Sehbeeinträchtigungen im Alter sind weit verbreitet – und werden noch immer zu oft als «normal» hingenommen. Die Folgen: ungenutzte Behandlungsmöglichkeiten, wachsende Isolation und eine sinkende Lebensqualität. Das Forschungsprojekt CAREVIAGE rückt diese vernachlässigten Realitäten in den Fokus. Es liefert erstmals schweizweit belastbare Daten zur augenoptischen Versorgung und zu den Lebensumständen von Bewohnerinnen und Bewohnern in Alters- und Pflegeeinrichtungen – und schafft damit die Grundlage für konkrete Verbesserungen in Praxis, Politik und Versorgung.
Ausgangslage
Sehbeeinträchtigungen sind bei älteren Menschen weitverbreitet und nehmen mit steigendem Alter zu. Aufgrund der demografischen Entwicklung ist davon auszugehen, dass die Zahl älterer Menschen mit altersbedingtem Sehverlust in den kommenden Jahren weiter ansteigt. Internationale Studien zeigen, dass viele Betroffene und deren Angehörigen, insbesondere in Alters- und Pflegeeinrichtungen, ihre eingeschränkte Sehkraft als normalen Teil des Alterns akzeptieren und daher keine augenärztlichen Untersuchungen mehr in Anspruch nehmen. Diese Einstellung führt häufig dazu, dass augenmedizinisch sinnvolle Massnahmen nicht mehr ausgeschöpft werden. In der Folge kommt es nicht nur zu einer vermeidbaren Verschlechterung des Sehvermögens, sondern auch zu sozialem Rückzug, Isolation und einer Minderung der Lebensqualität.
Zudem besteht häufig eine Versorgungslücke im Übergang von der medizinischen zur psychosozialen Betreuung: Die Betroffenen erhalten zwar gelegentlich augenärztliche Diagnosen, jedoch kaum weiterführende psychosoziale Beratung oder Unterstützung. Dies gilt insbesondere für Menschen, die erstmals im hohen Alter mit einer Behinderung – wie einer Sehbeeinträchtigung – konfrontiert sind. Ferner fehlen in der Schweiz bislang belastbare Daten zur augenmedizinischen Versorgung von Bewohner*innen in Alters- und Pflegeheimen.

Ziele
Vor diesem Hintergrund verfolgt das geplante Forschungsprojekt zwei Hauptziele: Erstens soll eine Bestandsaufnahme zur Verbreitung von Sehbehinderungen und zur Nutzung sowie Angemessenheit von Sehhilfen in Alters- und Pflegeeinrichtungen in der Schweiz durchgeführt werden. Zweitens sollen psychosoziale Aspekte wie Lebensqualität, Einsamkeit und subjektives Wohlbefinden bei älteren Menschen mit Sehbeeinträchtigung erhoben werden. Ziel ist es, ein umfassendes Bild der aktuellen Versorgungssituation zu gewinnen und daraus Handlungsempfehlungen für die Verbesserung der Betreuung abzuleiten.
Die Studie ist als multizentrische, nationale Querschnittserhebung konzipiert. In allen sieben Grossregionen der Schweiz sollen Bewohner:innen aus insgesamt mindestens 21 Pflegeeinrichtungen befragt und untersucht werden. Pro Region ist eine Stichprobe von 60 Personen vorgesehen, was einer Gesamtstichprobe von 420 Personen entspricht. Die Datenerhebung erfolgt zweistufig: Zunächst beantworten alle Bewohner:innen einen standardisierten Fragebogen zu ihrem wahrgenommenen Sehvermögen und psychosozialen Wohlbefinden. Anschliessend werden pro Einrichtung 20 Personen zufällig ausgewählt und durch ein interdisziplinäres Team aus Optometrist:innen detailliert untersucht.
Neben optometrischen Untersuchungen (u. a. Sehschärfe, Augeninnendruck, Vorderer und hinterer Augenabschnitt etc.) werden psychosoziale Fragebögen eingesetzt, die an etablierte Studien wie COVIAGE und PROVIAGE anknüpfen. Darüber hinaus wird die Infrastruktur der Einrichtungen hinsichtlich Barrierefreiheit und Sehbehindertenfreundlichkeit (z. B. Beschilderung, Beleuchtung, Kontraste) evaluiert.
Im Anschluss an die Datenerhebung werden die Ergebnisse analysiert und in einem Bericht (Broschüre) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zusätzlich sind mindestens drei wissenschaftliche Publikationen geplant. Die Resultate werden im Rahmen von regionalen Feedback-Workshops den beteiligten Einrichtungen zurückgemeldet.
Ein wesentliches Merkmal des Projekts ist die enge Zusammenarbeit zwischen Optometrie, Sozialer Arbeit und dem Pflegepersonal in den Einrichtungen. Diese interdisziplinäre Herangehensweise ermöglicht nicht nur eine realitätsnahe Erfassung der Versorgungslage, sondern fördert auch die Etablierung nachhaltiger Versorgungsstrukturen für ältere Menschen mit Sehbehinderung in der Schweiz.
Ergebnis
Projektstart ist am 1. Mai 2026 gewesen. Sobald die ersten Ergebnisse vorliegen, werden diese hier publiziert.
Projektdetails
- Typ
- Forschungsprojekt
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Technik und Umwelt FHNW, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Integration und Partizipation, Institut für Optometrie
- Förderung
- Gemeinnützige Stiftung für medizinische Hilfe, RetinaSuisse, SZBlind
- Laufzeit
- 48 Monat, Start 1. Mai 2026
- Mitarbeit
- Alexander Seifert, Andreas Pfeuffer, Daniela Nosch, Fabian Wegmann
Kontakt

Prof. Dr. Daniela Nosch
- Telefon
- +41 62 957 26 03
- daniela.nosch@fhnw.ch

Dr. Alexander Seifert
- Telefon
- +41 62 957 29 38