Weckruf für die Schweiz: Neue Studie untersucht Innovationsrückgang
Die Schweiz verfügt nach wie vor über starke Innovationszentren und global wettbewerbsfähige Sektoren. Allerdings sind Anzeichen von Ermüdung und Fragmentierung erkennbar.
Eine neue Studie der Hochschule für Wirtschaft FHNW, des KOF Instituts, der EPFL und der Universität St. Gallen untersucht, wie eine Auswahl von Unternehmen aus den sechs innovationsintensiven Branchen Chemie, Pharmazeutika & Biotechnologie, dem IT-Sektor, der Medizintechnik, Metalle/Elektro/Maschinen (MEM), Lebensmittel & Getränke und Finanzdienstleistungen neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsprozesse entwickelt und welche Hindernisse ihre Innovationen verlangsamen oder blockieren.
Die Studie stellt deutliche sektorale Unterschiede bei den Innovationsinputs, -outputs und der Nutzung öffentlicher Unterstützung fest: viele produzierende Unternehmen (z. B. in den Bereichen Pharmazeutika, Medizintechnik, MEM, IT-Hardware) sind innovativ und führen radikale Innovationen auf der Grundlage intensiver Forschung und Entwicklung (F&E) ein. Das steht eng mit dem bestehenden innovationspolitischen Schwerpunkt auf der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie Entrepreneurship im Einklang. Teile der Dienstleistungswirtschaft (z. B. Banken und Versicherungen) verwenden dagegen andere Innovationsmodelle ohne F&E, Zusammenarbeit mit der Wissenschaft oder Unterstützung durch die Schweizer Innovationspolitik.
Branchenübergreifend unterscheiden sich nicht-innovative von innovativen Unternehmen durch ihre Wahrnehmung eines stabileren Technologie- und Marktumfelds und eine geringere Innovationsbereitschaft auf Kundenseite, was die erwarteten Vorteile von Innovationen und damit die Investitionsneigung verringert. Diese Einschätzung ist ein Warnsignal dafür, dass möglicherweise immer mehr Unternehmen ihre Innovationsaktivitäten einstellen, weil sie keine ausreichenden Erträge sehen.
Bei der Digitalisierung gibt es klare Vorreiter und Nachzügler: Grosse Unternehmen sind weitaus proaktiver und verfolgen mehrere Digitalisierungsziele als kleine und mittlere. Sie haben aber mit dem Zugang zu Daten und qualifiziertem Personal zu kämpfen. Viele der kleinsten Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten sind weitgehend von der digitalen Innovation abgekoppelt. Mittelständische Unternehmen liegen dazwischen. Die Botschaft für die Schweizer Wirtschaft ist klar: Ohne gezielte Massnahmen laufen Teile der KMU-Landschaft Gefahr, nicht in vollem Umfang von der digitalen Transformation zu profitieren und an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.
Obwohl die Bedeutung von Nachhaltigkeitsinnovationen je nach Branche variiert, dominieren insgesamt inkrementelle, also schrittweise Verbesserungen. Grundlegende Neugestaltungen (von Produkten und Prozessen) und wirklich transformative Nachhaltigkeitsinnovationen bleiben die Ausnahme. Hohe Kosten, regulatorische Hürden, Marktversagen und fehlende Daten oder Fähigkeiten machen radikale Veränderungen insbesondere für KMU und Nicht-F&E-Innovatoren unattraktiv. Der inkrementelle Ansatz bei Nachhaltigkeitsinnovationen verlangsamt das Tempo der Transformation zu einer nachhaltigeren Schweizer Wirtschaft.
Regulierung erweist sich als zweischneidiges Schwert. Obwohl sie Orientierung und Stabilität bieten kann, berichten viele Unternehmen, dass die zunehmende Komplexität der Regulierung, häufige Änderungen und Rechtsunsicherheit die Kosten erhöhen. Teilweise verzögert dies Projekte und behindert radikale Innovationen in Branchen wie Medizintechnik, Finanzen und Pharmazie/Chemie. Damit steigt das Risiko, dass das dichte regulatorische Umfeld der Schweiz zwar sichere, kleine Veränderungsschritte begünstigt, aber mutige, disruptive Innovationen benachteiligt.
Insgesamt bewerten die befragten Unternehmen die Schweizer Innovationspolitik positiv, warnen jedoch auch deutlich davor, dass die Rahmenbedingungen angepasst werden müssen, um mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel Schritt zu halten. Transformative Innovationen sind nach wie vor selten, obwohl sie für das langfristige Produktivitätswachstum und den Übergang zu einer digitaleren und nachhaltigeren Wirtschaft oft von entscheidender Bedeutung sind. Auf dieser Grundlage haben Gesprächsrunden mit Unternehmen Defizite in der aktuellen Innovationspolitik identifiziert und Vorschläge für wirtschaftspolitische Anpassungen erarbeitet. Die Studie priorisiert neun mögliche Massnahmen, die das Schweizer Forschungs- und Innovationssystem leistungsfähiger machen und radikale, digitale und nachhaltige Innovationen unterstützen könnten:
- sektorspezifische regulatorische «sandboxes» (kontrollierte Tests mit reduziertem Regelwerk),
- weitere Harmonisierung der Regelwerke,
- Mobilisierung von Start-up-Finanzierungen in allen Phasen,
- gezielte Förderung transformativer und nachhaltiger Innovationen,
- operative Verbesserungen bei der Innovationsförderung,
- bessere Vermittlung von Kooperationspartnern durch Forschungsinformationssysteme und Kooperationsvermittler,
- eine Ausweitung der Förderung von Einrichtungen von nationaler Bedeutung im Bereich der Forschung und Innovation nach Artikel 15 des Bundesgesetzes über die Förderung der Forschung und der Innovation (FIFG),
- eine nationale Datenstrategie und
- ein Fast-Track-Verfahren für Arbeitsbewilligungen für hochqualifizierte Fachkräfte.
Die Studie wurde vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) in Auftrag gegeben und von Innosuisse sowie sechs Branchenverbänden (Swiss Medtech, Interpharma, Swico, Schweizerische Bankiervereinigung, Swiss Fintech Innovations und Schweizerischer Versicherungsverband) mitfinanziert.
Die Hauptstudie und die dazugehörigen Sektorstudien können über die folgenden Links aufgerufen werden:
- Hauptstudie: Barjak, F., Heimsch, F., Cornet, B., Foray, D., Wörter, M. & Schenckery, A. (2026). New innovation models in Switzerland. Report on behalf of the Swiss State Secretariat for Education, Research and Innovation (SERI).
- Barjak, F., Heimsch, F., Cornet, B., Foray, D., Wörter, M. & Schenckery, A. (2026). Project “New innovation models in Switzerland”. Sector brief: Medical technologies.
- Barjak, F., Heimsch, F., Wörter, M. & Schenckery, A., Cornet, B., Foray, D. (2026). Project “New innovation models in Switzerland”. Sector brief: Information & Communication Technologies (ICT).
- Cornet, B., Foray, D., Barjak, F., Heimsch, F., Wörter, M. & Schenckery, A. (2026). Project “New innovation models in Switzerland”. Sector brief: Finance.
- Wörter, M. & Schenckery, A., Barjak, F., Heimsch, F., Cornet, B., Foray, D. (2026). Project “New innovation models in Switzerland”. Sector brief: Chemicals, pharmaceuticals and biotechnology sector.
