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«Von einem Ersatz von menschlichem Denken kann keine Rede sein», Hochschule für Wirtschaft FHNW

17.1.2023 – Hochschule für Wirtschaft


    Was denkt ein KI-Experte über das Phänomen ChatGPT? Welchen Einfluss werden KI-Technologien auf das Lernen und Arbeiten der Zukunft haben? Wir haben uns mit dem KI-Forscher Dr. Andreas Martin unterhalten.

    • News

    Dr. Andreas Martin ist promovierter Wirtschaftsinformatiker, KI-Forscher und Dozent an der Hochschule für Wirtschaft FHNW. Er erforscht die KI in den Bereichen Dialogsysteme, Wissensrepräsentation und maschinelles Lernen und lehrt zur Digitalisierung und Automatisierung von Geschäftsprozessen. Dr. Martin ist stellvertretender Studiengangleiter und Mitentwickler des neuen Bachelor of Science in Business Artificial Intelligence.

    ChatGPT ist derzeit in aller Munde. Was macht die Anwendung so populär?
    Andreas Martin:
    ChatGPT nährt die kühnsten Träume einer scheinbar umfassend intelligenten KI und stellt der breiten Öffentlichkeit erstmals ein riesiges Sprachmodell als Dialogsystem, also als Chatbot, zur Verfügung. Auch für mich als KI-Forscher ist ChatGPT sehr faszinierend – das System ist in der Lage, auf die unterschiedlichsten Anfragen scheinbar passende Antworten in Form von natürlicher Sprache oder Sourcecode zu geben.

    Was macht ChatGPT besser als ihre Vorgänger?
    Ihre grösste Stärke spielt die Anwendung in der Sprachgenerierung aus. Das Sprachverständnis und das ausserordentlich umfangreiche Sprachmodell von ChatGPT zählen zum Besten, was es derzeit auf dem Markt gibt. ChatGPT ist damit in der Lage, äusserst natürlich anmutenden, gehaltvollen und präzisen Text zu liefern. Zusätzlich ist die Anwendung sehr zugänglich und baut keine Hürden auf, um mit ihr zu interagieren. Dass ChatGPT sehr treffsicher und eloquent umfangreiche Antworten liefern kann, lässt sich nebst dem riesigen Sprachmodell auch auf das eingesetzte sogenannte Verstärkungslernen zurückführen. Dabei erhält ChatGPT Belohnungen und positives Feedback von Menschen, welche die Antworten bewerten – hier zeigt sich auch ein weiterer Trend, dass Menschen und KI in Zukunft enger zusammenarbeiten werden.

    Der KI-Experte Dr. Andreas Martin hat de neuen Bachelor-Studiengang Business Artificial Intelligence mitentwickelt (Foto: Frank Sippach).

    In welchen Alltagsbereichen begegnen wir solchen KI-Anwendungen bereits?
    Grundsätzlich können wir bereits täglich mit ähnlichen Systemen wie Chatbots oder auch virtuellen Assistenzsystemen wie Google Assistant oder Siri interagieren. Chatbots sind auf vielen Webseiten und auch als Gesundheits- oder Wellness-Coaches oder im Bereich der psychischen Gesundheit im Einsatz. Wenn wir aber bei ChatGPT primär die Textgenerierung betrachten, also das GPT Sprachmodell, so hat das noch nicht so stark Einzug in den Alltag gehalten. Ausser vielleicht bei Programmiererinnen und Programmierern, welche die GPT-basierte Programmierunterstützung GitHub Copilot von Microsoft oder ähnliche Werkzeuge von anderen Herstellern nutzen. In naher Zukunft kann sich das aber schlagartig ändern, indem solche Systeme von der breiten Öffentlichkeit genutzt werden – speziell im Fall von ChatGPT.

    Gehört die Zukunft also der künstlichen Intelligenz?
    Die KI wird in absehbarer Zeit in allen Branchen und Industrien Einzug halten. Daraus werden neue Jobs an der Schnittstelle zwischen den Menschen und den Maschinen entstehen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Programmieraufgaben, sondern vielmehr darum, das Zusammenspiel zwischen den beiden Sphären zu koordinieren. Dafür braucht es das Wissen darum, was mit KI möglich ist, wo sie ideal zur Anwendung kommen kann, um den Menschen Arbeit abzunehmen und Zeit zu sparen. Aber es braucht auch das Bewusstsein für die Grenzen der technischen Möglichkeiten. Diese Fähigkeiten vermitteln wir im Bachelor-Studiengang Business Artificial Intelligence, der unsere Studierenden gezielt auf die von KI geprägte Arbeitswelt von morgen vorbereitet.

    Müssen wir keine Angst haben, dass mächtige KI-Anwendungen uns Menschen ersetzen werden?
    Das Problem ist, dass solche probabilistischen und Daten-getriebenen Sprachmodelle nicht im menschlichen Sinne wissen und verstehen können. Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Online-Marketing-Unternehmen und GPT-3 sagt, Online-Marketing sei Zeitverschwendung – so geschehen bei einem Test von OMR-Journalist Peter Littger im Januar 2021. Das ist ein Super-Gau für ein Unternehmen – das Problem ist, dass es nicht voraussehbar ist, wann ein solches Sprachmodell «Fake News» produzieren wird und es ist auch nicht verhinderbar. Oder stellen Sie sich vor, ChatGPT würde, so wie es heute funktioniert, im Gesundheitsbereich eingesetzt – es wäre absolut unverantwortlich. Mir gefällt hierbei die Analogie von vier Wissenschaftlerinnen, welche von stochastischen Papageien schreiben. Diese Sprachmodelle würden gewissermassen einfach nachplappern wie Papageien – diese Analogie trifft den Nagel auf den Kopf. Denn diese Sprachmodelle können zwar sehr gut und eloquent Text generieren, aber sie wissen nicht, was sie schreiben und sie können auch nicht darüber nachdenken. Daher wird es auch in Zukunft menschliche Expertise und Sachverstand benötigen – von einem Ersatz von menschlichem Denken kann keine Rede sein.

    Wie blickst du als Dozent, der auch Arbeiten korrigieren muss, auf die Verwendung von ChatGPT durch Studierende?
    Mein erster Gedanke dazu ist, dass ich das als Student auch ausprobieren würde. Und offen gesagt, ich sehe da keine grossen Probleme – klar, es ist eine Herausforderung, die Arbeitsaufträge so zu stellen, dass sie kontextabhängig sind und die Eigenleistung der Hauptbeitrag wird. Es ist in der Regel wesentlich aufwendiger, ChatGPT einen Kontext über einen Praxisfall oder Software mitzugeben, als sich selbst Gedanken zu machen. Trotzdem denke ich, dass solche Werkzeuge sich gut für ein Umformulieren von Texten, optimieren von Source Code, Brainstorming und Lösungsentwicklung nutzen lassen können. Die KI liefert Lösungsansätze, die unsere Studierenden dann weiterentwickeln. Zudem erachte ich solche Sprachmodelle, welche auch Sourcecode generieren können, als ein hervorragendes Werkzeug im Erlernen von «Computational Thinking» und insbesondere von Problemlösungstechniken und logischem Denken. Gleichwohl bleibt es eine Herausforderung, der sich die Hochschulen annehmen müssen – da führt kein Weg daran vorbei. Da wir unsere Studierenden für die Praxis ausbilden, sollten wir im Unterricht auch die professionellsten Werkzeuge aus der Praxis einsetzen.

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