Nutzerzentrierte Bedarfsanalyse basierend auf Interviews mit Patientinnen und Klinikfachkräften
Frauen mit Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen (CVD) werden systematisch unterversorgt, da weiterhin erhebliche Lücken in der Erkennung, Diagnose und Betreuung bestehen, die geschlechtsspezifische Risiken berücksichtigen. Digitale Gesundheitstools wie Mobile Apps und Wearables haben das Potenzial, diese Ungleichheiten zu verringern, doch viele spiegeln die spezifischen Bedürfnisse von Frauen nicht wider.
Ziel dieser Studie war es, die Nutzeranforderungen für eine speziell für Frauen entwickelte App zur Unterstützung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) zu definieren.
Wir verfolgten zwei Hauptziele:
(1) die bisher ungedeckten Bedürfnisse und Herausforderungen zu untersuchen, mit denen Patientinnen und ihre behandelnden Fachkraefte konfrontiert sind und die aktuelle Tools nicht ausreichend adressieren, sowie
(2) Funktionen zu identifizieren und zu priorisieren, die sowohl den grössten Nutzen bieten als auch realistisch implementierbar sind.
Neben den Nutzereinschätzungen berücksichtigten wir auch regulatorische und Erstattungsaspekte, um die Kompatibilität mit der praktischen Anwendung und eine zukunftssichere Skalierbarkeit zu gewährleisten.
Methodik
Wir führten eine qualitative Studie mit halbstrukturierten Interviews durch, um die Bedürfnisse, Präferenzen und Erwartungen von Frauen mit CVD sowie deren behandelnden Fachkraeften zu erheben. Die Arbeit wurde durch den Human-Centered Design (HCD)-Ansatz geleitet und konzentrierte sich auf die „Define“-Phase.
Insgesamt wurden 20 Personen in der Schweiz zwischen April und Juli 2025 befragt: 11 Frauen mit CVD, 7 Kardiologinnen/Kardiologen und 2 Expertinnen/Experten für regulatorische und Erstattungsfragen. Die Rekrutierung erfolgte durch gezieltes (purposive) Sampling, und alle Interviews wurden online geführt. Die Daten wurden mittels thematischer Analyse ausgewertet, um Designprioritäten sowie Kontextfaktoren zu identifizieren, die für die Entwicklung eines patientenzentrierten und systemorientierten digitalen Gesundheitstools relevant sind.
Zentrale Ergebnisse
Die Interviews bestätigten, dass zwischen den bestehenden Versorgungspfaden und den spezifischen Bedürfnissen von Patientinnen mit CVD eine deutliche Lücke besteht. Beide Gruppen – Patientinnen und Kardiologinnen/Kardiologen – hoben insbesondere folgende Defizite hervor: mangelnde frühe Symptomerkennung, unzureichende geschlechtsspezifische Handlungsempfehlungen sowie ein Mangel an Tools, die an die Lebensrealitäten von Frauen angepasst sind.
Patientinnen priorisierten personalisierte Aufklärung, emotionale Unterstützung und Funktionen, die hormonelle und lebensphasenspezifische Risiken adressieren. Kliniker betonten dagegen klinischen Nutzen, reibungslose Integration in Arbeitsabläufe und aussagekräftige, umsetzbare Zusammenfassungen.
Erfolg wurde von Patientinnen vor allem erlebnisorientiert definiert (z. B. Selbstbestimmung, Verringerung von Angst), während Kliniker ihn operativ beschrieben (z. B. frühere Erkennung, bessere Therapietreue). Die Zahlungsbereitschaft war in beiden Gruppen moderat, wobei Patientinnen Einfachheit bevorzugten und Kliniker auf Workflow-Integration und nachgewiesenen klinischen Nutzen setzten.
Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse betonen die Bedeutung der Entwicklung einer KI-gestützten CVD-App für Frauen, die Patientinnen-Empowerment mit den klinischen Arbeitsabläufen sinnvoll verbindet. Ein Dual-Value-Ansatz ist entscheidend: personalisierte Tools, die emotionale und alltagsrelevante Bedürfnisse von Patientinnen adressieren, kombiniert mit kompakten und umsetzbaren Informationen für Kliniker. Erste Überlegungen zu regulatorischen und Erstattungsfragen deuten darauf hin, dass eine modulare, evidenzbasierte EinfÜhrungsstrategie entscheidend fÜr langfristige Akzeptanz und Skalierung sein wird.
Diese Erkenntnisse fliessen in die nächste Entwicklungsphase ein, in der ein Prototyp erstellt und getestet wird, der die PrioritÄten von Patientinnen und Gesundheitsdienstleistern in Einklang bringt.
Projektdetails
- Typ
- Forschungsprojekt
- Forschungsfeld
- Business Artificial Intelligence
- Themen
- Digital Transformation and Technologies, Artificial Intelligence und Machine Learning und Gesundheitsförderung und Prävention
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Wirtschaft FHNW / Institut für Wirtschaftsinformatik
- Partner
- - Vavken Health Labs
- Unispital Basel - Förderung
- Innosuisse
- Volumen
- CHF 15 000
- Laufzeit
- Februar 2025 - Dezember 2025
- Leitung
- Christine Jacob
Kontakt

Dr. Christine Jacob
- Telefon
- +41 56 202 74 64
- christine.jacob@fhnw.ch