari/
- Studentenunterkünfte in Zwolle
- Windesheim Exchange Webseite
- Zwolle ESN
- Festival Harmony of Hardrock in Erp, Nähe Eindhoven.
Lino Buysse
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