Mit Leseförderung zu fairen Bildungschancen beitragen
Fächerübergreifende Leseförderung: Zwei Schulen aus dem Bildungsraum Nordwestschweiz geben Einblick.
«Das Leseverhalten der ganzen Gesellschaft hat sich verändert», sagt Eliane Voser, Primarlehrerin und Mitglied der Steuergruppe des Literalitätsprojekts in Neuenhof. «Früher konnte man nur über Bücher in grosse Geschichten eintauchen. Heute sind viele andere Angebote wie Games und Serien hinzugekommen.» Das sei per se nichts Schlechtes. Aber: «Die Lesefähigkeit bei Kindern und Jugendlichen hat abgenommen.»
Eliane Voser unterrichtet an einer sogenannten Hot-Spot-Schule. Neuenhof mit seiner vielsprachigen und multikulturellen Demografie ist punkto Leseförderung besonders gefordert. Wobei nicht die Anderssprachigkeit, sondern die bisweilen wenig ausgeprägte Literarität des sozialen Umfeldes der Kinder das Problem ist. Viele von Vosers Schülerinnen und Schüler haben etwa nicht erlebt, dass zu Hause aus Büchern vorgelesen wurde.
Um die Kinder fürs Lesen zu begeistern, setzt sie also genau da an: beim Vorlesen. «Sie sollen erfahren, dass Lesen wohltut, dass man dabei in Atmosphären eintauchen kann.» Begleitend arbeitet sie mit ihnen am Lesefluss, etwa daran, dass Wörter direkt erkannt und nicht entziffert werden. Mit «sanftem Druck» ermutigt sie sie zum selbstständigen Lesen. Die Schülerinnen und Schüler erhalten von ihr eine individualisierte Liste mit Büchern, die innerhalb eines Semesters gelesen werden müssen. «Mit begleitenden Rätseln können sie dann ihr Leseverstehen überprüfen und Punkte sammeln». Am Ende der vierten Klasse sagen die meisten, ihr Hobby sei Lesen. Die Leseförderung trägt Früchte – und hat System.
«Wir haben die Leseförderung als wirksames Instrument erkannt, um zu fairen Bildungschancen für unsere Schüler*innen beizutragen,» sagt Reto Geissmann, Gesamtschulleiter Neuenhof. An der Schule ist sie über alle Stufen hinweg und vor allem fächerübergreifend angelegt. «Schliesslich sind Texte überall Grundbausteine des Unterrichts.» In Zusammenarbeit mit dem Zentrum Lesen der Pädagogischen Hochschule FHNW (PH FHNW) und nach Baselbieter Modell (s. unten) wurde das Thema als Fokus gesetzt. Die Gesamtschule hat eine Steuergruppe, in der zehn Leseförderbeauftrage wie Eliane Voser aus allen Stufen vertreten sind. Sie tragen den Ansatz ins Kollegium, organisieren Workshops und den Wissenstransfer zwischen PH und Schule. Der Effekt des bereits seit zwei Jahren laufenden Projekts: «Im Kollegium ist das Bewusstsein gestiegen, dass Leseförderung in jedem Fach sinnvoll ist. Und der stufenübergreifende Austausch bringt Qualität, für die Lehrpersonen und für die Schülerinnen und Schüler», sagt Geissmann.
Den Stein ins Rollen gebracht hat der Kanton Baselland, der in Sachen Leseförderung Pionierarbeit geleistet hat. Nachdem die Resultate der Schülerinnen und Schüler in der schweizweiten Überprüfung der Grundkompetenzen (ÜGK) ein ernüchterndes Bild aufgezeigt hatten, wurde das Programm «Zukunft Volksschule» lanciert. Unter anderem mit einer systematischen Leseförderung. Der Kanton hat zusammen mit dem Zentrum Lesen der PH FHNW ein spezifisches Modell entwickelt, das in Pilotschulen erprobt wurde und nun, drei Jahre später, bereits in beinahe sämtlichen Baselbieter Schulen implementiert ist – sie verfügen über Leseförderungsbeauftragte, die eine entsprechende Weiterbildung absolviert haben und sie haben ein Förderkonzept, welches das Thema in der Organisation verankert. «Die Schulinternen Weiterbildungen sowie die Tagungen, die wir organisieren, stossen auf grosses Interesse bei den Lehrpersonen», sagt Anna Brodmann, die beim Amt für Volksschule für die Leseförderung verantwortlich ist. «Das Verständnis ist etabliert, dass Leseförderung alle angeht und alle etwas beitragen können.»
Eine dieser Pilotschulen ist die Primarstufe Liestal. Mit rund 1200 Kindern, fünf Schulhäusern und 180 Lehrpersonen hat die Schule für das Modell quasi Grundlagenforschung geleistet. «Bessere Leseleistungen wirken sich in allen Fächern positiv auf den Lernerfolg aus. Die systematische Leseförderung, wie sie an der Primarstufe Liestal betrieben wird, zeigt eine messbare Verbesserung der Leseleistungen,» erzählt Monika Feller, Gesamtschulleiterin in Liestal. Seit drei Jahren läuft das Projekt, im Sommer findet es seinen Abschluss. Die Schule Liestal hat ihr Leseförderkonzept stetig und partizipativ verbessert und im Kollegium wie auch in übergeordneten Gremien verabschiedet und im Schulprogramm verankert. «Wir stellen unser Konzept anderen Schulen als Orientierungshilfe zur Verfügung und tauschen uns darüber in den Netzwerktreffen aus.»
Als Lehrperson im Bereich Integrative Spezielle Förderung an der Primarstufe Liestal begleitet Maya Erb schon lange Kinder mit besonderem Förderbedarf im Lesen. Als sie vom Vorhaben der Schule hörte, Leseförderung systematisch anzugehen, war sie sofort begeistert. Bis anhin nahm sie Kinder mit Leseschwierigkeiten häufig aus dem Unterricht. «Das war zu separativ. Da die Leseförderung nun integriert ist, erfahren die Schüler*innen, dass alle wo anders stehen, und dass jede und jeder an individuellen Leseförderzielen arbeiten und sich verbessern kann.» Als Leseförderungsbeauftragte begrüsst Maya Erb, dass etwa das Thema Leseflüssigkeit nicht, wie lange angenommen, mit der zweiten Klasse abgeschlossen ist, sondern bis in die Oberstufe weiterverfolgt wird. Zudem werden bereits im Kindergarten wichtige Grundsteine für die Lesefähigkeit gelegt. Gerade im Kindergarten ist es fruchtbar, wenn mit spielerischer Wortschatzarbeit gefördert und eine Sprachsensibilität geweckt wird.
In Liestal wie auch in Neuenhof zeigen die ersten Ergebnisse: Die meisten Schülerinnen und Schüler haben sich im Lesen verbessert. Der Unterschied zwischen stärkeren und schwächeren Leserinnen und Lesern hat sich zwar vergrössert, aber die Lesefähigkeit ist gesamthaft auf einem höheren Niveau. Und nicht zu unterschätzen ist: «Bei der Leseförderung lernen alle gegenseitig voneinander», sagt Maya Erb. Durch das gemeinsame Lesen kultivieren die Schülerinnen und Schüler so ganz nebenbei Respekt und Rücksichtnahme.
-- Michael Hunziker --
Lesekompetenz ist entscheidend für die persönliche und berufliche Entwicklung von Schülerinnen und Schülern, da sie die Teilhabe an schriftgeprägten Gesellschaften überhaupt erst ermöglicht. Die Befunde aus Schulleistungsstudien werfen jedoch Fragen auf, wenn sich zeigt, dass über 20% der Schweizer Schulabgängerinnen und -abgänger und der Erwachsenen die Mindeststandards im Lesen nicht erreichen und damit für die gesellschaftlichen literalen Anforderungen nur unzureichend vorbereitet und ausgerüstet sind.
Damit Lesen sowohl für das fachliche Lernen, als auch für den literarischen Genuss genutzt werden kann, müssen Schülerinnen und Schüler zunächst über Grundfertigkeiten im Lesen verfügen. Daten aus Projekten des Zentrums Lesen belegen, dass ein zu hoher Anteil an Schülerinnen und Schülern nicht flüssig und sicher lesen kann, und zwar auch in den höheren Klassen und in den Berufsschulen. Entsprechend stellt die Leseflüssigkeit ein zentrales Selektionsmerkmal dar, sei es bei der Niveaueinteilung in der Sekundarschule oder bei der Wahl der Berufslehre.
Es braucht aber mehr als Leseflüssigkeit: Das Verstehen von Texten muss aktiv konstruiert werden. So reicht es nicht, die wörtliche Bedeutung eines Textabschnittes oder eines kurzen Textes zu erkennen und einzelne Informationen zu verknüpfen. Vielmehr müssen auch längere Einzeltexte, die nicht immer der gewohnten Form entsprechen oder eingebettete Informationen enthalten, verarbeitet und mit eigenem Wissen verknüpft werden. Dieser komplexe Vorgang erfordert selbstregulatorische Fähigkeiten. Dazu gehört die Wahl einer passenden Lesestrategie oder das Überwachen des eigenen Verstehens.
Die Digitalisierung hat die Anforderungen an die Lesekompetenz erhöht. So muss man in der Lage sein, Texte bzw. Quellen – dazu gehören auch Internetseiten, Posts in sozialen Medien etc. – kritisch einzuschätzen (wer hat was mit welcher Absicht verfasst, wie plausibel oder verlässlich ist ein Text, eine Quelle). Das schliesst das Vergleichen verschiedener Texte oder Quellen ein. Dies erfordert andere Lesestrategien und vor allem auch ausgebaute Selbstregulationskompetenzen.
Lesen ist also viel mehr als Memorieren oder Auswendiglernen. Die Verlockung, das Lesen an eine KI auszulagern, ist gross, so dass die anstrengende, eigenständige Verarbeitung von Texten immer weniger geübt und gekonnt wird. Dem Unterricht kommt deshalb eine umso wichtigere Rolle zu: Hier muss Leseförderung systematisch mit Blick auf neue Herausforderungen erfolgen. Wirksame Leseförderung stützt sich auf drei Pfeiler. Während Förderansätze aus dem Basisbereich hauptsächlich im Deutschunterricht ihren Platz haben, müssen Förderansätze im Vertiefungs- und Transferbereich fächerübergreifend entwickelt werden:
Damit eine systematische Leseförderung gelingen kann, ist es sinnvoll, zuerst mit den Schulen zu klären, was sie dazu brauchen. Erschwert wird dies, da die Lehrpersonen mit einer Flut an digitalen und analogen Hilfsmitteln und Unterrichtsmaterialien konfrontiert sind. Diese erweisen sich teilweise als nicht wirksam oder sogar hinderlich für die Leseförderung. Den Überblick darüber zu behalten, was wirkt und was nicht, ist eine ständige anspruchsvolle Aufgabe der Lehrpersonen. Dies kann nicht nur in der Lehrpersonenausbildung geleistet werden, sondern vieles davon fällt in den Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung.
Letzteres macht Absprachen zwischen Bildungsetappen, Stufen und Fächern notwendig. Ziel ist es, Leistungserwartungen zu klären, ein gemeinsames Verständnis für eine wirksame Förderung zu entwickeln und auch Gefässe für die Förderung von Leseschwachen zu schaffen, vor allem auf der Sekundarstufe I und II. Hier ist die Förderung der basalen Lesefertigkeiten häufig abgeschlossen.
-- Miriam Dittmar und Afra Sturm, Co-Leiterinnen Zentrum Lesen, PH FHNW --


