Ein Booster für soziale Innovation
Mit dem Abschluss des Innovation Boosters «Co-Designing Human Services» endet am 12. März 2026 in Bern ein vierjähriger Innovationszyklus von Innosuisse, dem Schweizerischen Verein zur Förderung der sozialen Innovation. Wir haben mit dem Panel-Vorsitzenden Kay Biesel über das Projekt und über sein Engagement gesprochen.
Der Innovation Booster ist eine Programmlinie von Innosuisse, der schweizerischen Agentur für Innovationsförderung. Es geht darum, Projektideen in bestimmten Handlungsfeldern so weit voranzutreiben und reif zu bekommen, dass Kolleg*innen, die in diesen Feldern tätig sind, einen weitergehenden Finanzierungsantrag, zum Beispiel bei Innosuisse, stellen können.
In unserem Innovation Booster Co-Designing Human Services ging es vor allem darum, Ideen für drängende Probleme oder Herausforderungen zu boostern, die an der Schnittstelle von Gesundheit, Sozialer Arbeit und anderen Themengebieten rund um Soziale Arbeit liegen. Und zwar gemeinsam mit Klient*innen oder künftigen Nutzer*innen, die in Entwicklung und Testläufe einbezogen sind. Daher heisst es «Co-Designing». Das Modell lehnt sich daneben an das Verfahren des Design Thinking an.
Der Innovation Booster wird von Innovationsociale, dem Schweizerischen Verein zur Förderung der sozialen Innovation, betrieben. Vereinsmitglied ist neben anderen Organisationen aus dem Sozial- und Gesundheitswesen auch unsere Hochschule. Die Hochschule ist auch mit zwei Vertreter*innen im Management-Team vertreten, das den Innovation Booster operativ verantwortet. Sie engagiert sich darüber hinaus mit verschiedenen Rollen und Aufgaben und mit dem Interesse an der Frage, wie man den Verein weiter in die Fläche tragen kann, um soziale Innovationen in der Schweiz zu fördern.
Das Panel, dem ich vorsitze, ist eine der Aufgaben, die vom Management-Team verantwortet werden. Mit Kolleg*innen aus der Praxis und Nutzer*innen wie etwa Care Leavern geht es darum, die Gesuche für den Innovation Booster einzuschätzen und zu entscheiden, welche Projektideen förderfähig sind.
Es steckt immer das Konzept darin, dass es auch scheitern könnte, ohne dass das schlimm wäre. Hauptsache, es wird ausprobiert. Und wenn sich etwas Neues daraus entwickelt, das wirklich tragfähig ist, geht es zum nächsten Schritt.
Das eine ist der technische Aspekt: Die Fülle an Anträgen fair zu beurteilen. Vor allem beim letzten Zyklus hatten wir einen großen Run. Das haben wir mit zuverlässigen Beurteilungsfragen klug gelöst. Vor allem haben wir hervorgehoben, wie stark nun diese Idee oder jenes Vorhaben in der Linie dessen ist, was wir als Booster fördern wollen, nämlich dass sie im Co-Design mit Nutzer*innen Innovationen vorangetrieben werden. Dabei haben uns zwei Fragen geleitet. Zum einen: Wie stark sind Partizipationsaspekte von der Entwicklung der Idee bis hin zur Testung eines Prototyps mitgedacht? Wenn das nicht erkennbar war, sind die Gesuche von vornherein gescheitert.
Zum anderen: Ist es wirklich eine Entwicklung, die es zuvor so noch nicht gab? Also nicht nur eine Adaption von etwas, was man schon aus anderen Feldern kennt, sondern tatsächlich etwas, was wir so noch nicht kennen.
Es war vor allem die Vielfalt, würde ich sagen, die uns überzeugt hat. Also die vielen Ideen aus der Praxis, die zum Teil nur kleine Baustellen berühren, dort aber einen grossen Sprung bedeuten. Mir fallen direkt zwei Projekte ein:
- Wie kann man älteren Menschen, die in Heimeinrichtungen leben, die Möglichkeit geben, dass sie stärker in Kontakt mit ihren Angehörigen kommen, die berufstätig sind oder nicht mehr in der Nähe wohnen? Wie kann man, auch mit Technologie, eine Erfahrung der Begegnung ermöglichen? Es gab Überlegungen zu Entwicklungen, und es entstanden Ideen wie ein riesiger fahrbarer «Mensch mit Monitor», mit dessen Hilfe beide Seiten sich sehen können. Die Angehörigen erscheinen lebensgroß – nicht einfach auf einem kleinen Display wie bei einem Telefon. Das Ganze ist anwender*innenfreundlich, mit einer Software kreiert, so dass die älteren Menschen das alleine machen können. Insgesamt mag das banal klingen, aber es ist eine grosse Verbesserung, dass die Menschen das selbst bedienen können und dann quasi lebensgroß die Enkelkinder da sitzen haben: eine kleine Idee mit großer Wirkung.
- Das zweite war, dass es – was mir nicht bekannt war – einen Versorgungsengpass bei Familien gibt, die Frühgeburten erleben mussten. Nachdem sie aus dem Spital entlassen werden, erfahren sie in der Weiterversorgung nicht oft ausreichende Unterstützung. Hier geht es nicht nur um körperliche, sondern auch um psychische Aspekte: Die Mütter haben grosse Herausforderungen zu stemmen und Ängste zu bewältigen wie etwa die Frage «Ist mein Kind jetzt wirklich lebensfähig?». Und hier gibt es ein Peer-to-Peer-Projekt, bei dem betroffene Mütter ein Start-up und einen Verein gegründet haben, mit dem sie in die Spitäler gehen und darüber aufklären, dass sie im Rahmen eines Peer-Angebots da sind. Die haben das in der Präsentation der Projektidee hochprofessionell gepitcht und ihr Thema an die Frau und an den Mann gebracht. Das hat mir sehr imponiert.
Ein Gewinnerprojekt gibt es nicht. Die große Idee ist vielmehr, dass wir einen Boost – eine Anschubfinanzierung – für Projektideen geben können, mit der man testen kann, ob etwas umsetzungstauglich ist. Hier gibt es zwei Stufen der Förderung: einmal für die Ideenentwicklung und zum zweiten für die Prototyping-Phase. Während der beiden Phasen gibt es ein begleitendes Coaching. Wir vergeben quasi Mikrokredite, die nicht zurückgezahlt werden müssen: Risikokapital zur Anschubfinanzierung, damit bestimmte Sachen angedacht werden können. Es steckt also immer das Konzept darin, dass es auch scheitern könnte, ohne dass das schlimm wäre. Hauptsache, es wird ausprobiert. Und wenn sich etwas Neues daraus entwickelt, das wirklich tragfähig ist, geht es zum nächsten Schritt.
Am Anfang steht der Gedanke, erst einmal zu schauen, welche Fragen aus dem Sozial- und Gesundheitswesen, die einer Bearbeitung bedürfen, uns beschäftigen. Mit welcher Idee könnte man darauf reagieren? Welches – wissenschaftliche – Wissen und welche Erfahrungen können in die Überlegungen einbezogen werden? Die zweite Phase ist der Frage gewidmet, wie man die Idee prototypisch mit Nutzer*innen testen kann. Wenn sich dieser Test als erfolgreich erweist, geht es schliesslich darum, die Projekte mit den Teams auf das Level zu bringen, eine Folgefinanzierung anzustreben, ob nun über Innosuisse, andere Agenturen oder Stiftungen.
Im Laufe des Innovation Boosters hatten wir übrigens ein wichtiges Learning: Wir merkten, dass ein begleitendes Coaching-Programm sehr wichtig ist. Nach dem ersten Zyklus haben wir deshalb genau dieses Programm aufgebaut. Wir haben es dann in einem nächsten Schritt stärker professionalisiert und nach aussen an eine Agentur gegeben, die die Teams bei den auftauchenden Fragen von Anfang an coacht: Wie mache ich das mit der Innovationsentwicklung? Wie beteilige ich Nutzer*innnen wirklich? Wie teste ich einen Prototypen? Wie beschreibe ich das Gesuch so, dass es erfolgreich wird und wir unterstützt werden?
Ganz genau können wir nicht sagen, wie stark Projekte tatsächlich in die Regelstruktur übergegangen sind. Der Blick auf die Tabelle zeigt aber: Wir hatten unglaublich viele Gesuche aus allen Sprachregionen der Schweiz – aus der Deutschschweiz, aus der Romandie, aus dem Tessin. Es waren auch viele Projektideen dabei, die versuchten, mit KI neue Dinge möglich zu machen, etwa bessere Entscheidungen zu treffen. Oder scheinbar «banale», aber sehr wichtige Dinge, wie etwa aktive Selbstvertretung von Betroffenen in Regionen strukturell zu verankern.
Mit diesem vierten Zyklus ist der Innovation Booster nun abgeschlossen. Wir haben die Abrechnung gemacht und schauen, ob Innosuisse nun einen neuen Booster als Programm ausschreibt. Noch ist nicht so ganz klar, ob das trotz des Entlastungspakets des Bundes möglich ist – da sind wir sozusagen in der Warteschleife. Aber wir hoffen, dass das Programm noch einmal ausgeschrieben wird.
Kay Biesel ist gemeinsam mit Anne Parpan-Blaser im Management-Team des Innovation Boosters «Co-Designing Human Services»


