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Einfamilienhaussiedlungen sind besser als ihr Ruf, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

Hochschule für Soziale Arbeit


In vielen Quartieren ist die Bevölkerung zusammen mit den Häusern gealtert. Sind solche Siedlungen für ältere Menschen noch der ideale Wohnort? Ein Forschungsprojekt geht dieser Frage nach.

Quartierübersicht von der Anhöhe in Muttenz.

Dichte Hecken schirmen die Gärten vor Blicken ab. Unauffällige Einfamilienhäuser, in den Einfahrten parkierte Autos. Da und dort ragen Baukräne in die Höhe: Am Rand des Quartiers entsteht eine neue Siedlung. Das Geräusch einer Baumaschine durchbricht die Stille des Vormittags. Die Strassen sind praktisch menschenleer. Nur einige ältere Personen oder Mütter mit Kleinkindern: ein Augenschein an einem sonnigen Februarmorgen im Muttenzer Quartier Hinterzweien.

Wie in vielen Einfamilienhausquartieren stammen die meisten Häuser hier aus den 1960er- bis 80er-Jahren. Ein Grossteil der Bewohnerinnen und Bewohner ist unterdessen im Pensionsalter, die Kinder ausgeflogen. Doch werden solche Siedlungen den Bedürfnissen älterer Menschen gerecht? Welche Infrastruktur bieten sie? Und wie fühlt es sich an, wenn rundum mehrheitlich Senioren leben? Diesen Fragen ist die Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik FHNW gemeinsam mit der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW nachgegangen. Im Laufe des vergangenen Jahres führten die Forschenden an zwei unterschiedlichen Orten Befragungen durch. Als Gegenstück zu Muttenz wählten sie die strukturschwache Gemeinde Günsberg oberhalb von Solothurn.

Ausrichtung auf Privatverkehr

Die meisten Einfamilienhausquartiere sind stark auf den Privatverkehr ausgerichtet. Aufgrund der Fachliteratur, die vor allem auf ausländischen Studien basiert, ging das Forscherteam davon aus, dass dies für die ältere Bevölkerung ein Problem darstellt. «In den Quartieren selber sind die Versorgungsmöglichkeiten meist rar», sagt Hannes Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik FHNW. Doch im Verlaufe seines Projekts hat er erkannt, dass die Annahmen aus der Literatur in der Schweiz nicht ohne Weiteres zutreffen. So gibt es zwar im Quartier Hinterzweien ausser einem Coiffeur keine Läden. Doch die Bewohner gelangen mit dem Bus, dem Velo oder zu Fuss ins nahe Dorfzentrum. Viele fühlen sich sehr verbunden mit dem historischen Dorfkern von Muttenz – oft noch mehr als mit ihrem Wohnquartier Hinterzweien selbst. Als wertvoll erachten sie zudem die nahen Grünräume und Spazierwege, wie sie den Forschenden erzählten. Angebote der Spitex machen es möglich, auch bei Gesundheitsproblemen noch lange im eigenen Heim zu bleiben, wie es sich die meisten Menschen wünschen. Schreitet die Pflegebedürftigkeit voran, stehen in Muttenz zwei Alters- und Pflegeheime zur Verfügung.

Sogar im abgelegenen Günsberg ist Altwerden bis zu einem gewissen Grad möglich. Es gibt im Dorf einen Volg, einen Coiffeur, Post und Bank sowie Spitex-Dienste. Schwierig zu bewältigen ist für ältere Menschen hingegen die starke Hangneigung. «Wenn man am Rollator geht, ist das mühsam», sagt Müller. Die Busverbindungen nach Solothurn sind zu Randzeiten rar.

Hohe Zufriedenheit

Trotzdem würden die Befragten ihr Umfeld nicht als problematisch empfinden, ergänzt Christine Matter von der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, welche die Interviews geführt hat – in Muttenz waren es 14, in Günsberg vier. Sie sprach mit den 65- bis 93-jährigen Einwohnerinnen und Einwohnern unter anderem darüber, wie Gefühle von Heimat und Identität entstehen. Die meisten seien sozial nicht so stark im Quartier verwurzelt, hat die Soziologin erfahren. «Man schwatzt ein wenig mit den Nachbarn, wenn man sich begegnet», sagt Matter, «aber die Beziehungen zu Kindern und Freunden ausserhalb des Quartiers sind wichtiger.» Ein Thema waren auch Veränderungen und Verdichtungen der Siedlungsstruktur. Dabei hat die Forscherin überrascht, dass die Befragten neue Überbauungen meist nicht negativ wahrnehmen – auch wenn dafür alte Bäume oder Bauernhöfe weichen mussten.

In einem nächsten Schritt wird das Forscherteam ein Instrument entwickeln, das Gemeinden dabei unterstützt, die Altersgerechtigkeit ihrer Quartiere zu überprüfen und verbessern. Dabei spielen etwa Aspekte wie die Anbindung an den öffentlichen Verkehr oder die Nähe von Läden eine Rolle. Zudem soll ein Folgeprojekt Aufschluss geben über die entsprechenden Verhältnisse in der gesamten Nordwestschweiz. Aufgrund der bereits durchgeführten Studie vermuten die Forschenden, dass die Verhältnisse in der Schweiz für ältere Personen insgesamt gut sind. Die meisten Befragten fühlen sich wohl in ihrem Umfeld, sagt Christine Matter, «sie haben ihren Alltag gut im Griff.»

(Text: Andrea Söldi)

Projektdetails

Forschungsfeld
Alter und Stadtentwicklung
Hochschule/Institut
Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Integration und Partizipation, Hochschule für Soziale Arbeit
Projekttitel

Heimat und Identität in «alternden» Einfamilienhausquartieren: Der Beitrag eines Siedlungstyps für ein gelungenes Ageing in Place

Projektteam

Prof. Christina Schumacher, lic. phil. I, Soziologin
Prof. Dr. habil. Klaus R. Schroeter
Dr. Christine Matter
Hannes Müller, Dipl.-Ing. Architektur

Projektpartner

Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik (HABG)

Dauer

01.09.2015 bis 31.12.2016

Finanzierung

Strategische Initiative (SI) Alternde Gesellschaft FHNW

Institut

Institut Integration und Partizipation

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