Für viele Familien ist Sozialpädagogische Familienbegleitung eine grosse Hilfe: Fachpersonen unterstützen Familien direkt im Zuhause dabei, ihren Alltag zu strukturieren, die Erziehungskompetenzen der Eltern zu stärken und das Wohl der Kinder nachhaltig zu sichern. Wie diese Unterstützung aussehen und gut funktionieren kann, zeigt das Interview mit Marina Wetzel. Sie ist Co-Programmleiterin des CAS SPF – Sozialpädagogische*r Familienbegleiter*in.

In einem Satz zusammengefasst: Was kann ich im CAS SPF – Sozialpädagogische*r Familienbegleiter*in lernen?
Ganz kurz gesagt, lerne ich im CAS, wie ich die Zusammenarbeit mit Familien von der Auftragsklärung bis zur Hilfebeendigung gestalte. Und innerhalb dieses Prozesses lerne ich sehr viele Methoden und Interventionsmöglichkeiten kennen, die mir als Fachperson Orientierung und Sicherheit geben sollen.
Welches Vorwissen müssen die Teilnehmenden mitbringen? Müssen sie schon Erfahrung im Bereich SPF haben?
Es lohnt sich auf jeden Fall, wenn man Vorerfahrung mitbringt. Das zeigen auch die Rückmeldungen aus den bisherigen Durchgängen. Die Teilnehmenden, die schon im Feld sind, profitieren am meisten, weil sie das Gelernte direkt in ihren Familien anwenden können. Unsere Leistungsnachweise sind auch so konzipiert, dass sie praxisnah sind: Wann immer möglich, müssen sie in der Praxis mit einer echten Familie umgesetzt, reflektiert und dann mit uns besprochen werden. Praxiserfahrung hat also definitiv einen Mehrwert.
Und wenn jemand aus einem anderen Bereich einsteigt?
Wir haben immer wieder Teilnehmende, die im stationären Bereich arbeiten oder beratend tätig sind und sich das Wissen für das Handlungsfeld der SPF aneignen möchten. Auch der Leistungsnachweis ist in dem Fall machbar – trotzdem ist es anders, als wenn man direkt im Feld tätig ist.
Wer keinen Abschluss in Sozialer Arbeit hat, muss aber zwingend in der SPF tätig sein. Wir holen uns auch eine Bestätigung von der Arbeitsstelle, dass die Weiterbildung der*des entsprechenden Teilnehmenden unterstützt wird. Das ist uns wichtig.
Unabhängig davon ist uns auch eine gewisse Berufserfahrung wichtig. Wir nehmen niemanden auf, der frisch von der Ausbildung kommt. Man muss mindestens ein paar Jahre in einem Handlungsfeld der Hilfe zur Erziehung oder in einem verwandten Feld gearbeitet haben, damit man den nötigen Transfer leisten kann.
Wie komme ich überhaupt ins CAS und welche Leistungen muss ich erbringen, um das Zertifikat zu erhalten?
Wir bieten regelmässig Informationsveranstaltungen an. Wer sich für das CAS-Programm anmeldet, erhält eine Bestätigung und wird dann zu einem Gespräch eingeladen, das online stattfindet. Die Programmleitung, also Jana Osswald und ich, führen mit allen Interessierten ein persönliches Gespräch, klären Motivation und Interesse ab und prüfen, ob die formalen Voraussetzungen erfüllt sind. Falls nicht, schauen wir gemeinsam, was es allenfalls noch bräuchte. Erst nach dieser Prüfung entscheiden wir über die Aufnahme und kommunizieren die Entscheidung auch transparent. Wir haben auch schon Absagen ausgesprochen, wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt waren.
Im CAS selbst gibt es mehrere Leistungsnachweise: Der erste ist sehr niederschwellig: eine Selbstreflexion, bei der man sich mit gezielten Fragen anschaut, wo man in einem Jahr stehen möchte: Was sind meine Teilschritte? Woran erkenne ich, dass ich weiter bin? Diese Reflexion schauen wir nach einem Jahr nochmals an.
Ein weiterer Teil besteht darin, im Kurs gelernte Methoden in der Familie anzuwenden und die Anwendung anschliessend zu reflektieren: Mit welchem Ziel habe ich sie eingesetzt? Was hat funktioniert, was nicht? Was könnte mein eigener Anteil gewesen sein? Was habe ich gelernt? Was hat die Familie gelernt?
Und schliesslich gibt es noch eine kleinere schriftliche Arbeit von zehn Seiten, in der man sich ein Thema vornimmt, das in einer Familie präsent ist, etwa die Anregung von Selbstreflexionsprozessen, Kommunikation, Bindungs- und Traumaorientierung, oder emotionale Entwicklung. Das Thema gilt es sowohl wissenschaftlich aufzuarbeiten als auch auf die eigene Praxis zu beziehen. Es geht darum, Theorie in praktisches Handeln zu übersetzen. Und wenn alles rechtzeitig eingereicht und bestanden wurde, erhält man am letzten Kurstag das Zertifikat.
Worin liegt die besondere Herausforderung bei der SPF?
Die Schwierigkeit der SPF ist, dass sie ein Handlungsfeld ist, das nicht nach standardisierten Vorgaben funktioniert. Das wäre auch gar nicht möglich: Jede Familie ist individuell unterwegs. Familien sind keine Maschinen – man kann nicht sagen: «Wenn ich dieses hineingiesse, kommt jenes heraus».
Gleichzeitig ist dieses Handlungsfeld enorm emotional herausfordernd und anspruchsvoll. Man muss sich selbst gut kennen und abgrenzen können. Zudem kann man nicht einfach ein Praktikum machen und zuschauen, sondern man muss hineinwachsen. Genau vor diesem Hintergrund finde ich die Kombination so wertvoll: gleichzeitig im Feld tätig zu sein und sich weiterzubilden. Das befruchtet sich gegenseitig auf eine ganz besondere Weise.
Was sehen Sie als besondere Stärke des CAS-Programms und wie grenzt es sich von anderen Angeboten im Feld ab?
Wir haben der Architektur unseres CAS-Programms einen typischen Prozessablauf zugrunde gelegt und so ist das Programm auch aufgebaut.
Los geht es mit den Grundlagen: Was ist die SPF? Was kann die SPF überhaupt leisten? Was sind die rechtlichen Rahmenbedingungen? Was bedeutet Familie, Erziehung, Kinderschutz?
Bevor wir in die Handlungsebene gehen, nehmen wir uns viel Zeit für das gemeinsame Fallverstehen. Das vergleiche ich manchmal mit einer ärztlichen Diagnose: Die Fachperson und die Familie müssen wissen, was das Problem ist und wo die Reise hingehen soll. Wir können nicht einfach anfangen zu operieren, sonst geht womöglich mehr kaputt als geheilt wird. Und ebenso wenig kann ich in eine Familie gehen und direkt mit ihr arbeiten, wenn ich nicht weiss, was dort los ist. Häufig weiss die Familie selbst nicht genau, was los ist – da braucht es zuerst ein gemeinsames Verständnis und einen gemeinsamen Aufbau von Vertrauen.
Anschliessend erst gehen wir über in die Handlungsplanung und Umsetzung: Es geht darum, von den gemeinsam mit der Familie eruierten Problemen und Ressourcen zu den Zielen zu kommen und die Interventionen entsprechend zu planen - immer in dem Wissen, dass es ein zirkulärer Prozess ist. Irgendwann ist man vielleicht wieder an einem Punkt, an dem man etwas genauer anschauen muss. Ziel ist es jedenfalls, dass man als Fachperson ab dem Anfang das Ende mitdenkt und irgendwann überflüssig wird, also die Familie in die Selbständigkeit entlassen kann.
Wer unterrichtet im CAS?
Die Dozierenden im CAS-Programm sind ausgewiesene Expert*innen aus Theorie und Praxis für die verschiedenen Themen, die wir im Kurs behandeln. Einige Dozierende begleiten die Teilnehmenden über mehrere Module – das gibt Kontinuität und man muss sich nicht immer wieder auf jemand Neues einstellen. Darauf haben wir bewusst geachtet. Auch die Programmleitung - Jana Osswald und ich – ist jeden Kurstag vor Ort. Und wir unterrichten selbst einige Kurstage.

Mit Blick auf Präsenz- und Onlineveranstaltungen: Wie ist das CAS aufgeteilt?
Wir haben 22 Kurstage, die alle vor Ort stattfinden. Das war eine ganz bewusste Entscheidung, denn die Sozialpädagogische Familienbegleitung ist ein eher einsamer Beruf: Man ist meist alleine in der Familie, alleine unterwegs. Zwar hat man ein Team und Rücksprachepersonen, aber zum grossen Teil ist man wirklich auf sich gestellt. Und wir wollen nicht, dass unsere Teilnehmenden dann auch noch alleine vor dem Bildschirm sitzen müssen, um sich Wissen anzueignen. Sie sollen einen Raum für echten Austausch haben, denn neben dem inhaltlichen Teil ist der informelle Austausch zwischen den Teilnehmenden enorm bereichernd.
Daneben gibt es Fallwerkstätten ähnlich wie Supervisionen, die in Kleingruppen individuell vereinbart werden und online stattfinden. Das sind viermal zwei Stunden.
Und wie finden die Teilnehmenden diesen Austausch?
Die schätzen das sehr. Wir haben eine sehr hohe Präsenz im Kurs. Die meisten Teilnehmenden kommen zu 100 %. Offiziell müssen sie zu 80 % anwesend sein. Der Austausch in der Mittagspause, aber auch während des Kurses ist für alle wertvoll. Die Teilnehmenden haben auch Klassenchats eingerichtet und wir hoffen natürlich, dass sie über den Kurs hinaus in Verbindung bleiben und sich gegenseitig unterstützen können.
Wie sieht denn die Gruppe typischerweise aus, ganz homogen oder eher heterogen?
Wir haben eine extrem heterogene Gruppe, was es herausfordernd macht, allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Die Heterogenität bezieht sich auf die Bildungswege der Teilnehmenden wie auch auf die Familien, die sie begleiten. Aber diese Heterogenität ist auch enorm bereichernd: Wir haben viele Teilnehmende mit fremdsprachigem Hintergrund, die aber allesamt Deutsch sprechen und häufig Familien im Migrationsbereich begleiten. In einem der Kurse wurden mehr als 13 verschiedene Sprachen gesprochen.
Welche Rückmeldungen gab es aus den bisherigen Durchgängen?
Die erste Durchführung steckte noch in den Kinderschuhen und hatte ihre Kinderkrankheiten. Wir haben dort wertvolle Rückmeldungen für Verbesserungen bekommen, die wir dankbar aufgenommen haben. Aus der zweiten und dritten Durchführung haben wir sehr lobende Rückmeldungen erhalten. Jetzt haben wir das Gefühl, dass wir angekommen sind. Wir sind dort, wo wir sein wollten: Die Teilnehmenden sagen, der Kurs sei sehr praxisnah, die Dozierenden fachlich kompetent und engagiert.
Was liegt Ihnen als Co-Programmleitung besonders am Herzen?
Ein zentrales Anliegen ist mir, dass die Teilnehmenden wirklich ein Verständnis dafür entwickeln, was SPF ist, was sie leisten kann und was nicht. Die SPF wird heute für fast alles eingesetzt, sie ist zur Universalhilfe geworden. Man muss sich aber immer wieder fragen: Was ist mein Auftrag? Was heisst «Ressourcen aktivieren»? Was bedeutet Hilfe zur Selbsthilfe? Beziehe ich tatsächlich alle wichtigen Mitglieder der Familie mit ein? Was bedeutet es in Bezug auf Entlastung und Befähigung, dass man irgendwann wieder gehen wird? Das sind Fragen und Haltungen, mit denen wir uns immer wieder auseinandersetzen. Gleichzeitig ist mir wichtig, dass die Teilnehmenden ein Repertoire an Methoden in der Hand haben und gleichzeitig offen dafür bleiben, dass es in der Familie nicht immer so läuft, wie man es geplant hat.
Und natürlich mag ich den Kursabschluss: wenn alle glücklich und dankbar sind, dass sie das Programm durchlaufen und bestanden haben, und dann wirklich gestärkt in die Praxis gehen. Das ist für mich persönlich immer noch ein Highlight, wenn auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Kontakt

Marina Wetzel
- Telefon
- +41 61 228 52 02
- marina.wetzel@fhnw.ch

Jana Osswald
- Telefon
- +41 61 228 56 15
- jana.osswald@fhnw.ch