In der Schweiz sind Suchterkrankungen ein anhaltendes gesundheitliches und gesellschaftliches Thema. Die Perspektive von suchtbetroffenen Menschen wurde bisher zu wenig beachtet. Dieses Projekt zielt darauf, das Suchthilfesystem weiterzuentwickeln.

Gemäss Suchtpanorama Schweiz (2026) sterben in der Schweiz jährlich über 10’000 Menschen auf Grund von Suchtmitteln, und Hunderttausende sind von Substanzen abhängig. Zusätzlich zum grossen menschlichen Leid verursachen Suchtproblem schätzungsweise 8 Milliarden Franken Kosten pro Jahr. Gleichzeitig stehen Suchthilfe und Prävention unter Druck: Öffentliche Mittel werden gekürzt, während das Suchthilfesystem u.a. mit der Zunahme des Konsums von Crack und Kokain – oft in Kombination mit grossen sozialen und psychischen Problemen – mit neuen Herausforderungen zu kämpfen hat.
Eine Weiterentwicklung des schweizerischen Suchthilfesystems ist dringend nötig. In den letzten Jahren wurden diesbezüglich verschiedene Studien und Empfehlungen publiziert. Allerdings fehlt in allen bisherigen Untersuchungen die zentrale Perspektive der suchtbetroffenen Nutzer:innen des Hilfesystems. Vor diesem Hintergrund zielt das Projekt «Empfehlungen zur Verbesserung der Suchthilfe aus der Perspektive Suchtbetroffener: Bedarfserhebung 2025–2026» darauf ab, direkt die Erfahrungen und Perspektiven von Personen mit langjähriger Erfahrung im Suchthilfesystem zu erheben. Durch leitfadengestützte Interviews in sieben Kantonen sollen institutionenübergreifende Behandlungsverläufe, Zugangsbarrieren und Faktoren, die Lebensqualität und Suchtproblematik beeinflussen, identifiziert werden. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für konkrete Empfehlungen an Politik und Praxis zur Weiterentwicklung der Suchthilfe in der Schweiz.
Ziele
Ziel der Bedarfserhebung ist es, durch den Einbezug der Perspektive suchterfahrener Personen wertvolle Erkenntnisse zur möglichen Weiterentwicklung der Suchthilfeangebote zu gewinnen. Insbesondere soll untersucht werden, welche Faktoren aus Sicht der Betroffenen den Zugang zu professioneller Hilfe ermöglichen oder erschweren, wie Menschen mit einer Suchtproblematik besser erreicht werden können, was zur Verbesserung, Stabilisierung oder Verschlechterung der Lebensqualität und Suchtproblematik beiträgt und wo Lücken und Verbesserungsbedarfe im Suchthilfesystem gesehen werden.
Eine Erhebung der Unterstützungsbedarfe aus Sicht von Nutzer:innen von Suchthilfeorganisationen liefert u.a. wichtige Grundlagen für eine partizipative Qualitätsentwicklung von Hilfsangeboten (im Sinne einer Zusammenarbeit zwischen Fachleuten, Nutzer:innen sowie Auftrag- und Geldgebern) sowie für die (Weiter-)entwicklung kantonaler Suchtstrategien.
Relevant ist die Fragestellung sowohl für Fachpersonen und Nutzer:innen von Angeboten professioneller Suchthilfe als auch für kantonale Trägerschaften und politische Auftrag- und Geldgeber im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung kantonaler Suchtstrategien. Dies weil bisher bezüglich der Ausgestaltung und Weiterentwicklung professioneller Hilfsangebote die Bedarfe suchtbetroffener Personen nicht systematisch erfasst und berücksichtigt wurden. Gerade bei der Behandlung von Suchtproblematiken, welche selten linear verlaufen und vielfach von Rückschlägen geprägt sind, ist es wichtig, nicht nur Momentaufnahmen in Form von punktuellen Zufriedenheitsbefragungen zu haben, sondern eine umfassendere Beurteilung mit Blick auf den gesamten – in der Regel mehrjährigen – Behandlungspfad über verschiedene Institutionen hinweg.
Vorgehen
Zwischen 2025 und 2026 werden in sechs grösseren Kantonen in der Deutschschweiz und einem Kanton in der Romandie 40 bis 60 leitfadengestützte Interviews mit suchtbetroffenen Personen durchgeführt, die über mehrjährige Erfahrung im Suchthilfesystem verfügen. Die qualitative Datenanalyse orientiert sich an den Regeln der strukturierenden Inhaltsanalyse.
Weitere Informationen
Das partizipative Forschungsprojekt wird im Rahmen des Programms «Mehr Chancengleichheit und Optimierung einer koordinierten, bedarfsgerechten und interprofessionellen Versorgung für suchtbelastete Menschen und ihr Umfeld» durchgeführt. Es ist Gegenstand der Programmphase 2 (2025-2028). Die Trägerschaft setzt sich aus folgenden Organisationen zusammen: Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Fachverband Sucht, Berufsverband Soziale Arbeit Schweiz (AvenirSocial) und Schweizerischer Fachverband für gesundheitsbezogene Soziale Arbeit (SAGES) sowie der Hochschule Luzern HSLU. Diese breit abgestützte Trägerschaft gewährleistet eine umfassende Vernetzung und einen optimalen Wissenstransfer zwischen Forschung, Praxis, Aus- und Weiterbildung.
Projektdetails
- Forschungsfeld
- Gesundheitsförderung und Prävention
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Soziale Arbeit und Gesundheit
- Partner
- Kanton Aargau, Kanton Luzern, Kanton Solothurn, Kanton St. Gallen, Kanton Thurgau, Kanton Wallis, Kanton Waadt, Groupement Romand d'Etudes des Addictions
- Laufzeit
- 04.2025 - 31.12.2026
- Leitung
- Prof. Irene Abderhalden
- Mitarbeit
- Prof. Dr. Tom Friedli, Maria Solèr, Dr. Pascal Lienert, Nadja Hess
Kontakt

Prof. Irene Abderhalden
- Telefon
- +41 62 957 29 16