Asia Robucci, Studierende an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, berichtet über ihre Zeit an der Universitat de les Illes Balears: über Katalanisch im Hörsaal, mallorquinische Gelassenheit und darüber, was sie für immer verändert hat.

Mallorca kennen die meisten als Feriendestination – doch für Asia Robucci, Studierende im Bachelor in Sozialer Arbeit an der FHNW, wurde die Insel für ein Semester zur Wahlheimat. Im Gespräch erzählt sie offen, was sie überrascht hat, wo es holprig war und warum sie anderen Studierenden trotzdem sagt: «Macht es einfach!»
Was hat dich dazu bewogen, dein Auslandssemester in Palma de Mallorca zu verbringen – und welche Erwartungen hattest du im Vorfeld?
Asia Robucci: Der Wunsch, eine andere Kultur hautnah zu erleben und in den Süden zu gehen, war ausschlaggebend. Spanien war mir durch frühere Aufenthalte schon vertraut und liegt mir am Herzen. Durch meinen italienischen Migrationshintergrund beschäftige ich mich zudem schon lange mit der Frage, ob ich mir vorstellen könnte, meine Zukunft im Ausland zu verbringen.
Was hat dich in den ersten Wochen am meisten überrascht oder herausgefordert?
Überraschend war die Sprachsituation an der Universität: Ich hatte erwartet, dass auf Spanisch unterrichtet wird – tatsächlich wird an der Uni teilweise auf Katalanisch und sogar auf Mallorquí gelehrt. Das machte die Orientierungsphase anfangs etwas schwieriger.
Organisatorisch konnte ich die Situation gut meistern, indem ich meine Pflichtmodule an der FHNW bereits im Vorfeld abgeschlossen hatte und in Mallorca vor allem Wahlmodule belegte. Das gab mir viel Flexibilität.
Was mich mehr beschäftigte, war das soziale Klima: Ich hatte erwartet, dass die Mallorquiner*innen offener und zugänglicher sind. Stattdessen erlebte ich die Einheimischen als eher zurückhaltend – ähnlich wie wir Schweizer*innen eigentlich auch. Bei den Erasmus-Studierenden gab es zwar eine lebhafte Community, allerdings kaum jemanden aus dem Bereich Soziale Arbeit.
Dauerhaft auf einer Insel zu leben, kann ich mir schwer vorstellen – das ständige Fliegen, die räumliche Begrenztheit und natürlich das Fehlen von Familie und Freunden wiegen schwer. Ich habe auch gemerkt, wie sehr ich bestimmte Schweizer Dinge vermisse: die Schokolade, Zweifel-Chips, Rivella, das breite vegetarische und vegane Angebot in Supermärkten. Und ganz praktisch: In der Schweiz ist man in kürzester Zeit in einer anderen Stadt – das ist ein riesiger Vorteil, den man erst schätzt, wenn man ihn vermisst.
Welche Unterschiede hast du zwischen dem Studium vor Ort und an der FHNW erlebt – fachlich und organisatorisch?
Die organisatorischen Unterschiede sind erheblich: An der Universität Mallorca kann ein Modul bis zu sieben Mal wiederholt werden – allerdings wird es mit jeder Wiederholung teurer. Besonders ungewohnt fand ich, dass Noten öffentlich ausgehängt werden. Die FHNW wirkt dagegen deutlich strukturierter und organisierter.
Inhaltlich fiel mir auf, dass die Inhalte im Studium in Mallorca viel stärker auf den Familienkontext ausgerichtet sind, während bei uns das Individuum stärker im Fokus steht. Zudem dauert das Studium dort generell vier Jahre und ein kurzes Praktikum gibt es erst im letzten Semester – das merkt man in den Fallbeispielen und Diskussionen. Viele Kommiliton*innen waren erst 18 Jahre alt und hatten noch wenig Vorstellung davon, in welche Richtung sie sich beruflich entwickeln möchten. Ich schätze es sehr, dass wir an der FHNW Praktika machen müssen – das gibt dem Studium eine ganz andere Tiefe und Praxisnähe.
Die Sprachsituation war teilweise herausfordernd – wie bist du damit umgegangen und was hast du daraus gelernt?
Das Englischniveau auf Mallorca ist generell niedriger als erwartet – selbst in englischsprachigen Modulen sprachen Kommiliton*innen untereinander häufig Spanisch und machten in der Fremdsprache einfache Fehler. Dadurch, dass das Niveau so niedrig war, bekamen alle Erasmus-Studierenden im englischen Modul die Bestnote.

Ich hatte mich im Vorfeld aktiv auf die Sprachsituation vorbereitet: Ich kaufte Bücher, um mein Spanisch aufzufrischen, und empfehle anderen, das ebenfalls zu tun. Wer gut vorbereitet anreist, tut sich vor Ort deutlich leichter.
Inwiefern hat dich das Semester persönlich verändert?
Das Semester hat mich in mehrfacher Hinsicht geprägt. Vor dem Austausch habe ich alles bis ins Detail durchgeplant, manchmal Monate im Voraus. Das hat sich grundlegend verändert: Ich lebe heute viel mehr im Moment und lasse Dinge spontaner auf mich zukommen – eine Haltung, die ich aus dem mallorquinischen Alltag mitgenommen habe und bewusst beibehalten möchte.
Ich bin auch offener geworden – gegenüber anderen Menschen, anderen Lebensentwürfen und anderen Perspektiven. Dieser Respekt und das Verständnis für Menschen, die anders ticken als ich, ist vielleicht das Wertvollste, was ich mitgenommen habe.
Als ich zurückkam, war das Erste, was mir auffiel: Wir in der Schweiz stehen oft unter enormem Druck. Das Auslandssemester hat mir geholfen, Dinge besser einzuordnen und weniger zu lamentieren. Ich bin dankbar, dieses Privileg gehabt zu haben.
Zudem habe ich viele neue Freunde aus diversen Kulturen kennengelernt. Im Sommer werde ich einige davon besuchen, im Juni bekomme ich sogar Besuch. Darauf freue ich mich sehr.
Was hat das Leben auf Mallorca für dich besonders gemacht – auch abseits des Studiums?
Das Meer hat eine riesige Rolle gespielt – noch im November und Dezember schwimmen zu können, war ein Geschenk. Die Natur auf Mallorca ist atemberaubend, mit wunderschönen Wanderrouten, die ich ausgiebig genutzt habe. Dazu kamen viele neue Begegnungen und Freundschaften, die spontan und ungeplant entstanden sind.

Der Kontrast zur Schweiz war bewusst gewählt und wichtig für mich. Hier habe ich zwei Jobs und studiere gleichzeitig – in Mallorca hatte ich wenig Uni und viel Freizeit. Dieser Gegenpol hat mir gutgetan.
Was würdest du anderen Studierenden mitgeben, die ähnliche Pläne haben?
Macht es einfach – auch wenn ihr Bedenken habt. Niemand weiss, ob sich eine solche Möglichkeit nochmal bietet. Die ersten zwei Wochen sind intensiv und stressig, aber das geht allen so.
Bereitet euch sprachlich gut vor. Informiert euch über die Sprache der Gastuniversität und bringt euch selbstständig auf einen guten Stand. Und plant eure Module strategisch: Pflichtmodule idealerweise vorher absolvieren und im Ausland Wahlmodule belegen – das gibt maximale Flexibilität.
Sprecht mit Menschen, die bereits im Ausland studiert haben. Mir hätte es damals geholfen, mit jemandem sprechen zu können, der aus eigener Erfahrung berichten kann. Ich stehe gerne für Fragen zur Verfügung – besonders zu Themen wie Wohnen oder Organisation vor Ort.

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