«Dürfen wir Kirchen in Wohnraum umwandeln?» Nach einem pointierten Einführungsvortrag diskutiert der Architekturethiker Prof. Dr. Martin Düchs Fragen des IArch.
Über Verantwortung, Moral und Ethik in der Architektur

«Architekturschaffende sind strukturell immer in Konflikte verwickelt». Diese Beobachtung des Architekten und Philosophen Prof. Dr. Martin Düchs deckt sich mit der Erfahrung vieler im Publikum anwesender Studierender und Mitarbeitender des Instituts Architektur. Architekt:innen müssten stets zwischen den Partikularinteressen einer Vielzahl von Beteiligten, allgemeinen Forderungen wie jener nach ökologischer Nachhaltigkeit und ihrem eigenen fachlichen Anspruch vermitteln. Denn beim Architekturschaffen steht viel auf dem Spiel. Entwürfe und Projekte aus Kopf und Hand von Architekt:innen berühren Wohnen, Arbeit und Besitz ebenso wie den Umgang mit endlichen Ressourcen. Bauwerke, An-, Um- und Aufbauten betreffen das Kollektiv – sie prägen den öffentlichen Raum, werden von vielen genutzt und überdauern (im guten Fall) unsere individuellen Leben. Kurzum: Architektur schafft die Grundlagen für ein gutes Leben.

Vermutlich stammt daher die Idee, Architekt:innen müssten Haltung zeigen. «Eine Haltung hatte auch Alfred Speer», winkt Düchs ab. Entscheidender und im Architekturalltag weitaus hilfreicher sei es, rationale Argumente zu entwickeln, mit deren Hilfe moralische Entscheidungen intersubjektiv vermittelbar und systematisch begründbar sind. Dies leistet eine Architekturethik, die sich am «guten Leben» als Wertemassstab orientiert – und gar nicht so schwer nachvollziehbar ist. Das demonstrierte Düchs im Anschluss an seinen kurzweiligen Crashkurs, in dem er komplexe ethische Fragen mit beeindruckender Leichtigkeit anhand von sieben Prinzipien der Architekturethik erörterte. Gemeinsam mit dem Publikum diskutierte er beispielsweise, ob es angesichts drängender sozialer Probleme verantwortbar ist, umfangreiche Ressourcen in den Bau grosser Kulturhäuser zu investieren, oder welche Argumente angehende Architekt:innen dabei unterstützen, den Anforderungen von Hochschule und Praxis an ausufernde Arbeitsbereitschaft im Dienste der Leidenschaft für den schönsten aller Berufe zu begegnen.
Angesichts des hohen Unterhaltungswerts und der vielen drängenden Fragen waren die eineinhalb Stunden der Veranstaltung eindeutig zu kurz angesetzt. Die sieben ethischen Prinzipien geben uns indes ein Instrumentarium an die Hand, um Fragen der Verantwortlichkeit und moralische Entscheidungen in Zukunft selbst anzugehen.
