Was fördert oder behindert die digitale Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in der beruflichen Aus- und Weiterbildung? Um diese Frage zu beantworten, wurden Daten zu verschiedenen Perspektiven unter anderem von Menschen mit Behinderungen und von Bildungseinrichtungen erhoben und ausgewertet.

Die Schweiz hat die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) im April 2014 ratifiziert und sich damit verpflichtet, die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben zu gewährleisten. Für Lernende mit Behinderungen bietet die Digitalisierung diesbezüglich Chancen: Digitale Technologien können ihnen neue Möglichkeiten eröffnen (so beispielsweise über die digitale Verfügbarkeit von Fachbüchern, Lernplattformen, Online-Unterricht, die Verwendung assistiver Technologien wie Sprachausgabe oder Steuerung per Tastenkombination) und erlauben eine flexiblere Gestaltung des Bildungsalltags. Voraussetzung ist allerdings die Zugänglichkeit digitaler Lehr- und Lernmedien und die barrierefreie Gestaltung von beruflicher Bildung. Das Forschungsprojekt E-Inclusion zielte darauf, die Dimensionen digitaler Teilhabe zu erfassen sowie zu eruieren, welche Faktoren sie beeinflussen. Das Projekt ist Teil des Nationalen Forschungsprogramms «Digitale Transformation» (NFP 77).
Aufbau und Vorgehen der Studie
Im Rahmen von fünf Arbeitspaketen wurden folgende Fragen bearbeitet:
- Was beeinflusst die digitale Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung?
- Welche Dimensionen umfasst die digitale Teilhabe von Menschen mit Behinderungen?
- Was sind die internen und externen Einschätzungen zu digitaler Teilhabe in Bildungsorganisationen?
- Wie setzen Berufsbildungsorganisationen E-Inklusion für Menschen mit Behinderungen um?
- Welche Massnahmen und Empfehlungen lassen sich aus den Ergebnissen der Forschung ableiten?
Für die qualitative Untersuchung wurden 42 Lernende mit Behinderungen (LmB) sowie zehn Fachpersonen interviewt. 17 Verantwortliche von Bildungsorganisationen gaben Einblick in die Implementierung digitaler Teilhabe. Die nationale Online-Befragung (n=431 aus 289 Organisationen) lieferte quantitative Ergebnisse, während E-Accessibility-Tests bei sechs Organisationen die Barrierefreiheit der digitalen Infrastruktur und Lernmaterialien prüften.
Die Datenerhebung erfolgte in allen drei Sprachregionen und wurde nach Grounded Theory sowie quantitativen Verfahren ausgewertet.
Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass eine unzureichende Sensibilität für digitale Ausschlussrisiken von Lernenden mit Behinderung häufig mit strukturellen Lücken, einer knapp bemessenen Finanzierung und einer mangelhaften Umsetzung von Fördermassnahmen einhergeht. Um digitale Teilhabe nachhaltig zu stärken, sollten Bildungsorganisationen zwei Aktionsebenen unterscheiden: individuelle und strukturelle Massnahmen. Individuelle Anpassungen sorgen dafür, dass einzelne Lernende spezifisch unterstützt werden, wenn sie auf Barrieren stossen. Strukturelle Massnahmen gestalten Bildungsangebote von Anfang an barrierefrei und ermöglichen so Teilhabe für alle. Beide Ansätze ergänzen sich.
Basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen wurde ein Orientierungsrahmen zu digitaler Teilhabe erarbeitet. Der Orientierungsrahmen zeigt, wie Bildungsorganisationen und andere Akteure die digitale Teilhabe stärken können, und bietet Handreichungen bei der gezielten Planung nächster Schritte. Die Umsetzung digitaler Teilhabe ist eine gemeinsame Aufgabe, die Verantwortung liegt nicht allein bei Bildungsorganisationen. Ebenso gefordert sind Bildungspolitik, Interessens- und Behindertenverbände, Lehrmittelverlage, Softwareentwicklung, Berufsverbände und die Invalidenversicherung (IV).
Weitere Informationen zur Studie sowie den Orientierungsrahmen finden Sie unter: inclusion-digital.ch
Projektdetails
- Forschungsfeld
- Behinderung, Digitalisierung in der Sozialen Arbeit und Lebenslagen und soziale Teilhabe
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Kinder- und Jugendhilfe, Institut Integration und Partizipation
- Förderung
- Schweizerischer Nationalfonds (SNF), NFP77 Digitale Transformation
- Laufzeit
- 1.12.2020 – 30.11.2024
- Leitung
- Prof. Gabriela Antener
Prof. Dr. Anne Parpan-Blaser
Prof. Dr. Olivier Steiner - Mitarbeit
- Silvano Ackermann
Julia Bannwart
Dr. Anton Bolfing
Valaulta, Fabienne
Kontakt

Prof. Gabriela Antener
- Telefon
- +41 62 957 20 46
- gabriela.antener@fhnw.ch

Prof. Dr. Olivier Steiner
- Telefon
- +41 61 228 59 46
- olivier.steiner@fhnw.ch

Prof. Dr. Anne Parpan-Blaser
- Telefon
- +41 62 957 21 15
- anne.parpan@fhnw.ch