Wie lässt sich Kooperative Prozessgestaltung so in den Arbeitsalltag spezifischer Praxiskontexte übersetzen, dass sie Organisationen konkret weiterhilft? Genau dafür ist das Buch «Kooperative Prozessgestaltung in psychosozialen Handlungsfeldern» gedacht. Es vereint Erfahrungen, Beispiele und Materialien aus der Praxis und zeigt, wie unterschiedlich die Umsetzung von KPG in den einzelnen Arbeitsfeldern aussehen kann. Wir haben mit Mitherausgeberin Raphaela Sprenger darüber gesprochen, was das Buch im Arbeitsalltag leisten kann – und warum darin die Haltung von Ursula Hochuli Freund bis heute spürbar ist.

Fachpersonen der Sozialen Arbeit können Menschen dabei unterstützen, schwierige Situationen zu verstehen und zu verändern. Was sie jedoch nicht können (und auch nicht tun sollen), ist, ihnen die Lösung abzunehmen. Im Idealfall sieht die professionelle Unterstützung deshalb so aus, dass Fachpersonen und Klient*innen gemeinsam herausfinden, was Veränderung möglich macht.
Genau hier setzt die Kooperative Prozessgestaltung, kurz KPG, an. Das Konzept, das an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW entwickelt wurde, bietet einen Orientierungsrahmen für methodisches Handeln. «Wir können Menschen in ihrem Prozess unterstützen, aber wir können ihre Probleme nicht für sie lösen», sagt Raphaela Sprenger. Für sie geht es um eine «gemeinsame Suchbewegung»: Fachpersonen und Klient*innen versuchen gemeinsam zu verstehen, wie eine schwierige Situation entstanden ist und wo Veränderung ansetzen kann. «Die Frage ist: Wie machen wir das zusammen?» KPG hilft dabei, diese Zusammenarbeit zu strukturieren.
Wenn ein Konzept auf den Arbeitsalltag trifft
Die Grundlagen zu KPG haben Ursula Hochuli Freund und Walter Stotz bereits 2011 in ihrem Lehrbuch beschrieben. Inzwischen liegt es in mehreren Auflagen vor und wird in der Lehre rege eingesetzt – unter Studierenden ist gar von der «Bibel» der KPG die Rede. Auch in der Praxis gibt es viel positive Resonanz, im Laufe der Jahre zeigte sich jedoch eine Herausforderung: Organisationen beginnen bei der Implementierung von KPG nicht bei null; sie haben eigene Abläufe, eigene Instrumente und eigene fachliche Konzepte.
Raphaela Sprenger erlebt das regelmässig: «Wenn bei mir Anfragen reinkommen, dann sagen Organisationen öfter mal: Wir wollen unsere Arbeit stärker nach KPG ausrichten, können Sie uns dazu schulen?» Das ist auf jeden Fall möglich, keine Frage, allerdings : «Sinnvoller ist es, wenn wir uns zuerst mal zusammensetzen und schauen: Welches Instrumentarium steht der Organisation für ihr professionelles Handeln denn/überhaupt zur Verfügung? Was hat sich bewährt? Und wie können wir da KPG reinbringen?»
Denn es reicht nicht aus, ein neues Konzept einfach über bestehende Strukturen zu legen. Es muss für das jeweilige Arbeitsfeld und die jeweilige Organisation konkretisiert und nutzbar gemacht werden. Aus genau diesen Erfahrungen und Projekten mit Einrichtungen und gemeinsam mit Fachpersonen aus der Praxis hat sich im Laufe der Jahre viel Wissen angesammelt. Dieses Erfahrungswissen bildet den Kern des Buchs.

Wie machen es die anderen?
In «Kooperative Prozessgestaltung in psychosozialen Handlungsfeldern» zeigen Praktiker*innen, wie sie KPG in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld umgesetzt haben, etwa in der Sozialberatung oder der stationären Kinder- und Jugendhilfe, und welche Herausforderungen sich dabei zeigen. Hinzu kommen theoretische Grundlagen und Materialien für die praktische Arbeit. Aufgegriffen werden so beispielsweise auch die Verbindung von KPG und Traumapädagogik, Kooperation bei kommunikativen Barrieren oder Anforderungen an eine Fallführungssoftware nach KPG.
Die gezeigten Beispiele sollen allerdings keine Rezepte sein, sagt Herausgeberin Raphaela Sprenger. «Da steht nicht: So ist es und so musst du es machen», sagt sie. Das Buch zeigt vielmehr, wie andere Einrichtungen KPG für sich konkretisiert haben. Diese Erfahrungen können Anregung sein, manchmal auch Abkürzung, aber KPG konkretisieren und ausgestalten, das muss jede Organisation für sich selbst.
Ein Buch, mit dem gearbeitet werden soll
Dass der Band so konsequent auf die Praxis schaut, hat auch viel mit der im vergangenen Herbst verstorbenen Herausgeberin Ursula Hochuli Freund zu tun. Sie hatte das Konzept gemeinsam mit Walter Stotz entwickelt, über viele Jahre daran weitergedacht – ein Prozess, in dem Raphaela Sprenger eng mit ihr zusammenarbeitete.
«Das Buch war ihr sehr, sehr wichtig», erinnert sich Raphaela Sprenger. Denn der Schritt vom Konzept in die konkrete Praxis war für Ursula Hochuli Freund immer zentral. Und das zeigte sich auch darin, wie sie selbst mit Fachliteratur umging: «Sie wollte immer, dass Bücher nicht einfach leere Bücher sind, sondern Arbeitsbücher. Dass sie für das konkrete Schaffen wirklich etwas bringen», erinnert sich Raphaela Sprenger. Wer Ursula Hochuli Freund beim Lesen erlebte, habe gesehen, wie ernst sie das nahm: «Sie hat ganz viel unterstrichen und fleissig Notizen gemacht.»
Und vielleicht lässt sich auch dieses Buch am besten so lesen: nicht unbedingt von vorne bis hinten und nicht als Anleitung, wie KPG umzusetzen ist. Sondern als Buch, das auf dem Schreibtisch liegen darf, in dem geblättert und unterstrichen wird.
Raphaela Sprenger nennt das Buch einen «reichen Schatz», man könne womöglich gezielt etwas nachschlagen, aber genauso gut darin stöbern und sich einfach davon inspirieren lassen. «Auch wenn man nicht so viel Zeit hat, kann man ein bisschen reinschauen und hat das Gefühl: ‘Ah ja, genau. Das könnte ich mal ausprobieren.’» Bestimmt wäre genau das ganz im Sinne von Ursula Hochuli Freund.
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