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Bachelor in Geomatik, IGEO Events

Geomatik-Herbst-Kolloquium vom 13.10.2026: Geostandards in der Schweiz

20. Oktober 2026

Warum passen zwei Kartendienste verschiedener Schweizer Anbieter nahtlos und gestochen scharf übereinander? Geostandards nimmt man meist erst wahr, wenn sie fehlen. Am Geomatik-Herbst-Kolloquium nahm Oliver Grimm, Bereichsleiter Geo-IT bei der geowerkstatt gmbh und Co-Schulleiter am Bildungszentrum Geomatik Schweiz (BIZ Geo), das 20-Jahr-Jubiläum von INTERLIS 2 zum Anlass, die Grundpfeiler unserer Geodaten-Infrastrukturen zu beleuchten.

Zum Einstieg zeigte er ein kurzes Video, in dem in einer Webkarte zwischen einem Orthofoto und einer Basiskarte von Muttenz gewechselt wird. Das Publikum sollte erkennen, welche Standards darin stecken. Dank eCH nutzen beide Dienste dasselbe Koordinatensystem und dasselbe TileMatrixSet. Obwohl die Karten von Swisstopo und vom Kanton Basel-Stadt stammen, bleiben beide beim Wechsel scharf.

Abbildung 1: Im Einstiegsvideo erkannte Standards auf drei Ebenen – W3C, OGC und eCH (13.10.2026)

20 Jahre INTERLIS 2 – Bilanz und Baustellen

Im Anschluss zog Grimm Bilanz. INTERLIS ist das Schlüsselformat für die Anlieferungen an geodienste.ch, die Aggregationsplattform der Kantone. Am Beispiel des Katasters der belasteten Standorte zeigte er live, dass Daten aus Basel-Stadt und Basel-Landschaft über die Kantonsgrenze hinweg dieselbe Struktur und dieselben Attribute aufweisen. Als Transferformat ist INTERLIS weniger populär: Auf data.geo.admin.ch lässt sich nur gut ein Drittel der Vektordatensätze als INTERLIS herunterladen. Damit liegt das Format im Mittelfeld hinter FileGDB, GeoTIFF und GeoPackage.

Zunehmend gefragt ist INTERLIS als Instrument der Qualitätssicherung. Grimm zeigte eine Qualitätsregel, die mit einem regulären Ausdruck prüft, dass eine Hausnummer weder Leerschläge noch Trennzeichen enthält. Solche Regeln sind transparent und lassen sich in Validatoren gezielt einsetzen. Vieles spricht für einen modellbasierten Aufbau von Geodaten-Infrastrukturen, wie ihn viele Kantone gewählt haben: Ein streng beschriebenes Datenmodell sorgt für fachliche Eindeutigkeit, ermöglicht einheitliche Schnittstellen und Prozesse, macht Modelländerungen im Change Management präzise nachvollziehbar und erleichtert die Qualitätssicherung sowie die Umbildung von Daten zwischen Modellen.

Abbildung 2: Fünf Vorteile einer modellbasierten GDI-Architektur (13.10.2026)

Die Verwendung von INTERLIS stösst aber auch auf Herausforderungen. Das Verständnis für die Technologie nehme bei Entscheidungsträgerinnen und -trägern ab, ebenso wie die Ausbildungsstunden zu INTERLIS an vielen Instituten. Das XML-basierte Transferformat gilt als schwerfällig und kann mit modernen Cloud-Native-Formaten nicht mithalten, zudem gibt es mit GeoPackage, GeoJSON oder IFC starke Konkurrenz. Gleichzeitig wird an der Sprache weitergearbeitet: Neue 3D-Geometrietypen sollen INTERLIS «BIM-ready» machen, denn als INTERLIS 2 entstand, wurde noch alles in 2D modelliert. Ausserdem soll sich künftig beschreiben lassen, wie Objekte im Lauf der Zeit ihren Zustand ändern.

Warum es ein «Swiss Finish» braucht

Doch wozu braucht die Schweiz eine eigene Geostandardisierung? Eigene Normen werden hierzulande nicht mehr erfunden. Vielmehr werden internationale Standards von OGC und ISO beobachtet und nur dort, wo nötig, um ein «Swiss Finish» ergänzt – nach dem Lean-Prinzip: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Ein Beispiel ist das Anwendungsprofil Geodienste eCH-0056. Das Dokument regelt unter anderem den Aufbau des TileMatrixSets und erklärt damit die scharfen Karten aus dem Einstiegsvideo. Weil darin auch die Service Capabilities einheitlich festgelegt sind, findet das QGIS-Plugin Swiss Locator Geodienste aus der ganzen Schweiz.

Koordiniert wird diese Arbeit von geostandards.ch, einer Organisation im Rahmen der Strategie Geoinformation Schweiz. Sie gliedert sich in eine Geschäftsstelle sowie die Themenbereiche Ausbildung, Standardisierung und Tools, getragen von Fachleuten aus der Praxis. Gearbeitet wird transparent, viele Aktivitäten laufen in öffentlichen GitHub-Repositories. Wie eine Norm entsteht, zeigte Grimm am Beispiel der Beschreibung temporaler Daten: Die Idee kam aus der SOGI-Fachgruppe GGMM, geostandards.ch beauftragte eine Expertengruppe mit einem Vorschlag, dieser ging bei Kantonen, Bundesstellen, Hochschulen und Industrie in die Vernehmlassung, und die eCH-Fachgruppe Geoinformation übernahm schliesslich die Redaktion der Norm.

So funktioniert die Geostandardisierung in der Schweiz
Abbildung 3: So funktioniert die Geostandardisierung in der Schweiz – am Beispiel «Beschreibung temporaler Daten» (13.10.2026)

In der Fragerunde ging es unter anderem darum, ob sich auch junge Berufsleute einbringen können. Die Antwort fiel eindeutig aus: Es brauche junge Leute und neue Konzepte. Als Beispiel nannte Grimm eine studentische Arbeit des Institut Geomatik FHNW, die ein neues User Interface für den INTERLIS-Validator entworfen und in der Fachwelt für Aufsehen gesorgt hatte. Interessierte können sich jederzeit bei geostandards.ch melden.

Der Vortrag machte deutlich, wie viel von dem, was im Alltag selbstverständlich funktioniert, auf sorgfältiger Abstimmung im Hintergrund beruht. Geostandards sind die Grundpfeiler der Interoperabilität.

Eine Aufzeichnung des Vortrages finden Sie hier.

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