Das Waisenhaus in Einsiedeln existierte von 1861 bis 1972 und zählte zu den wichtigen Kinderheimen mit überregionaler Bedeutung im Kanton Schwyz. Geführt wurde es bis 1967, also über ein Jahrhundert, von der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz in Ingenbohl. Während der letzten fünf Jahre stand dem Heim eine weltliche Leitung vor. Ehemalige Heimkinder berichteten in den vergangenen zehn Jahren öffentlich von massiven körperlichen und sexuellen Übergriffen.

Seit den 2010er-Jahren wurden vermehrt Stimmen laut, die von Missständen in der Einrichtung berichteten. Im Zuge dessen entschied der Bezirk Einsiedeln, die Geschichte der Fürsorgeinstitution durch eine unabhängige wissenschaftliche Forschungsgruppe aufarbeiten zu lassen. Damit bewegt sich die Studie im Kontext der seit rund zwanzig Jahren anhaltenden Bestrebungen in der Schweiz, fürsorgerische Zwangsmassnahmen im 20. Jahrhundert zu erforschen und öffentlich anzuerkennen.
Die Durchführung des Aufarbeitungsprojekts ist den Betroffenen zu verdanken, die sich dafür öffentlich in den Medien eingesetzt haben. Es dient in erster Linie als Genugtuung, als Anerkennung der nicht selten gewaltvollen Vergangenheit. Auf politischer Ebene dient es dem Bezirk Einsiedeln zur Aufarbeitung eines dunklen Kapitels seiner Geschichte.
Vorgehen
Der Bericht deckt den Zeitraum von 1861 bis 1972 ab. Er stützt sich auf Archivquellen, Zeitzeugnisse und Interviews und dokumentiert sowohl administrative und politische Zusammenhänge, die Situation im Heim, wie auch exemplarische und aussergewöhnliche Einzelschicksale.
Die schriftlichen Hauptbestände stammen aus den Bezirksarchiv Einsiedeln (BAE): Dokumente zur Armenpflege (seit 1966 Fürsorgekommission genannt), Protokollbände des Waisenamtes Einsiedeln, Vormundschaftsberichte, Einzeldossiers, Selbstzeugnisse und Einzelverzeichnisse. Hinzu kamen der Bestand des Provinzarchives Ingenbohl (PAI), des Staatsarchiv Schwyz (StASZ), des Klosterarchivs Einsiedeln (KAE) sowie des Einsiedler Anzeigers.
Ergänzt wurden die schriftlichen Quellen durch Interviews. Neben betroffenen Heimkindern wurden auch Personen befragt, die das Heim von aussen kannten (z.B. Lehrpersonen oder Mitschüler:innen), sowie Personen, die im Heim gearbeitet haben (soweit möglich).
Ergebnisse
Als zentrale Erkenntnis lässt sich festhalten, dass sich die Verantwortlichkeiten nicht eindeutig zuordnen lassen: Der Bezirk Einsiedeln als Träger nahm seine Kontrollpflicht nur mangelhaft wahr und hielt das Betriebsbudget des Kinderheims so tief wie möglich. Das zeigte sich nicht zuletzt im Auftragsverhältnis der Ingenbohler Ordensschwestern, die das Heim bis 1967 leiteten: Sie erhielten eine eher symbolhafte Entschädigung, waren nach heutigen Massstäben personell stark unterbesetzt und oftmals wenig qualifiziert. Aussagen von Betroffenen lassen auf ein Erziehungsregime schliessen, das geprägt war von chronischer Überforderung, und ausserdem auf eine Geschlossenheit und Isoliertheit der Heimgemeinschaft, die Gewalt und Übergriffe begünstigten. Die Forschungsergebnisse stehen in einem Schlussbericht zur Verfügung, der sowohl als Buch, als auch als PDF-Download veröffentlicht wurde.
Der vollständige Bericht kann beim Bezirk Einsiedeln bezogen werden: www.einsiedeln.ch
Projektdetails
- Forschungsfeld
- Hilfen zur Erziehung und Kindesschutz und Professionsforschung
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Integration und Partizipation
- Förderung
- Bezirk Einsiedeln
- Laufzeit
- 24.4.2023 – 31.1.2025
- Leitung
- Dr. Kevin Heiniger
- Mitarbeit
- Dr. Simone Girard-Groeber
Annette Lichtenauer
Dr. Christine Matter
Kontakt

Dr. Kevin Heiniger
- Telefon
- +41 62 957 28 07
- kevin.heiniger@fhnw.ch

Dr. Simone Girard-Groeber
- Telefon
- +41 62 957 28 39
- simone.girard@fhnw.ch

Annette Lichtenauer
- Telefon
- +41 62 957 20 94

Dr. Christine Matter
- Telefon
- +41 62 957 27 62
- christine.matter@fhnw.ch