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25.05.2021 |

«Die Leute müssen nicht alle gleich leben, aber sie sollen die gleichen Chancen haben»

Wer sich mit dem Thema Funktionale Gesundheit beschäftigt, stösst schnell auf Prof. Dr. Daniel Oberholzer. Was sich hinter dem Begriff Funktionale Gesundheit verbirgt, wie er zu diesem Thema kam und was ihn daran besonders interessiert, erzählt er im Interview.

Beginnen wir beim Thema Funktionale Gesundheit. Wofür steht dieser Begriff?

Funktionale Gesundheit ist ein Modell, welches die WHO geschaffen hat, um Behinderungen zu beschreiben und zu klassifizieren. Für die Klassifikation hat die WHO eine wichtige Norm geschaffen: Gemäss dem Ansatz der Funktionalen Gesundheit gilt eine Person dann als funktional gesund oder als nicht behindert, wenn sie möglichst kompetent und gesund an möglichst normalisierten Lebens- und Entwicklungssituationen teilnimmt und teilhat.

Von dieser Kernaussage konnten wir einen klaren Auftrag für die Behindertenhilfe ableiten; nämlich, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung und Behinderung die Chance haben müssen, möglichst normalisiert, möglichst kompetent und möglichst gesund am Leben teilzuhaben. Unsere Arbeit war es, von diesem einfachen Modell ein Konzept für die agogische Praxis abzuleiten.

Was bedeutet in dieser Aussage «möglichst kompetent, gesund und normalisiert»?

Wir können in der Behindertenhilfe zusammen mit den Menschen beurteilen, was für sie dieses «möglichst» bedeutet. Das schliesst an Gerechtigkeitsansätze wie beispielsweise dem Capability Approach an, die sagen: Die Leute müssen nicht alle gleich leben, aber sie sollen alle die gleichen Chancen haben. Das «möglichst» lässt Offenheit zu. Es kann bedeuten, dass die Teilhabe eines Menschen mit Beeinträchtigungen nicht ganz «normalisiert» sein muss, wenn es zugunsten der Person ist.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Ja. Bei einer Person, die das Prader-Willi-Syndrom hat, ist es ungünstig, wenn sie an einem Ort wohnt, an dem in normalisierter Form Essen frei zur Verfügung steht. Also ein Ort, an dem jeder sein Essen selbstständig aus dem Kühlschrank nehmen kann. Diese Person könnte aufgrund ihrer Krankheit und Beeinträchtigung nicht mit dem Essen aufhören, was gravierende Folgen haben würde. Andererseits gibt es immer noch Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung, die in begleiteten Wohngemeinschaften leben, in denen die Kühlschränke abgeschlossen sind. Sie müssen Begleitpersonen fragen, wenn sie etwas essen möchten. Das ist nicht normalisiert und muss geändert werden.

Das Thema Funktionale Gesundheit ist für Sie ein Kernthema in Ihrer Tätigkeit als Dozent und Wissenschaftler. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Ich bin über die Praxis zu diesem Thema gekommen. Die Themen Selbstbestimmung und Selbstvertretung in der Behindertenhilfe haben mich von Anfang an interessiert. Ich habe noch an Orten gearbeitet, an denen zu dieser Zeit Menschen mit Behinderungen auch tagsüber in Betten gelegen oder ihre Tage auf den Endlosfluren ohne richtige Bekleidung verbracht haben und habe anschliessend die Bemühungen um Enthospitalisierung miterlebt. Als ich das letzte Praktikum gemacht habe, war für mich eigentlich klar, dass ich nie in der Behindertenhilfe arbeiten möchte. Ich habe einige Jahre gebraucht, bis ich dahin zurückkehrte. Eine Motivation zur Rückkehr waren meine Arbeiten für den Schweizerischen Nationalfonds am Institut für Sonderpädagogik der Universität Zürich. Da wurden auch das Modell und die Möglichkeiten der Funktionalen Gesundheit diskutiert und an Umsetzungsmöglichkeiten als Klassifikation und als Konzept gearbeitet. Wir haben da schnell erkannt, dass mit der Funktionalen Gesundheit Entwicklungen angestossen werden können.

An der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW leiten Sie ein CAS-Programm zum Thema Funktionale Gesundheit. Für wen ist dieses konzipiert?

Das CAS-Programm Funktionale Gesundheit richtet sich an alle, die mit der Umsetzung von Teilhabekonzeptionen in der Behindertenhilfe betraut sind. Das können Personen mit einer Leitungsfunktion sein, aber auch Personen, die in der Praxis Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen begleiten. Das CAS-Programm lebt von der Vielfalt der Teilnehmenden und persönliche und fachliche Kontakte bleiben oft auch über den CAS hinaus bestehen.

Porträt von Timotheus Scheible

Aus dem CAS Funktionale Gesundheit habe ich sehr viel für meine tägliche Arbeit mit den Klient*innen mitgenommen. Am eindrücklichsten für meinen Alltag ist der Wandel vom Behandlungsparadigma hin zu einem Lern- und Entwicklungsparadigma in der täglichen Begleitung. Wir behandeln keine «kranken» Menschen, sondern wir begleiten Menschen, die funktional völlig gesund sind und bieten ihnen die Qualität der Teilhabe, die für sie in ihrem Entwicklungsalter und in ihrer individuellen Lebenssituation die passende ist.

Timotheus Scheible, Teamleiter Ungarbühl

Was möchten Sie den Teilnehmenden als Dozent in erster Linie vermitteln?

In der Gerechtigkeitsforschung ist das zentrale Thema «das gute Leben». Das möchte ich auch im CAS-Programm ins Zentrum stellen. Letztlich nehmen die Teilnehmenden auch viel für sich selbst mit und lernen sich selbst besser kennen. Für mich ist es zudem wichtig, dass die Teilnehmenden die Möglichkeit haben, ohne Druck über ihre Arbeit und ihre Arbeitsorte nachzudenken und vorhandenes Wissen neu zu entdecken. Im eigenen Berufsalltag ist das oft schwierig. Das CAS-Programm Funktionale Gesundheit zeigt ihnen, wie Teilhabe in der Praxis wirkungsorientiert konzeptualisiert, gestaltet und weiterentwickelt werden kann.


Porträt von Pascaline Wagner

Das Erlernte aus dem CAS Funktionale Gesundheit hilft mir, die normalisierte Teilhabe an die Basis zu bringen mit dem Ergebnis, dass die Lebensbedingungen im Alltag aller Betroffenen eine gute Qualität zeigen!

Pascaline Wagner, Stv. Geschäftsführerin Vivazzo Stiftung

Sie stehen als Programmleiter des CAS Funktionale Gesundheit nicht nur in einem oder zwei Modulen als Dozent im Einsatz, sondern bestreiten den Grossteil der Module. Welches sind für Sie die tollen Momente als Dozent in diesem CAS-Programm?

Eindrückliche Momente erlebe ich, wenn ich sehe, was die Teilnehmenden während des Programms in ihren Praxen umsetzen oder wenn ich auf ihre Abschlussarbeiten schaue. Dann wird mir klar, dass wir mit der Weiterbildung etwas bewegen können und die Praxis weiterentwickeln.

Ich stehe zudem auch immer wieder in Kontakt mit ehemaligen Teilnehmenden des CAS-Programms, die am Thema dranbleiben und mit Fragen zurückkehren. Diese Erlebnisse zeigen mir, dass das CAS-Programm nachhaltig ist und die Teilnehmenden das Wissen in die Praxis bringen und sich weiter mit dem Thema der Funktionalen Gesundheit beschäftigen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen zum CAS Funktionale Gesundheit

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