Wie lassen sich Umwelt- und Klimaprobleme wirksam angehen? Prof. Dr. Amewu A. Mensah über komplexe Zusammenhänge, belastbare Daten und den Mut, neue Wege zu gehen.
Prof. Dr. Amewu A. Mensah ist Dozentin für Umweltmesstechnik am Institut für Sensorik und Elektronik der Hochschule für Technik und Umwelt FHNW. Im Interviewformat «Substanz» der Photo Foundation spricht sie darüber, was sie an ihrer Arbeit besonders fasziniert und gleichzeitig eine der grossen Herausforderungen auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Gesellschaft darstellt: Umwelt- und Klimafragen lassen sich selten isoliert betrachten.
«Es ist so komplex, es gibt keine einfachen Lösungen, das muss man einfach mal sehen», sagt die Forscherin. Veränderungen an einer Stelle können Auswirkungen an anderer Stelle haben. Wer wirksame Lösungen entwickeln will, muss deshalb Zusammenhänge verstehen und mögliche Konsequenzen von Entscheidungen mitdenken.
Nachhaltigkeit bedeutet, Zusammenhänge zu verstehen
Wie komplex diese Zusammenhänge sein können, zeigt sich etwa bei der Mobilität. Der Wechsel vom Verbrennungs- zum Elektromotor reduziert wichtige Emissionen, löst aber nicht automatisch sämtliche Umweltprobleme des Verkehrs. Auch andere Emissionen und chemische Prozesse in der Atmosphäre spielen eine Rolle. «Man dreht an einer Schraube, aber man muss auch an den anderen Ecken aufpassen, dass man da nicht irgendwas auslöst, was wir auch nicht wollen», erklärt die Umweltwissenschaftlerin. Diese ganzheitliche Betrachtung ist auch für das FHNW-Zukunftsfeld Zero Emission von zentraler Bedeutung. Auf dem Weg zu einer emissionsfreien und ressourcenschonenden Gesellschaft geht es nicht allein um einzelne Technologien oder Emissionsquellen. Entscheidend ist auch, ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen gemeinsam zu betrachten.
Das wird beispielsweise beim CO₂-Fussabdruck der Schweiz deutlich. Werden nur jene Emissionen berücksichtigt, die innerhalb der Landesgrenzen entstehen, ergibt sich ein anderes Bild, als wenn auch die Herstellung der in der Schweiz konsumierten Güter einbezogen wird. Ein Teil der Auswirkungen des hohen Schweizer Lebensstandards entsteht damit ausserhalb des Landes.
Für die Umweltwissenschaftlerin geht es dabei aber nicht darum, einen bestimmten Lebensstil vorzuschreiben. Vielmehr möchte sie das Bewusstsein dafür schärfen, dass Entscheidungen Konsequenzen haben und wir alle Einfluss nehmen können – beispielsweise bei Mobilität, Energieverbrauch oder bewussten Kaufentscheiden .
Auch für Unternehmen stellt sich die Frage, wie früh sie Veränderungen aufgreifen. Die Wissenschaftlerin verweist auf ein bereits in den 1990er-Jahren entwickeltes Elektroauto, das seiner Zeit voraus war und bei der Bevölkerung gut ankam. Dennoch wurde das Projekt wieder eingestellt. Für sie zeigt das Beispiel, dass Abwarten auch wirtschaftliche Folgen haben kann: Unternehmen riskieren, einen bereits erarbeiteten Vorsprung wieder zu verlieren oder bei neuen Entwicklungen ins Hintertreffen zu geraten.
Nachhaltigkeit sollte deshalb nicht erst dann zum Thema werden, wenn gesetzliche Vorgaben Unternehmen zum Handeln zwingen. Wer frühzeitig in nachhaltigere Technologien und Lösungen investiert, kann damit nicht nur Verantwortung übernehmen, sondern sich langfristig auch wirtschaftliche Vorteile verschaffen.
Gute Entscheidungen brauchen belastbare Daten
Je komplexer die Zusammenhänge sind, desto wichtiger wird die Frage, auf welcher Grundlage Entscheidungen getroffen werden. Für die Dozentin für Umweltmesstechnik spielen verlässliche Messungen dabei eine zentrale Rolle.
Messdaten können tatsächliche statt lediglich vermutete Problembereiche sichtbar machen. Sie helfen dabei, Prioritäten zu setzen und Massnahmen dort einzusetzen, wo sie Wirkung entfalten können. Gleichzeitig ermöglichen sie zu überprüfen, ob eine umgesetzte Massnahme tatsächlich das erreicht, was von ihr erwartet wurde.
Doch Daten sind nicht automatisch belastbar. Entscheidend ist, wie sie erhoben wurden und für welchen Zweck sie verwendet werden. Genau diese kritische Auseinandersetzung mit Messwerten vermittelt die Dozentin auch ihren Studierenden. Anhand unterschiedlicher Systeme zur Messung der Luftqualität lernen sie, die Möglichkeiten und Grenzen von Messverfahren einzuschätzen: Wie zuverlässig sind die Daten? Ist ein Messgerät für die jeweilige Fragestellung geeignet? Wie wurde es kalibriert und gewartet? Und welche Aussagen lassen sich auf dieser Grundlage überhaupt treffen?
Das ist auch für Modelle und Prognosen entscheidend. Denn selbst komplexe Modellierungen sind auf verlässliche Messwerte als Grundlage angewiesen.
Auch Nichthandeln hat einen Preis
Belastbare Erkenntnisse allein führen allerdings noch nicht zu Veränderungen. Eine weitere Frage lautet deshalb: Welche Konsequenzen ziehen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft daraus?
Dabei greift die Forscherin einen Aspekt auf, der in Entscheidungen ihrer Ansicht nach häufig zu kurz kommt: die Kosten des Nichthandelns. Bei der Beurteilung einer Umweltmassnahme stehen oftmals deren unmittelbare Kosten im Vordergrund. Weniger sichtbar sind dagegen Folgekosten, die beispielsweise durch gesundheitliche Belastungen, Hitzeereignisse oder Produktivitätsverluste entstehen können.
Nachhaltige Entscheidungen verlangen deshalb einen längeren Zeithorizont. Das gilt für politische Entscheidungen ebenso wie für Investitionen von Unternehmen. Verantwortung bedeutet dabei nicht nur, Entscheidungen treffen zu können, sondern auch für deren Folgen einzustehen.
Forschung kann hierfür Fakten liefern, Zusammenhänge sichtbar machen und einen unabhängigen Blick in die Diskussion einbringen. Die Umsetzung liegt jedoch nicht bei der Wissenschaft allein. Für wirksame Veränderungen braucht es das Zusammenspiel von Forschung, Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Gesellschaft.
Nachhaltige Lösungen setzen damit voraus, Zusammenhänge zu verstehen, Auswirkungen über den unmittelbaren Nutzen hinaus zu betrachten und Entscheidungen auf belastbare Erkenntnisse zu stützen. Gleichzeitig braucht es die Bereitschaft, daraus Konsequenzen zu ziehen und neue Wege einzuschlagen.
Genau darauf zielt auch die Botschaft der Forscherin an Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger:
Im Gespräch: Prof. Dr. Amewu A. Mensah
Das Gespräch entstand für «Substanz», das redaktionelle Interviewformat der Photo Foundation.
Kontakt
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