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Mathias Binswanger unter den einflussreichsten Ökonomen der Schweiz

Der Wirtschaftsprofessor belegt im NZZ-Ranking erneut einen Spitzenplatz. Im Interview spricht er über Wachstum, Nachhaltigkeit und den Einfluss der Corona-Pandemie.

Warum gilt in der Wirtschaftspolitik Wachstum als primäres Ziel?

Prof. Dr. Mathias Binswanger: Weil die Wirtschaft ohne Wachstum schnell in Probleme gerät, welche auch die Politik betreffen. Am besten lassen wir hier Angela Merkel mit einem Originalzitat zu Wort kommen: „Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen. Und umgekehrt: Mit Wachstum Investitionen, Arbeitsplätze, Gelder für die Bildung, Hilfe für die Schwachen und – am wichtigsten – Vertrauen bei den Menschen.“ Wenn Politiker und Politikerinnen so denken, dann muss Wachstum das primäre Ziel sein.

Welche sozialen Folgen hat es, wenn die Wirtschaft nicht wächst oder gar schrumpft?

Binswanger: Es gibt nur die Alternativen Wachstum oder Schrumpfung. Kaum wächst die Wirtschaft nicht mehr, beginnen Unternehmen vermehrt Verluste zu machen und es kommt zu Entlassungen, was wiederum bei anderen Anbietern zu Verlusten führt. Um eine solche Abwärtsspirale zu vermeiden braucht es Wachstum. Die sozialen Folgen bestehen in erhöhter Arbeitslosigkeit, sinkenden Einkommen und damit verbundenen Problemen der weiteren Finanzierung des Sozialstaates.

Bedeutet Wirtschaftswachstum zwangsläufig auch ein Wachsen des Rohstoff- und Energieverbrauchs und damit der Umweltzerstörung?

Binswanger: Nein der Zusammenhang ist nicht zwingend. Wir können eine Einheit des BIP mit mehr oder weniger Energieverbrauch oder Umweltzerstörung produzieren. Es gibt ein erhebliches Potential, das Wirtschaftswachstum weiter von Energie- und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln und damit auch die CO2-Emissionen zu verringern. Allerdings ist das in Ländern wie Deutschland oder der Schweiz relativ leicht möglich, weil wir ressourcenintensive Produkte zu einem grossen Teil importieren und Emissionen deshalb im Ausland anfallen. Wir müssen den Zusammenhang deshalb auf globaler Ebene anschauen, und dort ist es bis heute nicht gelungen, einen absoluten Rückgang der CO2-Emissionen bei weiterem BIP-Wachstum hinzubekommen. Die Entkopplung stösst aber immer wieder an Grenzen wegen des Rebound-Effekts: Jede Produktivitätssteigerung ist immer auch eine Chance wieder mehr zu produzieren, so wie es die Wachstumslogik der Wirtschaft verlangt.

Wie müsste eine Wirtschaftsordnung aussehen, die das Ziel „Nachhaltigkeit“ ernsthaft verfolgt und erreichen kann?

Binswanger: Am stärksten ist der Druck zur Gewinnmaximierung bei an der Börse kotierten Aktiengesellschaften. Es geht dort um die Maximierung des Shareholder Values, der von den Erwartungen zukünftiger Gewinne und den daraus bezahlten Dividenden abhängt. Lebt eine Aktiengesellschaft dem Shareholder-Value-Gedanken nicht nach, dann wird sie schnell zur Übernahmekandidatin an der Börse. Solche Unternehmen werden dann aufgekauft, und das Management ausgetauscht, damit wieder ein maximaler Gewinn angestrebt wird. Aus diesem Grund kann man vom Management einer Aktiengesellschaft nicht erwarten, dass jetzt plötzlich Nachhaltigkeit zu einem primären Ziel wird. Bei anderen Unternehmensformen (z.B. Genossenschaften) ist es hingegen möglich, auch andere Ziele als Gewinnmaximierung ernsthaft zu verfolgen. Will man den Wachstumszwang mildern, muss man sich auch überlegen, welche Unternehmensformen dies ermöglichen.

Wird die Corona-Pandemie die Wirtschaft nachhaltig verändern?

Binswanger: Nein, das glaube ich nicht. Schon jetzt ist wieder alles auf Wachstum ausgerichtet und wie wir möglichst schnell wieder aus der Krise herauskommen. Ein paar kleinere Änderungen werden aber bleiben. Viele Unternehmen haben gemerkt, dass sie auch mit mehr Home-Office bestens funktionieren. Und wahrscheinlich werden auch weniger Leute auf Kurzstrecken fliegen.

Weitere Informationen

Vollständiges NZZ-Ökonomen-Ranking

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