Wie können ältere Menschen auch dann mitbestimmen und teilhaben, wenn sie Pflege und Unterstützung benötigen? EPICENTRE-PARTICIPATIO untersucht Partizipation in Pflegeheimen, im betreuten Wohnen und in der häuslichen Pflege in Basel-Stadt und Basel-Landschaft und leistet damit einen Bei-trag zur Entwicklung von Caring Cities.

Kontext der Studie
Mit der Alterung der Bevölkerung steigt in der Schweiz der Bedarf an stationärer und häuslicher Langzeitpflege sowie an betreuten Wohnformen. Gleichzeitig stellt sich für Städte und Gemeinden die Frage, wie ältere Menschen auch bei zunehmendem Pflege- und Unterstützungsbedarf selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Der Eintritt in ein Pflegeheim oder die Inanspruchnahme professioneller Unterstützung kann jedoch mit einem Verlust an Selbstbestimmung und der sozialen Teilhabe verbunden sein. Die Covid-19-Pandemie hat besonders deutlich gemacht, wie anspruchsvoll es ist, den Schutz älterer Menschen mit ihrer persönlichen Freiheit, ihren sozialen Beziehungen und ihren Möglichkeiten zur Mitbestimmung in Einklang zu bringen.
Diese Fragen sind nicht nur für die Langzeitpflege, sondern auch für die Stadtentwicklung von Bedeutung. Pflegeheime, betreute Wohnformen und Angebote der häuslichen Pflege sind Teil der sozialen Infrastruktur von Städten, Gemeinden und Quartieren. Ihre räumliche Lage, ihre Einbindung ins Wohnumfeld und ihre Beziehungen zu Nachbarschaften, öffentlichen Räumen und weiteren Unterstützungsangeboten beeinflussen, ob ältere Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
Damit stellen sich grundlegende Fragen: Wer entscheidet über den Alltag, die Pflege und die Lebensgestaltung älterer Menschen, die professionelle Langzeitpflege benötigen? Was verstehen ältere Menschen, Angehörige, Fachpersonen, Leitungsverantwortliche, Behörden und Interessenvertretungen unter Partizipation? Wo wird Mitbestimmung bereits ermöglicht – und wo verhindern institutionelle Abläufe, fehlende Ressourcen, räumliche Bedingungen oder gesellschaftliche Ungleichheiten eine gleichberechtigte Teilhabe?
Obwohl Partizipation in der Pflegepraxis, im Pflegemanagement und in der Alterspolitik zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist noch wenig darüber bekannt, wie sie im Alltag unterschiedlicher Versorgungsund Wohnformen tatsächlich ausgehandelt und umgesetzt wird. EPICENTRE-PARTICIPATIO untersucht diese Fragen gemeinsam mit Akteur:innen des Langzeitpflegesystems in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft.
Ziel der Studie
Ziel des Projekts ist es, besser zu verstehen, wie Entscheidungen getroffen werden, die ältere Menschen in Pflegeheimen, im betreuten Wohnen oder in der häuslichen Pflege unmittelbar betreffen. Dabei werden neben den Perspektiven älterer Menschen auch jene ihrer Angehörigen, der Fachpersonen und Leitungsverantwortlichen sowie von Behörden, Gemeinden, Verbänden und Interessenvertretungen berücksichtigt.
Das Projekt verfolgt drei Ziele:
- Es untersucht, wie und von wem Partizipation in unterschiedlichen Bereichen der Langzeitpflege verstanden, diskutiert und praktiziert wird.
- Es analysiert, welche sozialen, gesundheitlichen, institutionellen und räumlichen Ungleichheiten die Möglichkeiten älterer Menschen zur Mitbestimmung und gesellschaftlichen Teilhabe beeinflussen.
- Es entwickelt gemeinsam mit den beteiligten Akteur:innen Ideen und Ansätze zur Förderung einer gerechten und nachhaltigen Partizipation älterer Menschen, die Langzeitpflege und Unterstützung in Anspruch nehmen – in Institutionen, Wohnumfeldern, Quartieren und Gemeinden.
Die Ergebnisse sollen Praxis, Politik, Verwaltung und Stadtentwicklung wissenschaftlich fundierte Orientierung bieten. Sie sollen dazu beitragen, Entscheidungs- und Beteiligungsmöglichkeiten in der Langzeitpflege zu verbessern und Pflege- und Unterstützungsstrukturen stärker in eine sozial nachhaltige Stadt- und Quartiersentwicklung einzubeziehen.

Aufbau und Vorgehen der Studie
EPICENTRE-PARTICIPATIO verbindet die beiden Teilprojekte EPICENTRE zur stationären Langzeitpflege und PARTICIPATIO zur häuslichen Pflege und zum betreuten Wohnen. Die Studie folgt einem ethnographischen Ansatz. Forschende begleiten den Alltag in verschiedenen Einrichtungen, Wohnformen und Versorgungskontexten über einen längeren Zeitraum. Sie führen Beobachtungen, informelle Gespräche und Interviews durch und analysieren relevante Dokumente.
Dieser Ansatz ermöglicht es, nicht nur formelle Regelungen und erklärte Absichten zu erfassen, sondern auch zu untersuchen, wie Partizipation in konkreten Alltagssituationen praktiziert, ermöglicht oder begrenzt wird. Dabei wird berücksichtigt, wie institutionelle Strukturen, Wohnbedingungen, Nachbarschaften und sozialräumliche Kontexte die Mitbestimmung und Teilhabe älterer Menschen prägen.
Einbezogen werden ältere Menschen, Angehörige, Pflege- und Betreuungspersonal, Leitungs- und Verwaltungspersonen sowie Akteur:innen aus Behörden und Interessenvertretungen. Zusätzlich werden ausgewählte Themen vertieft, darunter der Übergang vom Spital ins Pflegeheim, die strategische Führung von Pflegeorganisationen, Beistandschaften, Haustiere und das Sterben im Pflegeheim.
Während der gesamten Projektdauer werden die Erkenntnisse regelmässig mit einer transdisziplinären Begleitgruppe diskutiert. In ihr wirken ältere Menschen, Angehörige sowie Vertreter:innen aus Praxis, Verbänden, Wissenschaft, Kantonen und Gemeinden mit. Auf dieser Grundlage werden praxisnahe Ansätze zur Stärkung der Partizipation gemeinsam entwickelt und ihre Umsetzung wissenschaftlich begleitet.
Erste Ergebnisse und Bedeutung für Caring Cities
Die bisherigen Analysen zeigen, dass Partizipation im Langzeitpflegesystem sehr unterschiedlich verstanden wird. Sie bewegt sich zwischen einem technisch-prozeduralen und einem sozialen Verständnis. Im technisch-prozeduralen Verständnis bedeutet Partizipation, dass ältere Menschen innerhalb vorgegebener Entscheidungswege und organisatorischer Abläufe einbezogen werden. Im Zentrum stehen dabei konkrete Verfahren, Gesprächsformate und Möglichkeiten zur Mitsprache. Gleichzeitig begrenzen knappe Ressourcen, institutionelle Vorgaben und unterschiedliche individuelle Voraussetzungen die Umsetzung.
Das soziale Verständnis reicht über die Beteiligung an einzelnen Entscheidungen hinaus. Partizipation bedeutet hier soziale Einbindung, Zugehörigkeit und die Möglichkeit, am Alltag und am gemeinschaftlichen Leben teilzuhaben. Sie wird als grundlegendes Recht verstanden, das Anerkennung, Würde und soziale Verbundenheit ermöglicht – unabhängig von Alter, körperlicher Verfassung oder kognitiven Fähigkeiten. In der Praxis müssen Organisationen der Langzeitpflege fortlaufend zwischen den pragmatischen Anforderungen der Umsetzung und dem weitergehenden Anspruch sozialer Inklusion vermitteln.
Zugleich zeigt sich, dass Menschen mit Langzeitpflegebedarf in fachlichen, organisatorischen und politischen Zusammenhängen häufig als homogene und vergleichsweise selbstständige Gruppe dargestellt werden. Unterschiedliche Lebenslagen, gesundheitliche Voraussetzungen und Fähigkeiten werden dadurch teilweise zu wenig berücksichtigt. Besonders Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen laufen Gefahr, bei Beteiligungsprozessen nicht angemessen einbezogen zu werden. Die Frage nach Partizipation ist daher eng mit Fragen der Chancengerechtigkeit verbunden.
In der stationären Langzeitpflege erweist sich Partizipation als fortlaufender, dynamischer, relationaler und zugleich fragiler Prozess. Beziehungen zwischen Bewohnenden, Angehörigen und Mitarbeitenden bilden eine wesentliche Grundlage dafür, ob Partizipation im Alltag entstehen kann. Bewohnende bewegen sich dabei zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem Bedürfnis, sich abzugrenzen und Eigenständigkeit zu bewahren. Mitarbeitende wiederum müssen emotionale Zugewandtheit und Resonanz mit professionellen Grenzen verbinden. Eine partizipative Kultur kann entstehen, wenn soziale Begegnungen gefördert werden und Mitarbeitende gemeinsame Werte tragen. Sie bleibt jedoch fragil, weil sie durch Zeitdruck, finanzielle Einschränkungen, organisatorische Anforderungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinträchtigt werden kann.
In der häuslichen Langzeitpflege wird Partizipation wesentlich durch die strukturellen Bedingungen der Versorgung geprägt. Zeitvorgaben, Leistungsaufträge und organisatorische Abläufe bestimmen die Handlungsspielräume von älteren Menschen und Spitex-Mitarbeitenden. Innerhalb dieser Bedingungen versuchen beide Seiten, Möglichkeiten zur Mitgestaltung auszuhandeln. Der Aufbau und die Aufrechterhaltung verlässlicher Beziehungen sind dafür zentral. Neben den professionellen Unterstützungsangeboten beeinflussen auch Angehörige, Nachbar:innen und weitere Personen des sozialen Umfelds, wie selbstbestimmt ältere Menschen zu Hause leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
Im betreuten Wohnen zeigt sich eine heterogene Angebotslandschaft. Die Wohnformen unterscheiden sich deutlich hinsichtlich ihrer Organisation, Finanzierung, Leistungen und Betreuungsmodelle. Für Bewohnende ist deshalb nicht immer klar, welche Unterstützung sie erwarten können und welche Möglichkeiten zur Mitsprache mit dem jeweiligen Angebot verbunden sind. Die Leitungen der Wohnangebote nehmen eine wichtige vermittelnde Rolle ein: Sie prägen die institutionellen Rahmenbedingungen und können Räume für Begegnung, Mitbestimmung und gemeinschaftliche Aktivitäten schaffen oder begrenzen.
Aus der Perspektive einer Ethik der Sorge umfasst Partizipation nicht nur die Möglichkeit, Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen. Sie beinhaltet auch die Verantwortung, sich um Menschen, Beziehungen und die strukturellen Bedingungen der Sorge zu kümmern. Partizipation muss deshalb auf mehreren Ebenen betrachtet werden: in den alltäglichen Beziehungen zwischen älteren Menschen und Fachpersonen, in organisatorischen Abläufen sowie in den politischen, rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen des Langzeitpflegesystems. Weiter untersucht wird insbesondere das Verhältnis zwischen Partizipation, personenzentrierter Pflege und Verantwortung.
Die Ergebnisse sind auch für Caring Cities und eine sozial nachhaltige Stadtentwicklung relevant. Pflegeheime, betreute Wohnformen und häusliche Pflege sind Bestandteile der sozialen und räumlichen Infrastruktur von Städten, Gemeinden und Quartieren. Ihre Organisation, ihre Vernetzung mit dem Umfeld und die Gestaltung von Wohn- und Begegnungsräumen beeinflussen, ob ältere Menschen mit Langzeitpflegebedarf Beziehungen aufrechterhalten, Zugehörigkeit erfahren und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Das Projekt schafft damit empirische Grundlagen für Städte und Gemeinden, die Sorge als gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung verstehen und Partizipation auch bei zunehmendem Pflegebedarf ermöglichen.
Projektdetails
Projekttitel: Partizipation in der Langzeitpflege
Eine ethnographische Untersuchung in der stationären Pflege (EPICENTRE), in der häuslichen Pflege und im betreuten Wohnen (PARTICIPATIO) in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft
- Typ
- Forschungsprojekt
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung
- Laufzeit
- 1. Januar 2024 – 30. Juni 2028
- Team
- Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, FHNW: Sandra Staudacher, Nora Peduzzi, Katja Jungo, Andrea Kaiser-Grolimund
Pflegewissenschaft, Universität Basel: Franziska Zúñiga, Séverine Soiron, Alexandra Stähli, Mirjam Karlin, Laura Maurer, Mona Brandão, Flurina Fellmann
Spitex: Samuel Stenz
Kontakt
Prof. Dr. Sandra Staudacher
- Telefon
- +41 61 228 54 06
