Die COVID-19-Pandemie liegt nun schon einige Jahre zurück. Die vorliegende Studie untersuchte, wie sich die familiären Beziehungen zwischen Generationen während der Pandemie entwickelten.

Die COVID-19 Pandemie hatte weiterreichendere Auswirkungen als nur die unmittelbar wahrnehmbaren. Dieser Tatsache wird sich die Gesellschaft zunehmend bewusst. Vor allem hat die Pandemie deutlich gezeigt, wie wichtig Kontaktpflege zwischen den Generationen für den sozialen Zusammenhalt sowie für das individuelle und kollektive Wohlbefinden ist. Wie aber blieben die Angehörigen verschiedener Generationen angesichts strenger Pandemievorschriften und manchmal – gerade auch zwischen den Generationen – divergierender Meinungen miteinander in Kontakt? Dieser Frage ging das Projekt «Intergenerational cohesion during COVID-19 and beyond (ICOCO)» nach, wobei es besonderes Augenmerk auch auf die kreativen Kontaktmethoden zwischen jüngeren und älteren Generationen richtete.
Die daraus hervorgegangene Studie versteht sich auch als Wegweiser dafür, wie sich die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft (Stichwort «Resilienz») im Hinblick auf künftige Pandemien und Krisen verbessern lässt. Somit vermag sie Verantwortlichen in sozialen Organisationen und in der Politik evidenzbasierte Erkenntnisse mit Praxisrelevanz zur Verfügung stellen. Die Ergebnisse leisten einen Beitrag zur Stabilisierung und Stärkung des sozialen Zusammenhalts innerhalb und zwischen den Generationen.
Aufbau und Vorgehen der Studie
Im Fokus standen in der Schweiz wohnhafte Personen ab 18 Jahren sowie deren intergenerationale Kontaktpersonen. Mittels einer Triangulation von qualitativen und quantitativen Methoden liessen sich Faktoren identifizieren, die einen gelungenen intergenerationalen Kontakt im Kontext der Pandemie förderten bzw. behinderten. Zu Beginn wurden vorhandene Studien, Berichte und Fachartikel systematisch ausgewertet. Untersucht wurde unter anderem, wie sich soziale Kontakte vor der Pandemie gestalteten, welche Rolle die Digitalisierung im Alltag spielte und wie intergenerationale Beziehungen in Krisenzeiten gelebt wurden.
Einen wesentlichen Bestandteil des Projekts bildete die qualitative Forschung in Form vertiefter Gespräche mit einzelnen Personen – älteren Menschen, ihren Angehörigen sowie Fachpersonen – über die Art der Kontaktpflege während der Pandemie. In 34 Interviews (24 ältere Personen mit ihren Angehörigen sowie 10 Fachpersonen) berichteten die Befragten darüber, wie sie die Pandemiezeit wahrgenommen hatten, ebenso über neuartige Formen der Kontaktpflege sowie die gegenseitig geleistet intergenerationale Unterstützung.
Es folgte schliesslich eine landesweite quantitative Befragung, in der 1’373 Personen aus der gesamten Schweiz Fragen zu ihrem Erleben der Pandemiezeit sowie zu ihren Kontakten und den empfangenen wie geleisteten Unterstützungen beantworteten. Das Untersuchungsdesign erlaubte es, die Erfahrungen der verschiedenen Generationen miteinander zu vergleichen. Die Zusammenarbeit mit Praxisorganisationen garantierte während des gesamten Forschungsprozesses den Abgleich zwischen akademischem und praktischem Fachwissen.
Ergebnisse
Die Beziehungen zwischen den Familiengenerationen erwiesen sich während der COVID-19-Pandemie als grundsätzlich stabil und tragfähig. Emotionale Nähe, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung blieben über die Krise hinweg erhalten – auch wenn Spannungen zeitweise zunahmen und die Wahrnehmung der Beziehung sowie der Schutzmassnahmen zwischen den Generationen unterschiedlich ausfielen. Digitale wie auch herkömmliche (Telefon) Kommunikationsmittel spielten eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung von Kontakten, konnten persönliche Begegnungen jedoch nicht vollständig ersetzen. Zugleich zeigte sich, dass bestimmte Gruppen – insbesondere ältere Menschen ohne familiäre Netzwerke – gezielter Unterstützung bedurft hätten.
Diese Erkenntnisse reichen weit über die Pandemie hinaus. Sie verweisen auf grundlegende Bedingungen gelingender intergenerationaler Beziehungen: Regelmässigkeit, Verlässlichkeit, gegenseitige Wertschätzung und die Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven als Bereicherung zu verstehen.
Die Ergebnisse und zentralen Praxishinweise aus dem Forschungsprojekt ICOCO flossen in eine Handreichung für Fachpersonen, Organisationen im Sozial- und Gesundheitsbereich sowie für politische Entscheidungsträger:innen ein. Die darin enthaltenen Empfehlungen verbinden die Forschungsergebnisse aus dem Projekt mit dem Erfahrungswissen der beteiligten Praxispartner:innen und eines ebenfalls eingebundenen wissenschaftlichen Soundingboards. Sie verstehen sich als Denkanstösse, die je nach Krisensituation angepasst werden können.
Weitere Informationen zum Projekt sowie detaillierte Ergebnisse: www.fhnw.ch/plattformen/icoco
Projektdetails
- Forschungsfeld
- Alter, Gesundheitsförderung und Prävention und Sozialplanung
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Integration und Partizipation
- Partner
- Berner Fachhochschule BFH
- Förderung
- Schweizerischer Nationalfonds (SNF)
- Laufzeit
- 01.03.2023 - 15.12.2026
- Leitung
- Dr. Alexander Seifert
Prof. Dr. Jonathan Bennett (BFH) - Mitarbeit
- Dr. Andreas Pfeuffer
Alex Widmer
Kontakt

Dr. Alexander Seifert
- Telefon
- +41 62 957 29 38