Zwischen Kriegen, Krisen und Polarisierung wird immer wieder der Ruf nach Solidarität laut. Die Welt zeigt sich davon scheinbar unbeeindruckt. Ein neues Forschungsnetzwerk widmet sich der Bedeutung von Solidarität in der heutigen Zeit.

Das Jahr 2026 ist turbulent gestartet. Angesichts geopolitischen Eskalationen und medialem Generationen-Bashing sieht man den Kitt unserer sozialen Ordnung bröckeln. Wir sind es mittlerweile gewohnt. In den letzten Jahren – schwierig abzuschätzen seit wann genau – folgte eine schlechte Nachricht auf die nächste: Wir sind konfrontiert mit militärischen Konflikten, zivilgesellschaftlichem Zerfall, zerstrittenen politischen Lagern, wachsendem ökonomischen Druck und ökologischen Krisen. Getrieben von Schlagzeilen und skandalisierenden Kommentaren hetzen wir von einer Empörung zur nächsten. Es fehlen ruhige Momente, um innezuhalten, sich zu orientieren. Und dazwischen wird immer wieder gefordert: «Seid solidarisch!». Aber wissen wir noch, wie Solidarität geht?
«Ich glaube, je älter ich geworden bin, umso weniger spontan, emotional oder euphorisch wird meine Solidarität», sagt Maria Jastrzebska, «Ich merke, dass viele Dinge auf Ebenen zu lösen sind, die wenig mit individuellen Begegnungen oder Beziehungen zu tun haben». Maria Jastrzebska ist Mitglied des neu gegründeten «Solidarity Research Network» (SRN). Gemeinsam mit Forschenden aus der ganzen Welt möchte sie besser verstehen, was Solidarität heute auszeichnet. Damit verbindet sich auch die Hoffnung, der aktuellen Aussichtslosigkeit etwas entgegenhalten zu können. «Solidarität kann man kurz als füreinander einstehen bezeichnen, es ist prinzipiell nicht profitorientiert,obwohl sich Solidarität in materieller Unterstützung manifestieren kann. Bei der Solidarität geht es über einen konkreten Nutzen hinaus. Und es ist relational, in reziproken Beziehungeneingebettet, auch wenn es in bestimmten Momenten erstmal einseitig bleibt», führt sie aus.
Selbstverständlich solidarisch?
«Füreinander einstehen» – das tönt so einfach. Und es stimmt, Solidarität ist in unserer Vorstellung simpel: Anspruch auf Solidarität hat, wer arm, unterdrückt, stimmenlos ist oder wem Unrecht angetan wird. Diese Zuschreibungen sind aber abhängig von der eigenen Geschichte und Lebenserfahrung, den eigenen Werten und der politischen Einstellung. «In der Ukraine war das Konzept von Solidarität stark stigmatisiert, wegen der Sowjetunion», sagt Dr. Petro Mozolevskyi. Er hat gemeinsam mit Maria Jastrzebska, Prof. Dr. Thomas Geisen und weiteren Mitarbeitenden der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW das SRN vor einem Jahr initiiert. «Aber mit dem Kriegsbeginn habe ich gespürt, wie viel Solidarität uns entgegengebracht wurde aus dem Ausland. Und seither finde ich das toll und möchte Solidarität erweitern und zurückgeben, wo möglich», fährt Dr. Mozolevskyi fort. Seine Motivation, sich im SRN für mehr Solidarität einzusetzen, entspringt dieser Erfahrung und zeigt, wie ansteckend Solidarität sein kann. Mittlerweile hat das Netzwerk 38 Mitglieder aus Hochschulen und Universitäten der ganzen Welt. Der internationale Austausch liegt im Herzen des Projektes – und im Herzen der Solidarität. Im Kontext der Globalisierung und der Individualisierung einzelner Lebensentwürfe wird es schwieriger, einen gemeinsamen, allgemeingültigen Nenner für solidarisches Handeln und Empfinden zu finden.

Wie vielschichtig Solidarität sein kann, zeigt ein erstes Modell des «Solidarity Research Network», das seine Interessenbereiche aufzeigt. Deutlich wird schnell, dass viele Tätigkeitsbereiche und institutionelle Abmachungen auf einem solidarischen Gedanken fussen, ohne dass es explizit wird: Von Beziehungen innerhalb der Familie, sozialstaatlichen Unterstützungssystemen oder Sorge um unsere Umwelt. Diese Dimensionen besser zu verstehen, ist ein Ziel des Solidarity Research Networks. Welche Normen und Praktiken gibt es? Wo gibt es Kontinuität, wo verändert sich Solidarität? Die internationale Perspektive ist hierbei entscheidend. Wir leben heute in einer globalen Welt, die Probleme, Konflikte und Herausforderungen entgrenzt.
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Das Solidarity Research Network widmet sich der Erforschung und Untersuchung von Formen der Solidarität in verschiedenen Kontexten und Umgebungen. Als internationale Initiative bringt das Netzwerk unterschiedliche Perspektiven zusammen und fördert den Austausch.
Weitere Informationen zum Solidarity Research Network: solidarity-research.ch
Grenzen der Solidarität
Trotz den vielen Ebenen und Verknüpfungen gibt es Grenzen, die Solidarität einschränken. Eine davon spüren wir in der aktuellen Weltlage deutlich: Sie überfordert. Es gibt ein Allzeithoch von Erschöpfungserscheinungen, Perspektivenlosigkeit, Lethargie und Radikalisierung. Der Zwang sich solidarisch zu zeigen, belastet und stumpft ab. «Die Vorstellung von Solidarität ist sehr emotional und politisch aufgeladen und wird auch politisch genutzt. Heutzutage, bei all diesen Kriegen oder Krisen, ist jedes zweite Wort ‘Solidarisch’. Das kann irritieren», sagt Maria Jastrzebska. Zwar motivieren Emotionen zu solidarischem Handeln: Angst, Wut oder Schmerz sind Ausdruck von gemeinsamen, geteilten Erfahrungen. Sie verbinden Menschen miteinander. Aber gleichzeitig liegt darin die Gefahr, sich zu verausgaben. «Wir können uns nicht immer für alle gleich intensiv, solidarisch engagieren Ich muss einschränken, wo und wie ich mich einbringe», ergänzt Maria.
Eine andere Grenze hat die Solidarität dort, wo sie in etwas anderes umschlägt – wenn vermeintliche Solidarität zu neuem Leid führt. «Wo ist gewisser Zusammenhalt nicht mehr wirklich Solidarität? Sind z.B. radikalisierte, gewalttätige Gruppierungen solidarisch? Nein. Sobald es zu Gewalt führt, ist es keine Solidarität mehr – das haben wir Mal mit Prof. Dr. Thomas Geisen diskutiert. Gewalt verändert die Menschen so, dass daraus entstehende Strukturen Herrschaft werden, nicht mehr Solidarität», erklärt Maria Jastrzebska.
Zwischen solchen grossen Fragen und kleinen Momenten solidarischen Handelns, versucht das Solidarity Research Network besser zu verstehen, wie Solidarität heute verstanden wird. Teil dieses Ziels ist es auch zu verstehen, wie Solidarität in der Sozialen Arbeit gelebt wird und welche Chancen da sind, ein solidarisches Miteinander zu fördern.
Solidarische, statt Soziale Arbeit?
Die Soziale Arbeit kann als ein grundsätzlich solidarisches Tätigkeitsfeld verstanden werden. Im Berufskodex der Sozialen Arbeit taucht das Wort an zwei Stellen explizit auf: Im Zusammenhang von Gemeinschaftlicher Verantwortung und Sozialer Gerechtigkeit. Menschen sind stets Teil sozialer und ökologischer Systeme. Darin haben sie unterschiedliche Ausgangslagen und Ressourcen. Aufgabe der Sozialen Arbeit ist es, Menschen mit weniger Möglichkeiten solidarisch zu unterstützen und gleichzeitig ein Bewusstsein für die Verantwortung für andere und für die Gemeinschaft zu fördern, also Solidarsysteme zu stärken. Was genau das für die Praxis bedeutet, ist Teil der Fragestellung des SRN.
Wohlfahrtsstaaten und Normen der Solidarität basieren auf politischer Teilhabe, sozialer Gerechtigkeit und kultureller Selbstbestimmung, aber die Entwicklung der Solidarität ist weder unvermeidlich noch linear. Eine Auseinandersetzung mit Solidarität ist nötig, um trotz aktueller ökologischer, wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Krisen und Konflikte zukunftsfähige und nachhaltige Formen des Zusammenlebens zu finden. «Es ist unglaublich wichtig zu zeigen, dass solidarisches Handeln noch möglich ist. Hier ist das internationale Netzwerk enorm wichtig. Wir finden Verbündete und können unsere Perspektive breit diskutieren. Und gleichzeitig ist auch die Kooperation in diesem Forschungsnetzwerk ein Ausdruck von Solidarität – gegenseitiges Unterstützen der Sache wegen und nicht aus materiellen Gründen» sagt Dr. Petro Mozolevskyi.
Solidarität kann für die Soziale Arbeit ein Konzept sein, ihr Handeln zu untermauern und nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Gleichzeitig besteht die Gefahr der Überbelastung, des emotionalen Drucks und der Überforderung. Vielleicht liegt auch gerade darin die Stärke – etwas zu tun, trotz der Überforderung, trotz der Erschöpfung. Auch wenn es nur etwas Kleines ist, erlebt man das eigene Handeln als wirkmächtig. Das befreit und macht Mut. Dieses Gefühl auch in anderen zu wecken, für andere die Möglichkeit zu schaffen, das eigene Handeln als relevant zu erleben und die Solidarität zurück- oder weiterzugeben, kann ein Weg sein, die eigene Situation und das eigene Empfinden zu entlasten. Das Forschungsnetzwerk versteht sich selbst als ein Beispiel dafür – solidarisches Forschen als gelebte Antwort auf die Fragen, die es stellt. Solidarisch mit anderen zu sein, bedeutet vielleicht auch, solidarisch mit sich selbst zu sein.
Kontakt

Maria Bernadetta Jastrzebska
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