Fragen zu Chancengerechtigkeit und Vielfalt prägen zunehmend bildungspolitische Debatten. Das vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Projekt untersucht, wie Lehrpersonen der Sekundarstufe II mit migrations- und geschlechterbezogenen Ungleichheiten umgehen und dadurch Bildungswege beeinflussen.

Im internationalen Vergleich hängt der Bildungserfolg in der Schweiz stark von der sozialen Herkunft ab. Dies zeigt sich besonders im Übergang in die Sekundarstufe II, der eine wichtige Weichenstellung für den weiteren Bildungs- und Berufsverlauf darstellt. Kinder von Akademiker*innen besuchen doppelt so häufig ein Gymnasium als Kinder von Eltern mit tieferem Bildungsniveau. Neben schichtbedingten Unterschieden werden Bildungschancen auch durch weitere Ungleichheits- und Differenzkategorien wie Migrationsbiografie und Geschlecht beeinflusst.
So sind migrantisierte Jugendliche in der Berufsbildung in Ausbildungsbereichen mit geringerem schulischem Anspruchsniveau überrepräsentiert und brechen ihre Ausbildung häufiger ab als Lernende ohne «Migrationshintergrund». Zudem ist der Anteil migrantisierter Jugendlicher an allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe II (Gymnasien, Fachmittelschulen) geringer als an Berufsfachschulen. Untersuchungen zum Schweizer Bildungssystem zeigen, dass migrantisierte sowie sozioökonomisch unterprivilegierte Jugendliche eher kürzere (Berufs-)Ausbildungen der Sekundarstufe II absolvieren. An den Übergängen zwischen den Bildungsstufen werden entscheidende Weichen für das weitere Erwerbsleben gestellt. Sie spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheiten. Im Schweizer Bildungssystem sind dabei insbesondere zwei Schnittstellen bedeutsam: der Übertritt von der Primarstufe in die Sekundarstufe I sowie der Wechsel von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II.
Schulfeldspezifische und übergreifende Erkenntnisse zu Formen und Mechanismen der Herstellung von Differenz- und Ungleichheitsverhältnissen im Kontext von Migration und Geschlecht sowie zu Herausforderungen und ihrer Bearbeitung stellen eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung diskriminierungskritischer und differenzsensibler pädagogischer Ansätze in der beruflichen und gymnasialen Bildung dar
Aufbau und Vorgehen der Studie
Die Studie basiert auf 66 geschlechterparitätisch geführten Expert*inneninterviews mit Lehrpersonen der Sekundarstufe II an Berufsfachschulen und Gymnasien im Bildungsraum Nordwestschweiz (Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Solothurn). Die Auswahl orientierte sich an geschlechtstypisch geprägten Ausbildungsfeldern und gymnasialen Schwerpunktfächern in den Bereichen Wirtschaft, Informatik, Sozial- und Gesundheitswesen sowie Wirtschaft und Recht, Physik und Anwendungen der Mathematik und Philosophie/Pädagogik/Psychologie. Untersucht wurden explorativ Differenzierungs- und Othering-Prozesse im Kontext von Migration und Geschlecht. Ergänzend fanden im Jahr 2025 Gruppendiskussionen mit denselben Lehrpersonen statt, um kollektive Orientierungen zu rekonstruieren und die Ergebnisse zu validieren. Formularende
Das aus der Transkription resultierende Datenmaterial wurde unter Anwendung des Theoretischen Kodierens in Anlehnung an die Grounded Theory analysiert.
Ergebnisse
Die Ergebnisse des SNF-Forschungsprojekts verdeutlichen, dass schulische Übergänge eine doppelte Funktion erfüllen: Einerseits entscheiden sie über die Zuteilung von Jugendlichen zu unterschiedlichen Ausbildungswegen und beeinflussen damit ihre späteren Berufschancen. Andererseits dienen sie Lehrpersonen als Deutungs- und Legitimationsrahmen für diese Zuteilungspraxis. Dabei wird diskutiert, welche Bildungswege für welche Lernende/Schüler*innen als passend angesehen werden – sei es ein zweijähriges Berufsattest, eine drei- bis vierjährige Berufslehre oder das in der Regel vierjährige Gymnasium. Zudem wird bewertet, wer nach dem Übergang als «richtig» oder «falsch» platziert gilt.
Erklärungen für ungleiche Bildungschancen
Aus der Analyse lässt sich schliessen, dass Lehrpersonen unterschiedliche, teils ambivalente Sichtweisen auf Selektion und Chancengerechtigkeit vertreten. Vorherrschend ist jedoch eine Perspektive, die strukturelle Barrieren lediglich unzureichend berücksichtigt, obwohl deren sozial selektive Wirkung empirisch gut belegt ist. In diesem Zusammenhang dominiert zudem eine tendenziell defizitorientierte Sicht auf Migration, in der vermeintliche Defizite migrantisierter Schüler*innen und ihrer Familien im Vordergrund stehen. Dies zeigt sich unter anderem in einer pauschalisierenden Zuschreibung unzureichender Deutschkenntnisse oder fehlender schulischer Unterstützung durch das Elternhaus.
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass sich die befragten Lehrpersonen häufig an Erklärungsmustern orientieren, die individuelle Verantwortung betonen, während migrations-, geschlechts- und schichtbezogene strukturelle Benachteiligungen kaum in den Blick genommen werden. Dadurch kann die Schule als «neutraler» Ort dargestellt werden, obwohl bestehende Ungleichheiten fortwirken und reproduziert werden.
Weitere Informationen
Weitere Informationen zum Projekt und damit zusammenhängenden Publikationen finden sich auf der Projektseite des SNF oder im IRF der FHNW.
Projektdetails
- Forschungsfeld
- Lebenslagen und soziale Teilhabe und Migration
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Integration und Partizipation
- Partner
- Pädagogische Hochschule FHNW
- Förderung
- Schweizerischer Nationalfonds (SNF)
- Laufzeit
- 01.01.2023 – 30.04.2026
- Leitung
- Prof. Dr. Maritza Le Breton
Dr. Susanne Burren - Mitarbeit
- Kyra Lenting
Daniel Nacht
Kontakt

Prof. Dr. Maritza Le Breton
- Telefon
- +41 62 957 20 93
- maritza.lebreton@fhnw.ch