Tim Kröncke, Dozent für das Modul Investments im Master of Science in Finance an der FHNW und Co-Initiator des Studiengangs, gibt einen Einblick in das neue Master-Programm der Hochschule für Wirtschaft FHNW. Er berichtet was die Studierenden erwarten können, was den neuen MSc Finance einzigartig macht und für wen das Programm geeignet, oder eben nicht geeignet ist.
Was unterrichtest du, und was fasziniert dich an deinem Fachbereich?
Ich unterrichte Investments im ersten Semester. Daneben habe ich den MSc Finance zusammen mit Ivan Köhle initiiert und koordiniere das Curriculum sowie unsere akademischen Partnerschaften.
Die Faszination stammt aus meiner Banklehre bei der SEB in Deutschland. Ich wollte nach der Schule verstehen, was Finanzmärkte eigentlich treibt ‒ und vor allem: wie man in all dem Lärm ein Portfolio baut, das etwas taugt. Was kann man realistisch erwarten, was ist Illusion? Diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen: über das Studium, das Doktorat, Professuren in Basel und Neuchâtel bis heute an die FHNW.
Der Kontakt zur Praxis ist dabei nie abgerissen. Ich habe für ein Multi-Family-Office in Basel gearbeitet und begleite das Haus als Academic Advisor. Auch bei der Vontobel Bank in Zürich durfte ich in der Vergangenheit im Academic Advisory Council eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis schlagen. Ich bin neugierig ‒ aber ich habe auch Freude daran, Dinge tatsächlich umzusetzen. Beides zusammen ist das, was ich in die Lehre bringe.

Was macht den MSc Finance an der FHNW anders?
Wir sind bewusst breit. An Schweizer Fachhochschulen kann man sich bisher nur stark spezialisieren: entweder Banking & Finance oder Financial Management. Wir bilden beides aus. International ist das der Standard bei den führenden Programmen, und es hat einen einfachen Grund: Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger sind sonst den Zyklen eines einzelnen Sektors ausgeliefert.
Dazu kommt die Abschlussarbeit ‒ bei uns keine Masterarbeit, sondern die Equity Research Challenge. Die Studierenden analysieren im Team ein Schweizer Unternehmen, besuchen es, sprechen mit dem Management und verteidigen ihre Bewertung vor einer Jury aus der Praxis.
Und wir haben die Infrastruktur, die dazugehört. Über das Financial Data Lab haben unsere Studierende Zugang zu S&P Capital IQ, direkt auf dem eigenen Gerät. Ein Bloomberg-Terminal auf dem Campus kommt in wenigen Wochen dazu. Das Ziel ist klar: Wer bei uns abschliesst, kann selbstständig Finanzdaten analysieren und die Ergebnisse überzeugend präsentieren.
Was ich zum Schluss nenne, obwohl es viele als Nebensache abtun würden: Wir starten im neuen Campus Dreispitz. Der Neubau an der Dornacherstrasse beherbergt uns ab dem Herbstsemester 2026. Entscheidend ist aber nicht die Grösse, sondern das Konzept. Der Campus wurde konsequent um Austausch, Zusammenarbeit und Coaching herum geplant ‒ neben klassischen Unterrichtsräumen entstehen Räume für neue Lehr- und Lernformen, die mit Begegnungs- und Veranstaltungszonen ineinandergreifen. In dieser Konsequenz gibt es das in der Schweiz kein zweites Mal. Ein Master in Finance lebt davon, dass Menschen zusammenarbeiten, analysieren, präsentieren und diskutieren. Genau dafür ist dieses Haus gebaut.
Wie ist das Studium aufgebaut?
Das erste Semester ist das Fundament, und es ist für alle gleich: Investments, Financial Markets and Institutions, Financial Accounting, Corporate Finance, Applied Statistical Data Analysis. Kein Wahlfach. Das ist Absicht ‒ ohne dieses gemeinsame Fundament kann man später nicht sinnvoll in die Tiefe gehen.
Ab dem zweiten Semester wird es deutlich durchmischter. Die Kernmodule laufen weiter ‒ Derivatives & Financial Risk Management, Financial Analysis & Valuation, Fixed Income, Finance Ethics ‒ aber daneben öffnet sich der Wahlbereich, und der Charakter des Unterrichts ändert sich. Im Wahlmodul Applied Portfolio Management etwa unterrichten Chief Investment Officers aus der Schweiz anhand echter Fälle. Das sind keine Gastvorträge, sondern Unterricht von Menschen, die die Entscheidungen, über die sie sprechen, selbst getroffen haben. Dazu kommen Labormodule wie Python for Finance.
Das dritte Semester ist Anwendung. Im Zentrum steht die Equity Research Challenge, ergänzt durch Alternative Investments und Wahlmodule wie M&A: Dealmaking oder AI Tools for Finance.
Kurz: Semester 1 baut das Fundament, Semester 2 vertieft und öffnet die Tür zur Praxis, Semester 3 wendet an.
Welche Fähigkeiten erwerben die Studierenden bei dir?
In Investments läuft eine typische Woche nach diesem Muster: Wir starten mit einem Problem. Dann kommt das wissenschaftliche Konzept, welches dieses Problem adressiert. Dann die Anwendung ‒ evidenzbasiert, mit Colab, Claude, Excel oder ähnlichen Werkzeugen. Und am Ende steht eine Bewertung der Optionen sowie eine Entscheidungsempfehlung. Das Problem ist gelöst.
Das klingt schlicht, ist aber die Kompetenz, um die es geht: erkennen, worin ein Problem tatsächlich besteht, die Handlungsoptionen erkennen und bewerten, die beste verfügbare Lösung finden und sie umsetzen.
Was müssen Studierende mitbringen?
Ein solides quantitatives Fundament ‒ bei uns wird analysiert. Offenheit und ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten, denn ohne das Vertrauen der Anleger hat auch die beste Analyse keinen Wert. Neugier. Und die Bereitschaft, sich auf Zusammenhänge einzulassen, statt nach Rezepten zu suchen.
Der häufigste Denkfehler, den ich sehe: Konzepte für die Klausur auswendig lernen. Wissen allein hat heute nur noch begrenzten Wert ‒ es ist über KI fast immer und überall abrufbar. Was zählt, ist das Verständnis der zugrundeliegenden Zusammenhänge und Interaktionen. Nur damit erkennt man Probleme, bevor sie sichtbar werden, und beurteilt Lösungen, statt sie blind zu übernehmen.
KI verändert die Finanzbranche. Ist ein MSc Finance noch die richtige Investition?
Ja, aber die Antwort darauf, warum, hat sich verschoben.
Wir integrieren KI aktiv als Werkzeug. Es ist grossartig, was sich damit in kurzer Zeit machen lässt. Für uns ist das ein Gewinn: Zeit, die früher in mechanische Arbeit floss, steht heute für das kritische Analysieren und Denken zur Verfügung. Genau dort liegt der Wert einer Fachkraft.
Das hat aber auch unbequeme Konsequenzen, und wir sprechen sie offen aus. Take-home Assignments messen Kompetenz kaum noch. Deshalb setzen wir auf schriftliche Closed-Book-Prüfungen ‒ sie sind zwingend notwendig, um tatsächlich zu messen, was jemand kann. Wer bei uns besteht, kann es wirklich. Das ist der Wert eines Abschlusses in einer Welt, in der Wissen jederzeit abrufbar ist.
Wie praxisrelevant ist das Studium wirklich?
Ich unterrichte nicht nur über Portfoliokonstruktion, ich habe sie als CIO verantwortet. Diese Erfahrung prägt, welche Fragen ich für relevant halte und welche nicht.
Konkret wird Praxis bei uns an drei Stellen: die Equity Research Challenge, in der die Studierenden vor einer Jury aus der Praxis bestehen müssen. Das Financial Data Lab mit denselben Datenbanken, die in der Branche eingesetzt werden. Und ein geplantes Projekt, das mir persönlich viel bedeutet: das Finanzkompetenz-Labor Dreispitz mit unseren MSc-Studierenden im Zentrum. Sie sollen ihr Wissen an Jugendliche und Erwachsene weitergeben, ausserhalb des Campus, in Quartiertreffpunkten und bei Vereinen. Wer komplexe Finanzthemen einer:m Sechzehnjährigen erklären kann, hat sie verstanden.
Für wen ist dieser Master nicht geeignet?
Für alle, die Aktientipps erwarten. Natürlich analysieren wir konkrete Unternehmen ‒ in der Equity Research Challenge steht ein einzelnes Schweizer Unternehmen im Zentrum, über Wochen. Aber wir tun das wissenschaftlich fundiert und evidenzbasiert. Am Ende steht kein Bauchgefühl, sondern eine Bewertung, die man vor einer Jury begründen und verteidigen muss. Wer eine schnelle Meinungen sucht, ist bei uns falsch. Wer lernen will, wie man zu einem begründeten Urteil kommt, ist richtig.
Und für alle, die glauben, ein Master sei ein Zertifikat, das man sich nebenbei abholt. Bei uns wird analysiert, diskutiert und entschieden. Darauf muss man sich einlassen und dafür muss man investieren.
Welchen Rat gibst du zukünftigen Studierenden?
Fragt bei jedem Konzept: Welches Problem löst das eigentlich? Wer das konsequent tut, lernt anders ‒ und behält, was er lernt. Wenn ich einfach nur für eine Klausur lernen, dann ist die Fähigkeit auch kurz nach der Klausur sehr wahrscheinlich wieder vergessen.
Und: Meldet euch früh. Wir haben 75 Plätze für die erste Kohorte vergeben. Seit Ende Mai ist sie ausgebucht, für einen Start im September 2026.
Was machst du gerne in deiner Freizeit?
Ich bin Trainer einer U10-Fussballmannschaft. Am Wochenende gehe ich mit meinen Jungs auf Torejagd.
Erstaunlich viel von dem, was dort funktioniert, funktioniert auch im Studium. Wir spielen fast immer in Kleingruppen ‒ nicht, weil das gemütlicher wäre, sondern weil jedes Kind dann selbst Zusammenhänge erkennen und viele Spielentscheidungen treffen muss. Das ist das Schwerste, was man lernen kann. Technik und Kunststücke bringen sich die Kinder ohnehin zu Hause oder auf dem Schulhof bei, in der Praxis eben.
Bei Studierenden ist es dasselbe: Wissen holen sie sich heute überall. Was sie nur hier lernen, ist zu erkennen, welches Problem vor ihnen liegt, und zu entscheiden.
Master in Finance
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Prof. Dr. Tim Kröncke
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