Caryl Lewis: Wenn die Bienen schweigen

Es gibt keine Bienen mehr, die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Mit elf Jahren wird Jess, wie alle Mädchen ihres Alters, in ein Arbeitscamp gebracht. Dort müssen die Mädchen mit Pinseln Pflanzen, vor allem Obstbäume, bestäuben. Eine eintönige und harte Arbeit. Aber nicht nur die Arbeit ist überaus anstrengend, die Mädchen erhalten wenig Essen, werden ausgenutzt und überwacht wie Gefangene. Hohe Mauern und viele Soldaten machen ein Entkommen unmöglich. Es ist schrecklich heiss, zudem wirbelt ein trockener Wind dauernd Staub und Sand auf und macht das Atmen schwer. Im Unterschied zu den meisten andern Mädchen kam Jess als Kind in Kontakt mit Menschen, welche die Welt von früher kannten und ihr davon erzählt haben. Sie hat auch erfahren, dass es im hohen Norden Menschen geben soll, die anders leben – in Freiheit und Würde. Auch lesen und schreiben kann Jess, ihre Mutter hat es ihr heimlich beigebracht. Schon früh war Jess eine sehr talentierte Zeichnerin. Sie kann so vieles mit Hilfe von Farben und Pinsel ausdrücken: Gefühle, Stimmungen oder Träume. Durch Zufall gelangt Jess im Camp an Farben. Eines Nachts schleicht sie sich hinaus. Im Licht des Mondes malt sie ein grossflächiges, wunderschönes Bild an die hohen Mauern. Ein Bild, das all ihre Gefühle, die Angst sowie die grosse Sehnsucht nach Liebe und Freiheit ausdrückt. Dieses Bild verändert die Stimmung im Camp schlagartig. Die Mädchen fangen an zu spüren, was ihnen alles fehlt und wonach sie sich sehnen. Sie beginnen sich zu wehren und verweigern den Gehorsam, auch einige ihrer Bewacher:innen schliessen sich an. Es ist lebensgefährlich für alle und doch gelingt ihnen die Flucht. Auch Jess und ihre beste Freundin sind dabei. Was sie in der Freiheit erwartet, ob sie es schaffen in den Norden zu gelangen bleibt am Ende der Lektüre offen.
Es ist sehr wichtig, dass es Autorinnen wie Caryl Lewis gibt, die über genug Vorstellungskraft und sprachliches Können verfügen, um ein solches Szenario darzustellen. Das vorliegende Buch ist nicht nur ein dystopischer Zukunftsroman, was unsere Umwelt betrifft, die Geschichte führt auch vor Augen, wie schlimm es sein kann, wenn Menschen gleich gemacht werden und ihre Identität dabei verloren geht. Jess wehrt sich, sie will ein anderes Leben und sich selbst niemals aufgeben. Sie hat gelernt, sich mit ihrer Malerei auszudrücken und zeigt andern einen Weg, ihre Gefühle wahrzunehmen und sich aufzulehnen. Das braucht allen Mut, den sie hat. Ein eindringlich verfasster Roman für Jugendliche und Erwachsene gleichermassen. 304 Seiten.
Caryl Lewis: Wenn die Bienen schweigen. dtv Reihe Hanser 2026. ISBN: 978-3-423-65052-6
Rezension: Maria Riss