Jedes Jahr werden in der Schweiz über 1 Mio. Fenster ersetzt – oft lange bevor es technisch notwendig wäre. Gregor Steinke, Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Nachhaltigkeit und Energie am Bau der Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik FHNW forscht daran, wie Bauteile länger genutzt, ertüchtigt und wiederverwendet werden können. Sein Ziel: Im Sinne des FHNW-Zukunftsfelds Zero Emission den Blick der Baubranche auf die grauen Treibhausgasemissionen lenken und so einen kulturellen Wandel im Bauen anstossen.
Ich bin Architekt und Energieingenieur. Diese Kombination prägt meine Arbeit. Als Architekt habe ich gelernt, den Bestand zu schätzen. Gebäude erzählen Geschichten, sie tragen Material und wertvolle Ressourcen in sich, die bereits investiert wurden. Als Energieingenieur weiss ich, wie viel CO₂ in jedem Bauteil steckt. An der Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik FHNW kann ich beides in Forschung und Lehre verbinden.
In den letzten Jahrzehnten haben wir im Gebäudebereich stark auf die Betriebsenergie geschaut. Ist das Gebäude gut wärmegedämmt? Wie lässt sich Heizenergie sparen? Das haben wir zunehmend im Griff. Doch heute verursacht die Herstellung der Baustoffe eines Neubaus oft mehr CO₂, als anschliessend in 30 Jahren Betrieb emittiert wird. Der Blick muss sich also auf die sogenannten grauen Treibhausgasemissionen richten und damit auf die Frage: Was können wir erhalten, ertüchtigen und wiederverwenden, anstatt neu zu produzieren?
Neues Leben für alte Fenster
Besonders fasziniert mich die Gebäudehülle und hier vor allem die Fenster. Sie werden durchschnittlich alle 30 bis 40 Jahre ausgetauscht und sind damit deutlich kurzlebiger als das Gebäude selbst. Rund 1.8 Millionen Fenstereinheiten werden pro Jahr in der Schweiz verkauft, davon ersetzen etwa 1.1 Millionen bestehende Fenster. Das ist ein enormer Materialstrom.
Häufig erlebe ich, dass bei Sanierungen pauschal alles ersetzt wird, weil es einfach der übliche Standard ist. Dabei gibt es gute Alternativen. Man kann die Verglasung austauschen, wenn der Rahmen noch intakt ist. Man kann Scheiben mit einem innovativen Verfahren aufdoppeln, um die Wärmedämmwirkung zu verbessern. Man kann Rahmen reparieren und Dichtungen ergänzen. Im Grunde geht man damit zurück zu einem Prinzip, das früher selbstverständlich war: Bauteile so lange nutzen, wie es technisch möglich ist.
In unserem Forschungsprojekt FenSanReuse am Institut Nachhaltigkeit und Energie am Bau haben wir untersucht, unter welchen Bedingungen eine energetische Ertüchtigung bestehender Fenster sinnvoller ist als ein Komplettersatz. Wir haben eine Wegleitung entwickelt, die Planenden und Fensterbauern als Entscheidungshilfe dient. Und wir haben Empfehlungen für die Branche formuliert, Ertüchtigung und Reparatur als zusätzliches Geschäftsfeld zu etablieren – einschliesslich der Rücknahme und Aufbereitung gebrauchter Fenster.
Die Zahlen sprechen für sich. Würden nur 20 Prozent der jährlich ersetzten Fenster in den Re-Use gehen, also rund 200 000 Einheiten, liesse sich der CO₂-Ausstoss um etwa 10 000 Tonnen pro Jahr senken. Das ist ein konkreter Hebel.
Von der Forschung in die Praxis
Die Erkenntnisse aus FenSanReuse fliessen direkt in die Praxis. Zusammen mit dem Kanton Basel-Stadt erproben wir ein Standardverfahren, um Fenster vor einer Sanierung systematisch zu prüfen. Wir analysieren den Zustand vor Ort, messen optional U-Werte und Edelgasfüllgrad der Verglasung und erarbeiten auf dieser Grundlage massgeschneiderte Ertüchtigungsvarianten. Diese Untersuchung bietet das INEB auch als Dienstleistung an. So entsteht für jedes Objekt eine solide Entscheidungsgrundlage: Was lohnt sich energetisch und ökologisch? Erhalten, ertüchtigen oder ersetzen?
Neben Fenstern beschäftigen mich weitere Fragestellungen rund um Re-Use und Ökobilanzierung. Im Projekt ReWaModule untersuchen wir, wie Mauerwerk in Form geschnittener Wandmodule wiederverwendet werden kann. Dies ist ein vielversprechender Ansatz für den ressourcenschonenden Umgang mit mineralischen Baustoffen. Und in einem interdisziplinären Kollaborationsprojekt namens ReUseDigital arbeite ich mit dem Institut Digitales Bauen und dem Institut Geomatik zusammen an der Digitalisierung des gesamten Re-Use-Workflows. Wie können wir Bauteile beim Rückbau digital erfassen, KI-gestützt klassifizieren und über eine Datenbank direkt in die BIM-basierte Neuplanung integrieren? Den Proof of Concept entwickeln wir am Beispiel der Fenster.
Den Kreislaufgedanken verankern
Forschung allein reicht nicht. Die Erkenntnisse müssen in die Praxis und in die Ausbildung. An der FHNW unterrichte ich Architekturstudierende im Fach Haustechnik und Nachhaltiges Bauen und ich begleite Projektarbeiten am Institut Architektur und im Studiengang Energie- und Umwelttechnik. Besonders spannend finde ich, wenn Studierende den umgekehrten Entwurfsansatz entdecken. Nicht zuerst entwerfen und dann Materialien suchen, sondern schauen, was an bestehenden Strukturen nutzbar und an gebrauchten Bauteilen verfügbar ist, und den Entwurf darauf abstimmen. Viele finden diese Herangehensweise faszinierend. An der Hochschule nutzen wir die Möglichkeit, Lehre und Forschung direkt zu verbinden. Studierendenarbeiten fliessen in laufende Forschungsprojekte ein und umgekehrt.
Blick in die Zukunft
In meiner Vision für 2050 werden kaum noch Gebäude abgerissen. Naturbaustoffe haben einen grossen Anteil. Sämtliche Produktionsverfahren sind mit minimalem CO2-Ausstoss möglich, und die Materialkreisläufe sind geschlossen. Wir haben fast keine Bauabfälle mehr.
Dafür müssen wir kreislaufgerecht bauen und schon beim Entwurf an den Umbau und Rückbau denken. Ich vergleiche das gern mit dem Campieren. Mein Zelt baue ich auf und wieder ab, und das kann ich hundert Mal machen. Diesen Grundgedanken müssen wir aufs Bauen übertragen. Heute wird vieles verklebt und dauerhaft verbunden, was ein sortenreines Trennen erschwert. Wir brauchen Konstruktionen, die sich ohne grossen Verlust verändern und wiederverwenden lassen.
Wie kommen wir dahin? Entscheidend sind transparente Daten und praxistaugliche Instrumente. Wenn Planende und Bauherrschaften die ökologischen Kosten eines Abrisses und Neubaus gegenüber einer Ertüchtigung klar beziffern können, verändert das die Entscheidungsgrundlage. Genau dafür brauchen wir Forschung und daran arbeiten wir.
Für mich ist Bauen immer auch Verantwortung gegenüber der Zukunft. Jeder Fensterrahmen, den wir nicht wegwerfen, ist ein kleiner Beitrag zu einer Baukultur, die Bestand, Qualität und Ressourcen achtet. Wenn ich durch eine historische Altstadt gehe, sehe ich Gebäude, die seit Jahrhunderten durch geschicktes Umbauen, Reparieren und respektvollen Umgang mit der Bausubstanz lebendig geblieben sind. Diese Haltung möchte ich in unsere Forschung und Lehre tragen, damit an der Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik FHNW die Bausteine für Lebensräume einer emissionsärmeren Zukunft entstehen.
Kontakt
Weitere Stories
In der Reihe «Erzähl mal…» geben Mitarbeitende und Studierende der Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik FHNW Einblicke in Projekte, Themen oder Gremien, die ihnen am Herz liegen. Bisher haben die folgenden Personen erzählt:

Erzähl mal… Peter Mahler
- Datum
- 3.3.2025
- Institut
- Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik, Institut Geomatik

Erzähl mal… Beate Weickgenannt
- Datum
- 12.8.2024
- Institut
- Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

Erzähl mal... Sandra Tessarini
- Datum
- 26.3.2024
- Institut
- Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik
Institut Nachhaltigkeit und Energie am Bau
Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW
Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik Institut Nachhaltigkeit und Energie am Bau
Hofackerstrasse 30
4132 Muttenz






