Oliver Gwerder studiert Business Artificial Intelligence an der Hochschule für Wirtschaft FHNW und hat zusammen mit drei Mitstudierenden das Start-up Trajecta gegründet. Das Unternehmen unterstützt Organisationen beim nachhaltigen und praxisnahen Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Im Interview erzählt er, wie aus einer Idee ein eigenes Unternehmen wurde und welche Rolle das Studium dabei spielte.
Kannst du uns etwas über Trajecta erzählen? Was ist Trajecta, mit wem arbeitest du zusammen,wann wurde das Unternehmen gegründet und wie hat sich Trajecta seit der Gründung entwickelt?
Trajecta übernimmt für Unternehmen die Rolle einer externen KI-Abteilung. Wir unterstützen besonders Unternehmen, die keine eigene KI-Fachstelle haben oder bestehende Ressourcen ergänzen möchten. Unser Angebot reicht von Schulungen und KI-Leitlinien über Beratung und Prozessanalyse bis zur Auswahl, Integration und Entwicklung passender KI-Lösungen.
Wir setzen auf eine persönliche und langfristige Zusammenarbeit. Dafür lernen wir die Abläufe und Ziele unserer Kunden kennen und begleiten sie von der ersten Fragestellung bis zur passenden Lösung. «KI ohne Hype» bedeutet für uns, zuerst das Problem und den möglichen Nutzen zu verstehen. Erst danach wählen wir eine geeignete Technologie. Datenschutz, Informationssicherheit und klare Verantwortlichkeiten berücksichtigen wir von Anfang an.
Vor 3 Jahren starteten Patrick Nydegger, Dennis Langer, Luca Lenherr und ich gemeinsam den Bachelor-Studiengang Business Artificial Intelligence an der FHNW. Über verschiedene Module und Projekte lernten wir uns besser kennen. Im Sommer 2025 entstand daraus die Idee für Trajecta, im März 2026 gründeten wir die GmbH. Bereits früh erhielten wir erste konkrete Kundenanfragen, darunter eine mehrstündige KI-Schulung für rund 80 Mitarbeitende. So entwickelte sich aus einer gemeinsamen Studienidee Schritt für Schritt ein reales Unternehmen.
Du studierst an der Hochschule für Wirtschaft der FHNW. Welches Programm machst du und warum hast du dich für diese Ausbildung und für die FHNW entschieden?
Ich befinde mich aktuell kurz vor dem Abschluss meines Bachelorstudiums Business Artificial Intelligence. Zuvor habe ich eine kaufmännische Ausbildung und die Berufsmaturität abgeschlossen.
Gegen Ende der Berufsmaturität wurde ChatGPT erstmals breit zugänglich. Zum ersten Mal konnte ich einer Maschine eine Idee beschreiben und daraus einen brauchbaren Text erhalten. Mich faszinierte, dass aus Strom, Daten und Sprache etwas entstand, das sich wie nutzbare Intelligenz anfühlte. Ich wollte verstehen, wie diese Technologie funktioniert und wie wir sie sinnvoll einsetzen können.

Mit meinem wirtschaftlichen Hintergrund war Business Artificial Intelligence für mich die passende Verbindung. Der Studiengang kombiniert Wirtschaft, Wirtschaftsinformatik und Künstliche Intelligenz und behandelt auch Themen wie Ethik, Technologiefolgenabschätzung und die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Für die FHNW sprach vor allem der starke Praxisbezug. Viele Inhalte konnten wir direkt auf reale Fragestellungen und eigene Projekte anwenden. Dafür nahm ich auch die lange Anreise nach Olten bewusst in Kauf.
Wie kam es zur Idee für das StartUp Trajecta? Gab es im Studium Module, Projekte oder Momente, die dich/euch zum Konzept von eurem StartUp inspiriert oder beeinflusst haben?
Der Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen, war bei mir schon länger vorhanden.
Wir vier starteten gemeinsam das Studium und lernten uns über verschiedene Module und Projekte besser kennen. Patrick und ich arbeiteten häufiger direkt zusammen, während ich Luca und Dennis vor allem aus dem Studienalltag und gemeinsamen Arbeiten kannte. Mit der Zeit merkten wir, dass wir ähnlich ticken: motiviert, neugierig und mit ähnlichen Ansprüchen an Projekte und Zusammenarbeit.
Das Entrepreneurship-Modul zeigte uns früh, dass wir gemeinsam etwas aufbauen wollten. Im Praxisprojekt konnten wir Ideen konkretisieren, die uns schon länger beschäftigten, und erste Ansätze praktisch umsetzen. Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt die gemeinsame Vision für Trajecta.
Wie habt ihr das Konzept zu Trajecta in die Realität umgesetzt? Und welchen Einfluss hatte das Studium bei der Umsetzung?
Die Umsetzung begann nicht mit einem perfekten Plan, sondern mit vielen Gesprächen und konsequenter Arbeit. Wir diskutierten an Abenden, Wochenenden und teilweise bis tief in die Nacht über unsere Positionierung, unsere Fähigkeiten und unseren konkreten Nutzen für Unternehmen. Gleichzeitig nutzten wir das Studium bewusst für den Aufbau von Trajecta. Wo es möglich war, richteten wir Projekte und Aufgaben auf reale Fragestellungen unseres Unternehmens aus und konnten das Gelernte direkt anwenden.
Trajecta bekam früh einen festen Platz in unserem Wochenablauf. Neben dem Vollzeitstudium reservierten wir regelmässig gemeinsame Arbeitstage und investierten einen grossen Teil unserer verbleibenden Zeit in das Unternehmen. Dadurch konnten wir Trajecta kontinuierlich weiterentwickeln, statt nur punktuell daran zu arbeiten.
Viele Studieninhalte bekamen seither eine neue Bedeutung. Unsere Entscheidungen hatten plötzlich reale Konsequenzen, und wir sahen direkt, welche Ansätze funktionierten und wo Theorie allein nicht ausreichte. Das Studium wurde für uns zum Testfeld und Trajecta zum realen Anwendungsfall.
Welchen Herausforderungen musstet ihr euch in der ersten Zeit der Gründung stellen, und was habt ihr daraus gelernt?
Am Anfang mussten wir in kurzer Zeit viele Grundlagen schaffen. Parallel zum Vollzeitstudium und unseren Nebenjobs bauten wir Trajecta auf, entwickelten interne Strukturen und bereiteten erste Kundenprojekte vor. Wenig später planten und hielten wir eine mehrstündige KI-Schulung für rund 80 Mitarbeitende. Das war für uns ein grosser Schritt, denn eine Hochschulpräsentation unterscheidet sich deutlich von einer professionellen Schulung vor einem grossen Publikum.

Wir lernten dadurch früh, Prioritäten zu setzen und Verantwortlichkeiten klar zu verteilen. Beim Aufbau eines Unternehmens kommen viele organisatorische, administrative und rechtliche Aufgaben zusammen. Einige wirken zunächst klein, können aber grosse Auswirkungen haben. Entscheidend war deshalb zu erkennen, welche Themen sofort sauber geklärt werden müssen und wo wir schrittweise vorgehen und aus der Praxis lernen können.
Welche Erfahrungen oder Fähigkeiten aus dem Studium sind für dich am wichtigsten, wenn es um die Weiterentwicklung von Trajecta geht? Worauf greifst du immer wieder zurück?
Am wichtigsten ist für mich die Fähigkeit, reale Herausforderungen mit den Möglichkeiten von Technologie zu verbinden. Unternehmen beschreiben ihre Probleme selten als technische Anwendungsfälle. Sie sagen, dass Informationen schwer auffindbar sind, Prozesse zu lange dauern oder Mitarbeitende immer wieder dieselben Aufgaben erledigen müssen. Unsere erste Aufgabe ist deshalb, das eigentliche Problem zu verstehen und zu prüfen, wo Technologie sinnvoll helfen kann. Erst daraus entsteht eine passende Lösung, die auch für alle Beteiligten verständlich sein muss.
Wir betrachten jedes Vorhaben aus drei Perspektiven. Technisch prüfen wir, was umsetzbar ist und welche Daten- und Sicherheitsanforderungen wir berücksichtigen müssen. Wirtschaftlich beurteilen wir, ob der erwartete Nutzen den Aufwand rechtfertigt. Menschlich betrachten wir die Auswirkungen auf Aufgaben, Verantwortung, Wissen und den Arbeitsalltag der Mitarbeitenden. Eine gute KI-Lösung muss deshalb nicht möglichst viel können, sondern für das Unternehmen sinnvoll funktionieren.
Aus dem Studium nutze ich besonders häufig Methoden, mit denen wir Probleme strukturiert untersuchen und Ideen früh testen können. Wir verstehen zuerst die Ausgangslage und setzen danach klare Prioritäten. Einfache Verbesserungen setzen wir früh um, während wir grössere Ansätze zunächst mit kleinen Tests oder Prototypen prüfen. So sehen wir schnell, was funktioniert, bevor wir viel Zeit und Ressourcen investieren.
Welche Pläne habt ihr aktuell für Trajecta? Wohin soll die Reise in den nächsten Jahren gehen?
Unsere Vision ist, Unternehmen einen sicheren und produktiven Einsatz von Künstlicher Intelligenz zu ermöglichen, ohne dass sie dafür zwingend eigene KI-Strukturen aufbauen müssen. Trajecta soll als langfristiger Partner Orientierung geben, Wissen vermitteln und Unternehmen von der ersten Fragestellung bis zur passenden Lösung begleiten.
In den nächsten Jahren wollen wir diese Rolle weiter ausbauen. Dafür vertiefen wir bestehende Kundenbeziehungen, erweitern unser Netzwerk mit spezialisierten Partnern und entwickeln unsere Leistungen anhand realer Erfahrungen weiter. Gleichzeitig schaffen wir interne Strukturen, damit wir mehr Unternehmen begleiten können, ohne Nähe, Flexibilität und Qualität zu verlieren.
Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist bereits heute die praktische Umsetzung. Wir helfen Unternehmen bei der Auswahl, Einführung und Integration geeigneter KI-Lösungen. Je nach Ausgangslage nutzen wir bestehende Technologien, entwickeln eigene Lösungen oder arbeiten mit spezialisierten Partnern zusammen. Diesen Ansatz wollen wir dort weiter ausbauen, wo für unsere Kunden der grösste Nutzen entsteht.
Viele Studierende überlegen, neben dem Studium ein StartUp zu gründen. Welche Tipps würdest du ihnen geben, um ein eigenes Projekt erfolgreich umzusetzen?
Mein wichtigster Rat ist: Sucht zuerst die richtigen Menschen und nicht die perfekte Idee. Ein gutes Team besteht aus Personen, die ähnlich viel Verantwortung übernehmen und unterschiedliche Stärken mitbringen. Gerade in schwierigen Phasen ist gemeinsame Verlässlichkeit wichtiger als anfängliche Begeisterung.

Danach würde ich klein starten und nicht zu viel gleichzeitig versuchen. Wählt einen überschaubaren ersten Schritt, setzt ihn sauber um und lernt daraus. Es hilft auch, an einem Thema zu arbeiten, das euch wirklich interessiert. Dadurch versteht ihr das Problem besser, bleibt länger motiviert und könnt erste Ideen aus eigener Erfahrung beurteilen. Sobald andere Menschen von der Lösung profitieren sollen, wird der Austausch mit möglichen Nutzern wichtig.
Man muss aber auch ehrlich sein: Eine Gründung neben dem Studium kostet Freizeit. Motivation hilft beim Start, langfristig ist jedoch entscheidend, konsequent weiterzuarbeiten. Wer regelmässig kleine Schritte macht, kommt oft weiter als jemand, der nur phasenweise sehr viel investiert. Die Idee muss am Anfang nicht perfekt sein. Wichtiger ist, anzufangen, Erfahrungen zu sammeln und den eigenen Weg weiterzuentwickeln.
Welche Botschaft würdest du Studierenden gerne mit auf den Weg geben wenn es um ein Studium geht?
Nutzt das Studium nicht nur, um Prüfungen zu bestehen und Punkte zu sammeln. Nutzt die Möglichkeit, eigene Projekte umzusetzen, Neues auszuprobieren und dabei auch Fehler zu machen. Gerade diese Erfahrungen waren für mich besonders wertvoll. Auf viele davon greife ich heute noch zurück.
Rückblickend habe ich gemerkt, dass sich zusätzlicher Einsatz oft erst später auszahlt. Bei einigen Projekten investierte ich deutlich mehr Zeit, als für eine gute Note notwendig gewesen wäre. Der direkte Nutzen war damals nicht immer sichtbar. Heute merke ich aber, wie sich diese Erfahrungen addieren und mir bei Trajecta, in Gesprächen mit Unternehmen und bei neuen Herausforderungen helfen. Deshalb würde ich ein Studium nicht nur auf Prüfungen und Noten ausrichten, sondern auch Zeit in Themen investieren, die einen wirklich interessieren und weiterbringen.
Dazu gehört für mich auch, schwierige Phasen nicht immer vermeiden zu wollen. Gerade wenn etwas schwierig ist und man trotzdem weitermacht, lernt man oft besonders viel über sich selbst und das Thema. Man muss dabei nicht warten, bis ein perfekter Plan steht. Vieles wird erst klar, wenn man anfängt, Erfahrungen sammelt und Schritt für Schritt besser wird.
Bachelor of Science Business Artificial Intelligence
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Prof. Dr. Uri Nahum
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