Buch des Monats April 2026

Ludovic Lecomte: Hundertsiebenundachtzig Tage
Die Geschichte beginnt am 187. Tag. Für den namenlosen Protagonisten und Erzähler ein sehr wichtiger Tag, auf den er lange hingearbeitet hat, genau genommen seit 186 Tagen. Er will an diesem Tag zum ersten Mal das Haus verlassen und es bis zum Bäcker schaffen. Allein die Vorstellung, die Türklinke herunterzudrücken, löst in ihm eine kaum greifbare Angst aus, die zu Panikattacken und Angstzuständen führt. Seine Eltern, seine Therapeutin und eine Freundin aus dem Netz mit ähnlichen Symptomen begleiten und unterstützen ihn. Aber am meisten ist er natürlich selbst gefordert. Das Schreiben hilft ihm, ein einigermassen strukturierter Tagesablauf und regelmässige Atemübungen auch. Seine Verwirrung, seine Niedergeschlagenheit und die schier unüberwindbaren Ängste werden in der Sprache deutlich. Manchmal ist der Erzählton locker, dann kommen die Sätze fliessend und ruhig. Wenn Angst aufkommt, schreibt der Erzähler in Wortfetzen, abgehackt und in Bruchstücken. Diese sprachlich ungewohnten Ausdrucksweisen helfen mit, dass sich Lesende so gut in die Hauptfigur einfühlen können. Seine Panikattacken, die man sich real kaum vorstellen kann, werden erlebbar und nachfühlbar. Selten hat ein Text solche Zustände dermassen treffend und begreifbar beschrieben. Ein sehr wichtiges Buch, das Empathie auslöst und viel zum gegenseitigen Verstehen beitragen kann. Dieser Roman sollte in keiner Schulbibliothek fehlen. Die Lektüre lohnt sich für Jugendliche und Erwachsene gleichermassen. 112 Seiten.
Ludovic Lecomte: Hundertsiebenundachtzig Tage. Aus dem Französischen von Nadine Püschel. mixtvision 2026. ISBN: 978–3–95854–254-9
Rezension: Maria Riss