Historische und Praktische Betrachtungen zum Phänomen des Liederzyklus
Fast alle Kommentatoren sind sich über die Geburtsstunde des Liederzyklus als Gattung: diese war im April 1816, als Ludwig van Beethoven An die ferne Geliebte komponierte. Allerdings dauerte es mehrere Jahrzehnte, bis die ersten Liederzyklen der Öffentlichkeit präsentiert wurden – so wurde erst 1856 erstmals ein Liederzyklus von Schubert im Konzertsaal aufgeführt (Die schöne Müllerin, gesungen von Julius Stockhausen). Und erst in den 1860er Jahren begann man zu formulieren, was eigentlich einen «Liederzyklus» ausmacht, und die Geschichte des Genres bleibt nach wie vor von Unsicherheit geprägt. In der neuesten Ausgabe von Musik in Geschichte und Gegenwart, zum Beispiel, schreibt Ludwig Finscher, es sei überhaupt unklar, was man unter einem «Liederzyklus» verstehen wolle.
Ein Blick auf einige der bedeutendsten Liederzyklen – wie Beethovens An die ferne Geliebte, Schuberts Winterreise, Schumanns Dichterliebe, Mussorgskys Kinderstube oder Brittens Notturno beweist, dass es kaum Gemeinsamkeiten gibt, ausser der Verwendung einer Solostimme mit Begleitung. Einige Zyklen haben ein klares Tonartenschema, andere hingegen nicht; einige erzählen eine Geschichte oder haben ein übergreifendes Thema oder Programm, andere nicht. Manchmal bezeichnet ein Komponist ein Werk als «Liederzyklus», obwohl es in Wirklichkeit keiner ist (z.B. Eine Frühlingsliebe op. 12 vom Schweizer Komponisten Wilhelm Baumgartner [1820-67]); und in anderen Fällen verzichtet ein Komponist auf die Bezeichnung «Zyklus» für eine Liedersammlung, obwohl es darin motivische oder textliche Gemeinsamkeiten gäbe, die eine Aufführung als Zyklus de facto voraussetzen (z.B. Bartóks Fünf Lieder op. 15).
Dieses Forschungsprojekt «Eine Geschichte des Liederzyklus» untersucht die Geschichte des Liederzyklus aus praktischer und wissenschaftlicher Sicht, von den Anfängen bei Beethoven, Weber und Schubert über die Zyklen der Romantik und Moderne (Wagner, Mahler, Strauss, Schönberg usw.) bis in die heutige Zeit. Verschiedene Themenkreise werden behandelt, darunter z.B. «Der Wanderer» und «Die ferne Geliebte», die über die vergangenen 200 Jahre immer wieder als Thema von Liederzyklen vorkommen. Aber auch die Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte und die gesellschaftliche Rolle des Liederzyklus im Konzertleben und auf Platte/CD werden untersucht. Gängige Vorstellungen über die Geschichte des Liederzyklus werden auch hinterfragt, u.a. indem die bedeutende Rolle von Komponistinnen und Dichterinnen im Liederzyklus des 19. Jahrhunderts untersucht wird.
Der wissenschaftliche Teil des Projekts wird Seminare für Bachelor- und Masterstudierende und Vorträge im Rahmen der Forschungsveranstaltungen der Hochschule für Musik Basel und der Schola Cantorum Basel bieten. Lecture-Rezitals und Workshops für SängerInnen und PianistInnen, Wettbewerbe für neue Liederzyklen, und Konzertkooperationen mit Partnern in Basel und in der Innerschweiz sollen Bachelor- und Master-Studierende Möglichkeiten bieten, sich mit diesem Genre unter fachkundiger Leitung auseinanderzusetzen. Im dritten Jahr des Projekts wird eine Tagung stattfinden, wo praktische und wissenschaftliche Inhalte gleichermassen zum Zuge kommen. Die Veröffentlichung des Projekts werden Zeitschriftenartikel, einen Tagungsband und eine umfassende englischsprachige Geschichte des Liederzyklus beinhalten.
Veranstaltungen & Publikationen

Studientage Julius Stockhausen

Ausschreibung Wettbewerb Lieder-Zyklus Clara Schumann
Projektdetails
- Typ
- Forschungsprojekt
- Forschungsfeld
- Performing Sources
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Musik Basel / Hochschule für Musik Basel, Klassik
- Partner
- Klassen der Hochschule für Musik Basel:
Gesang, Klavier, Komposition, Theorie;
Othmar Schoeck-Festival Brunnen,
Richard Wagner-Gesellschaft Schweiz,
LIEDBasel - Förderung
- Fonds zur Forschung an der HSM Basel FHNW
- Laufzeit
- September 2024 – August 2028
- Mitarbeit
- Dr. Chris Walton,
Dr. Christoph Moor,
Prof. Jan Schultsz,
Prof. Christian Hilz
Kontakt

Dr. Chris Walton
- Telefon
- +41 61 333 13 13 (Zentrale)
- chris.walton@fhnw.ch

Julia Kirchner
- Telefon
- +41 61 264 57 89
- julia.kirchner@fhnw.ch
