Im Zuge der 68er-Bewegung wurde Kritik am System der geschlossenen Heimerziehung laut und es folgten verschiedene Reformen, die jedoch nicht für alle Kinder und Jugendlichen eine Veränderung in ihrem Heimalltag bedeuteten. Diese Studie untersuchte die Veränderungen in den folgenden zwei Jahrzehnten.

Im Gefolge von ‘68 kam es zu Kritik am System der geschlossenen Heimerziehung und zu mehr oder weniger durchgreifenden Reforminitiativen. Die These vom Ende der Anstaltserziehung in den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum trifft jedoch nur sehr bedingt zu. Nicht wenige Kinder und Jugendliche gelangten mindestens weitere zwei Jahrzehnte in kaum veränderte Fürsorgeinstitutionen. Diese Schwellenzeit zwischen Veränderung und Beharrung hat bislang wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren.
In den 1970er und 1980er Jahren entwickelte sich die Heimerziehung in verschiedenen Wohlfahrtsregionen unterschiedlich bezüglich Dynamiken, Graden und Geschwindigkeiten. Wie zeigten sich diese Entwicklungen? Welche Dynamiken lassen sich ausmachen und welche wechselseitigen Wirkungen erzeugten diese lokal, regional, national und transnational? Welche strukturellen und institutionellen Hinterlassenschaften, welche Diskursfelder und Akteurskonstellationen bestimmten Grade und Geschwindigkeiten der Transformation? Das Ziel des grenzüberschreitenden Dreiländer-Projekts ist eine angemessene und differenzierte Beschreibung einer bislang wenig erforschten Schwellenzeit, die neue Erkenntnisse zur jüngeren Heimgeschichte erbringt sowie Methodologien zur Erforschung wohlfahrtsstaatlicher Transformationen liefert.
Aufbau und Vorgehen der Studie
Das an drei verschiedenen Hochschulen lokalisierte Projekt (Universität Innsbruck, Universität Kassel und Fachhochschule Nordwestschweiz) nutzt als Erkenntnisstrategie den Vergleich. Als empirische Untersuchungseinheiten dienen sechs Fallstudien. Sie repräsentieren drei prototypische und kontrastiv gewählte Wohlfahrtsregionen: Tirol/Vorarlberg (A), Hessen (D) und Zürich (CH). Untersucht werden die Aushandlungsprozesse um die sich wandelnden Erziehungsräume. Die jeweiligen Wohlfahrtslandschaften und Wohlfahrtsregime markieren hierbei die Kontextbedingungen. Eine relationale und handlungsorientierte Raumtheorie perspektiviert die Untersuchung.
Ergebnisse
Aus der Untersuchung sind mehrere Fallstudien entstanden, die die Entwicklungen im DACH-Raum veranschaulichen. Transformationen in der Kinder- und Jugendhilfe sind oft kleinräumig und in ihrer Dynamik ungleichzeitig. Sie sind eingebunden in gesellschaftliche Entwicklungen, in Steuerungsformen von Fachverwaltungen sowie in kommunale und übergreifende Politiken. Sie orientieren sich an pädagogischem Wissen und Heimpraxis und werden gleichzeitig herausgefordert vom protestierend eingebrachten Eigensinn von Kindern und Jugendlichen, innerhalb und ausserhalb der Einrichtungen der Heimerziehung.
Das Werk «Öffentliche Erziehungsräume zwischen Szene, Protest und Stadtpolitik. Die städtische Kinder- und Jugendhilfe in Zürich im Fokus (1970 bis 1990)» legt für die Schweiz erstmals eine interdisziplinär angelegte Analyse zum vielfältigen Reformgeschehen in der Kinder- und Jugendhilfe in den Umbrüchen zwischen 1970 und 1990 vor. Auf stationäre Einrichtungen in der Verantwortung der Stadt Zürich fokussierend, öffnet es den Blick für die Plastizität der Kinder- und Jugendhilfe und ihrer Angebote, sei das auf der konkreten oder der allgemeinen Ebene. Mit einer breiten Herangehensweise löst sich die Darstellung von der bislang dominierenden Konzentration auf «68» und die «Heimkampagne» und erschliesst neues Wissen zu Veränderungsdynamiken am Schnittpunkt öffentlicher Erziehungsräume und sozialer und gesellschaftlicher Bewegungen.
Projektdetails
- Forschungsfeld
- Professionsforschung und Hilfen zur Erziehung und Kindesschutz
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Integration und Partizipation
- Partner
- Prof. Dr. Mechthild Bereswill. Universität Kassel
Prof. Dr. Michaela Ralser, Universität Innsbruck - Förderung
- Schweizerischer Nationalfonds (SNF),
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG),
Österreichischer Wissenschaftsfonds (FWF) - Laufzeit
- 1.8.2021 – 31.8.2024
- Leitung
- Prof. Dr. Gisela Hauss
- Mitarbeit
- Dr. Kevin Heiniger
Dr. Daniela Hörler
Kontakt

Dr. Kevin Heiniger
- Telefon
- +41 62 957 28 07
- kevin.heiniger@fhnw.ch

Dr. Daniela Hörler
- Telefon
- +41 62 957 29 94
- daniela.hoerler@fhnw.ch