Der Pflegebereich steht unter Druck: Fachpersonal ist knapp, gleichzeitig steigt der Bedarf an Betreuung und Unterstützung. Im Blockmodul «Pflegerobotik» der Hochschule für Technik und Umwelt FHNW untersuchten Studierende, wie Robotik, Automatisierung und Künstliche Intelligenz Pflegeinstitutionen konkret unterstützen können – nicht als Ersatz für menschliche Pflege, sondern als Entlastung im Alltag.
Robotik als Unterstützung im Pflegealltag
Roboter in der Pflege lösen schnell grosse Fragen aus: Werden sie künftig Menschen ersetzen? Können sie pflegerische Handlungen übernehmen? Oder liegt ihr Potenzial eher dort, wo monotone, körperlich belastende oder zeitraubende Aufgaben den Pflegealltag erschweren?
Genau diesen Fragen widmeten sich Studierende der Hochschule für Technik und Umwelt FHNW im Blockmodul «Pflegerobotik». In Zusammenarbeit mit mehreren Pflegeinstitutionen analysierten sie konkrete Alltagssituationen, testeten technische Lösungen und entwickelten Ideen, wie Robotik und Automatisierung Pflegefachpersonen sinnvoll entlasten können.
Im Fokus standen unter anderem autonome, mobile Transportroboter, Exoskelette, Sturzsensoren, KI-gestützte Dokumentation sowie soziale Roboter. Die Studierenden arbeiteten nicht abstrakt, sondern direkt an realen Einsatzorten. Sie arbeiteten unter anderem mit dem Alterszentrum am Bachgraben in Allschwil, dem Alters- und Pflegeheim Reiden, dem Seniorenzentrum Untergäu sowie dem Pflegezentrum Süssbach AG in Brugg zusammen. Dort beobachteten sie Abläufe, sprachen mit dem Personal und prüften, welche Aufgaben sich technisch unterstützen lassen.
Von Spitallogistik bis Pflegealltag: Einblicke aus der Praxis
Ein wichtiger Bestandteil des Blockmoduls war zudem der Besuch am Inselspital Bern. Die Studierenden erhielten dort Einblick in den Robotikeinsatz aus Sicht der Spitallogistik. Im Zentrum standen ein Vortrag und eine Diskussionsrunde mit Oliver Merkel, Prozess- und Projektmanager, B+L Supply Chain Services bei der Insel Gruppe, zum Thema «Robotikeinsatz im Spital aus Sicht der Spitallogistik».
Dabei wurde deutlich, dass Robotik im Gesundheitswesen nicht nur in der direkten Pflege relevant ist, sondern bereits heute vor allem dort ansetzt, wo Waren, Materialien, Wäsche oder Medikamente zuverlässig und effizient bewegt werden müssen.
Einblicke in den Besuch am Inselspital Bern
Quelle Bilder: Insel Gruppe
Im Alterszentrum am Bachgraben in Allschwil stand unter anderem der Einsatz eines Transportroboters im Speisesaal im Fokus. Die Studierenden prüften gemeinsam mit dem Personal, wie der Roboter das Abräumen und den Transport im Servicealltag unterstützen kann. Zu Beginn wurde für fast jeden Tisch ein eigener Haltepunkt eingerichtet. In der Praxis führte das jedoch dazu, dass der Roboter häufig stoppen musste und der Ablauf eher langsamer wurde.
Die Studierenden passten deshalb das Vorgehen an: Statt viele einzelne Tische anzufahren, wurden grössere Bereiche definiert – etwa «Tische A» und «Tische B». War ein Bereich vollständig abgeräumt, konnte das Servicepersonal den Auftrag abschliessen und der Roboter fuhr automatisch zum nächsten Ziel. Das Beispiel zeigt, wie entscheidend die Prozessgestaltung ist: Der Nutzen entsteht nicht allein durch den Roboter, sondern durch die passende Einbindung in den Arbeitsalltag.
Auch im Wohnbereich wurden Einsatzmöglichkeiten geprüft. Dort ging es etwa um mobile Schränke, kürzere Laufwege und den Transport schwerer Lasten. In Reiden analysierten die Studierenden zusätzlich typische Belastungssituationen in der Morgenpflege, beim Transfer von Bewohnerinnen und Bewohnern, beim Wäsche-, Abfall- und Geschirrtransport sowie im Rapportwesen. Als mögliche Lösungen diskutierten sie unter anderem Exoskelette, Logistikroboter und KI-gestützte Spracherfassung für Pflegedokumentationen.
Ein weiteres Praxisbeispiel stammt aus dem Pflegezentrum Süssbach AG in Brugg. Dort setzten sich die Studierenden mit der Frage auseinander, wie ein Pudu-Serviceroboter Pflegefachpersonen im Alltag unterstützen könnte. Im Zentrum standen einfache, wiederkehrende Transport- und Serviceaufgaben: Schmutzwäsche, Geschirr oder Getränke transportieren, Wasserrunden unterstützen, Zimmerrunden begleiten oder Zeitungen verteilen.
«So ein Roboter kann den Pflegealltag erleichtern, weil er Aufgaben übernimmt und dadurch mehr Zeit für die Bewohnerinnen und Bewohner bleibt», hielten die Studierenden dazu fest.
Der Einsatz im Pflegezentrum Süssbach AG in Brugg macht aber auch die zentrale Spannung sichtbar: Pflegerobotik ist nie nur eine technische Frage. Entscheidend ist, ob Bewohnende und Pflegende solche Systeme akzeptieren und ob sie sinnvoll in den Alltag eingebunden werden. Gerade im Pflegeheim stellt sich zudem besonders deutlich die Frage, wie technische Unterstützung gestaltet werden kann, ohne dass Menschlichkeit und persönliche Zuwendung in den Hintergrund rücken.
Pflegerobotik braucht Prozessintegration und Akzeptanz
Der Blick auf die Praxis zeigte damit nicht nur Potenzial, sondern auch Grenzen. Pflegeumgebungen sind komplex: Türen, Lifte, enge Räume, wechselnde Situationen und hohe Anforderungen an Sicherheit und Datenschutz stellen technische Systeme vor Herausforderungen. Robotiklösungen entfalten ihren Nutzen erst, wenn sie zu den Abläufen, Räumen, Aufgaben und Menschen vor Ort passen.
Prof. Dr. Roland Anderegg, Leiter des Instituts für Automation FHNW, sieht realistische Einsatzmöglichkeiten für Robotik sowohl in der Pflege als auch in der Hotellerie von Pflegeinstitutionen. Besonders naheliegend seien logistische Aufgaben: «Der Transport und gewisse Servicedienstleistungen können von Robotern übernommen werden», erklärt Anderegg. In der Pflege selbst seien Exoskelette ein wichtiges Thema; auch soziale Robotik könne eine Rolle spielen.
Entscheidend sei jedoch, dass Robotik nicht als isolierter Technikversuch verstanden werde.
Automationsprojekte seien grundsätzlich soziotechnische Projekte – im Pflegebereich gelte dies in besonderem Masse.
Auch die Einbindung in bestehende Abläufe gehört für Anderegg zu den zentralen Erfolgsfaktoren. Pflegepersonen müsse klar kommuniziert werden, dass Roboter eine Chance zur Arbeitsunterstützung seien – nie ein Ersatz für Personal. Gleichzeitig bleiben technische Hürden: Kollisionserkennung, Pfadplanung, Sicherheitstechnik und digitale Schnittstellen zu weiteren Pflegehilfen oder Logistikeinrichtungen, etwa zu Liften für mobile Roboter, müssen zuverlässig funktionieren.
Eine zentrale Erkenntnis des Moduls: Der Erfolg solcher Technologien hängt stark vom Change Management ab. Pflegefachpersonen müssen früh einbezogen werden, Einsatzszenarien müssen verständlich sein und der Nutzen muss im Alltag spürbar werden. Zentral blieb dabei der Grundsatz: Die Systeme sollen Pflegefachpersonen unterstützen und entlasten – nicht ersetzen.
Soziale Roboter: Unterstützung mit ethischen Grenzen
Neben Transport- und Assistenzsystemen spielten auch soziale Roboter eine Rolle. Sie können zum Beispiel Interaktion fördern, Bewohnerinnen und Bewohner aktivieren oder in bestimmten Situationen beruhigend wirken. Prof. Dr. Oliver Bendel, der sich intensiv mit Informationsethik, Maschinenethik und sozialen Robotern beschäftigt, sieht hier unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten:
Auch Assistenzroboter mit sozialen Merkmalen könnten die persönliche Autonomie unterstützen, etwa wenn sie Gegenstände reichen oder einfache Handlungen ermöglichen.
Gleichzeitig warnt Bendel vor falschen Erwartungen. Besonders kritisch sei es, wenn Roboter Nähe, Emotionen oder Empathie simulieren. «Wenn die Pflegebedürftigen noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, ist es verantwortungslos, sie mit Robotern als Gefährten abzuspeisen», sagt Bendel. Solche Beziehungen seien immer einseitig. Auch bei Menschen mit Demenz müsse genau hingeschaut werden: Therapeutische Roboter wie Paro könnten zwar positive Effekte haben, Menschen und Tiere aber nicht ersetzen.
Akzeptanz und Vertrauen spielen dabei eine zentrale Rolle. Nach Bendels Einschätzung muss insbesondere die Akzeptanz bei Angehörigen und Pflegefachpersonen gestärkt werden. Bei Pflegebedürftigen entstehe Akzeptanz vor allem dann, wenn der Mehrwert des Roboters sichtbar werde. Wichtig sei zudem das Design: Roboter sollten freundlich wirken, aber nicht zu menschenähnlich sein.
Auch ethisch bleibt der Einsatz anspruchsvoll. Soziale Roboter und Assistenzroboter können laut Bendel persönliche Autonomie stärken, zugleich aber die informationelle Autonomie schwächen. Der Grund: Viele Systeme arbeiten mit Kameras und Sensoren. Bendel weist deshalb darauf hin, dass technische Alternativen wie Infrarotsensoren, Lidar-Systeme oder Umrisserkennung helfen können, Eingriffe in Privat- und Intimsphäre zu reduzieren.
Soziale Roboter und Mensch-Technik-Interaktion
Quelle Bilder: informationsethik.net / Oliver Bendel
Pflegerobotik im Alltag: Entlastung entsteht durch passende Lösungen
Die Auseinandersetzung mit Pflegerobotik zeigte, wie breit das Thema ist: Es reicht von klassischer Automation über mobile Robotik und Sensorik bis zu Künstlicher Intelligenz und Mensch-Technik-Interaktion. Für die Studierenden bedeutete das, technische Lösungen nicht nur zu programmieren oder zu bewerten, sondern sie im sozialen, organisatorischen und wirtschaftlichen Kontext zu verstehen.
Inhaltlich verbindet das Thema mehrere Bereiche, die für die Hochschule für Technik und Umwelt FHNW zentral sind: Robotik und Automatisierung, Gesundheit und Medtech sowie die Frage, wie technische Innovationen gesellschaftliche Herausforderungen adressieren können. In der Pflege wird besonders deutlich, dass Technologie nicht für sich allein überzeugt. Sie muss dort ansetzen, wo sie echte Entlastung schafft – und sie muss so gestaltet sein, dass Menschen sie im Alltag akzeptieren und nutzen können.
Pflegerobotik ist kein einfacher Ersatz für menschliche Pflege. Das Blockmodul zeigte aber, dass Robotik, Automatisierung und KI dort grosses Potenzial haben, wo sie Pflegefachpersonen von wiederkehrenden, körperlich belastenden oder administrativen Aufgaben entlasten. Entscheidend ist nicht die spektakulärste Technologie, sondern die richtige Frage: Welches Problem im Pflegealltag soll konkret gelöst werden?










