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Projekte

Jugendobdachlosigkeit in der Schweiz, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

Hochschule für Soziale Arbeit


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Eine Analyse der Lebenslagen und Verwirklichungschancen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf Basis einer multimethodischen Mehrebenen-Analyse (JOBDACH)

Das Forschungsprojekt JOBDACH, gefördert vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF), untersucht erstmals systematisch das Phänomen der Jugendobdachlosigkeit in der Schweiz. Im Mittelpunkt stehen junge Menschen, die obdachlos sind oder in prekären Wohnsituationen leben. Die Studie beleuchtet, wie die betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen leben, welche Unterstützung sie erhalten und welche gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen dabei eine Rolle spielen.

Jugendobdachlosigkeit ist in der Schweiz rechtlich kaum vorgesehen, kommt aber dennoch vor und nimmt gemäss Praxiserfahrungen zu. Bislang fehlt es an belastbarem Wissen darüber, warum junge Menschen obdachlos werden, wie sie leben und welche Hilfsangebote von der Praxis entwickelt werden. Die Studie versucht diese Forschungslücke zu schliessen und fundierte Grundlagen für Wissenschaft, Politik und Praxis zu schaffen.

Ziel der Studie

Das Ziel der Studie ist es, Jugendobdachlosigkeit in der Schweiz mit Hilfe der vier untersuchten Städte Bern, Zürich, Lausanne und Genf systematisch zu erfassen und zu erklären – über Lebenslagen der Betroffenen, institutionelle Hilfen und politische Rahmenbedingungen hinweg. Die Analyse soll evidenzbasierte Erkenntnisse zu Ursachen, Verläufen und Unterstützungsangeboten sowie zu Lücken im System erzielen. Daraus werden konkrete Ansatzpunkte entwickelt, um Lebensbedingungen und Verwirklichungschancen junger Betroffener zu verbessern.

Aufbau und Vorgehen der Studie

Um Jugendobdachlosigkeit in ihrer ganzen Vielschichtigkeit zu verstehen, analysiert die Studie drei miteinander verknüpfte Ebenen:

Makroebene (Gesellschaft & Politik): Welche Gesetze und politischen Rahmenbedingungen gelten? Wie wird das Problem sozialrechtlich und sozialpolitisch definiert?

Mesoebene (Institutionen): Wie setzen Einrichtungen wie Sozialhilfe, Jugendheime oder Obdachlosenunterkünfte die politischen Vorgaben in der Praxis um?

Mikroebene (Betroffene): Wie erleben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst ihre Situation? Welche Chancen haben sie, ihr Leben zu verbessern?

Erst das Zusammenspiel aller drei Ebenen macht sichtbar, wo Lücken im Hilfesystem bestehen und was die Lebenssituation junger Betroffener wirklich bestimmt.

Das übergeordnete Ziel von JOBDACH ist es, eine fundierte Wissensbasis zu schaffen, die in die Weiterentwicklung von Hilfsangeboten, sozialpolitischen Strategien und fachlichen Konzepten einfliessen soll – etwa durch Empfehlungen, Vernetzung und Wissenstransfer zwischen Forschung, Institutionen und Entscheidungsträger*innen.

Ergebnisse

Auf Basis von 38 Interviews mit Fachpersonen aus Sozialhilfe, Jugend- und Obdachlosenhilfe sowie dem Asyl- und Migrationsbereich lassen sich zwei zentrale Probleme erkennen:

  1. Das Hilfesystem ist selektiv – und benachteiligt die Verletzlichsten. Je umfassender und langfristiger eine Unterstützungsleistung ist, desto stärker wird der Zugang eingeschränkt. Wer beispielsweise eine betreute temporäre Wohnung erhalten möchte, muss oft Voraussetzungen erfüllen wie: kein Drogenkonsum, keine Besuche empfangen, stabile psychische Gesundheit, geklärter Aufenthaltsstatus. Junge Menschen, die diese Kriterien nicht erfüllen, erhalten oft keine oder nur minimale Hilfe. Das System erzeugt damit einen Anpassungsdruck und verstärkt bestehende Ungleichheiten.
  2. Unterstützung wird nach Erfolgsaussichten vergeben. Sozialarbeiterische Massnahmen orientieren sich zum Teil daran, wem eine positive Entwicklung zugetraut wird – nach dem Prinzip eines «Return on Investment». Dadurch erhalten vor allem jene Unterstützung, die ins bestehende System «passen», während viele Betroffene durch das Raster fallen. Besonders kritisch ist der Übergang zur Volljährigkeit: Mit dem 18. Geburtstag fallen viele Unterstützungsleistungen weg – oft noch bevor die betroffenen jungen Menschen stabil genug sind, um eigenständig zu leben. Dies macht bestimmte Gruppen besonders verwundbar und erschwert den Weg zu einer stabilen Wohnsituation erheblich (Vorrink et al. 2026 und Bochsler et al. im Erscheinen).

Weitere Informationen

Die Erkenntnisse der Studie werden an der nationalen Fachtagung zum Thema Jugendobdachlosigkeit im Juni 2027 präsentiert und mit Expert*innen aus Praxis, Politik und Wirtschaft diskutiert.

Weitere Informationen zum Projekt und damit zusammenhängenden Publikationen finden sich im IRF der FHNW.


Projektdetails

Forschungsfeld
Lebenslagen und soziale Teilhabe, Sozialplanung
Hochschule/Institut
Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung
Laufzeit
01.04.2024 – 31.05.2027
Leitung
Dr. Yann Bochsler, Prof. Dr. Jörg Dittmann
Mitarbeit
Eva Gammenthaler, Tanja Klöti, Dr. Lukas Schlittler, Dr. Zsolt Temesvary, Andrea Vorrink

Kontakt

Yann Bochsler

Dr. Yann Bochsler

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Telefon
+41 61 228 50 08 (Direkt)
E-Mail
yann.bochsler@fhnw.ch
Jörg Dittmann

Prof. Dr. Jörg Dittmann

Institutsleiter, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Telefon
+41 61 228 59 49
E-Mail
joerg.dittmann@fhnw.ch

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