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Ein Gespräch über das ADHS-Bündnis der Freiform, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

16.6.2026 – Hochschule für Soziale Arbeit, Studienzentrum Soziale Arbeit


ADHS, Autismus, Hochbegabung oder Legasthenie: Neurodiverse Menschen gibt es überall. Und trotzdem wissen viele erstaunlich wenig darüber. Studierende der Freiform wollten das ändern. Im «Bündnis ADHS» beschäftigten sich Menschen mit und ohne Diagnose zwei Semester lang mit Neurodiversität, Inklusion und Teilhabe. Was dabei entstanden ist und weshalb Austausch so wichtig ist, erzählen Ramon und Joshua im Interview.

  • Story

Wie entstand das Bündnis ADHS?

Ramon: Die Idee entstand bereits ganz am Anfang des Studiums im Kontakt mit dem Hochschulzentrum. Im Gespräch entstand der Gedanke, innerhalb der Freiform etwas zum Thema ADHS aufzubauen. Wir haben es dann ausgeschrieben und mehrere Interessierte gefunden. Zeitweise waren wir insgesamt sieben bis acht Personen – eine gute Grösse, um gemeinsam zu arbeiten.

Was genau daraus entstehen würde, wussten wir anfangs noch nicht. Zunächst überlegten wir, Informationen zu Nachteilsausgleichen an Hochschulen zusammenzutragen. Daraus entwickelte sich aber viel mehr. Wir tauschten Erfahrungen aus, unterstützten uns gegenseitig und arbeiteten an unterschiedlichen Projekten. Salma schrieb ein theoretisches Paper. Joshua und Lara führten Interviews mit Fachpersonen und Betroffenen. Ausserdem entwickelten und leiteten wir einen Workshop an einer Schule. Das alles war zu Beginn überhaupt nicht geplant, es entstand im Prozess.

Joshua: Genau das fand ich spannend. Im Vergleich zu anderen Bündnissen gab es zunächst wenig feste Strukturen. Das wirkte manchmal chaotisch, passte aber auch zum Thema. Und mit der Zeit kristallisierten sich drei Schwerpunkte heraus: das Paper, die Interviews und der Workshop. Dadurch entstand mehr Klarheit.

Bleiben wir gleich beim Workshop. Wie sah er aus?

Ramon: Der Workshop fand in einer neunten Klasse statt. Acht der Jugendlichen hatten offiziell eine ADHS-Diagnose, vermutlich waren es tatsächlich noch mehr.

Wir begannen mit einem kurzen theoretischen Input und arbeiteten danach in Gruppen. Themen waren unter anderem Lernstrategien, Motivation, Struktur im Alltag, der Umgang mit ADHS und die Frage nach den eigenen Stärken.

Besonders spannend war die Diskussion über Motivation: Viele Jugendliche wussten sehr genau, was sie lernen oder tun könnten, hatten aber Schwierigkeiten, tatsächlich ins Handeln zu kommen.

Für uns war es ebenfalls lehrreich. Die Jugendlichen brachten eigene Strategien und viele wertvolle Erfahrungen ein, die Gespräche waren spannend und wir konnten viel mitnehmen.

Ihr habt auch viele Interviews geführt. Wen habt ihr befragt?

Joshua: Unter anderem einen Neuropsychologen sowie weitere Betroffene aus unterschiedlichen beruflichen Kontexten. Und gerade der Neuropsychologe, der sich seit Jahrzehnten mit ADHS beschäftigt, brachte verschiedene Aspekte zu ADHS sehr verständlich und nachvollziehbar auf den Punkt. Er berichtet von den Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität/innere Unruhe und Impulsivität sowie von häufigen Begleit- oder Folgeerkrankungen: Angst- und depressiven Störungen, Lern- und Sprachentwicklungsstörungen, oppositionellem Verhalten sowie Schlafproblemen. Und obwohl ADHS durch ein Zusammenspiel genetischer Dispositionen, neurobiologischer Entwicklungsvarianten und neurochemischer Prozesse entsteht, kann, so sagt er, ADHS als „Charakterproblem“ fehlgedeutet werden, was zu Missverständnissen und sozialer Ausgrenzung führt.

Habt ihr den Eindruck, dass Neurodiversität und ADHS heute in der Gesellschaft wirklich verstanden werden?

Joshua: Ich bin da eher skeptisch. Einerseits wird viel darüber gesprochen, andererseits führt das manchmal dazu, dass das Thema weniger ernst genommen wird. Viele Menschen kennen einzelne Symptome. Was oft fehlt, ist das Verständnis dafür, wie stark sich ADHS auf den Alltag auswirken kann.

Ramon: Ich erlebe das ähnlich. Häufig sind nur einige Klischees bekannt. Ein tieferes Verständnis darüber, was ADHS oder Neurodiversität tatsächlich bedeutet, fehlt oft noch.

Was müsste passieren, damit ADHS irgendwann so selbstverständlich wahrgenommen wird wie das Tragen einer Brille?

Joshua: Es braucht einen offenen und selbstverständlichen Umgang damit. Ohne grosses Drama, aber auch ohne Verharmlosung.

Ramon: Es braucht Begegnungen und Berührungspunkte. Langfristig wäre das Ziel, dass Neurodiversität nicht mehr als Sonderthema betrachtet wird, sondern als selbstverständlicher Teil menschlicher Vielfalt.

Ein Rückblick auf das Jahr: Was hat euch das Bündnis ganz persönlich gebracht?

Joshua: Ein wichtiger Gedanke aus dem Interview mit dem Neuropsychologen betrifft den schulischen Kontext: Menschen mit ADHS brauchen oft einen klaren Rahmen, innerhalb dieses Rahmens aber genügend Freiheiten, um ihren eigenen Weg zu finden. Und wichtig ist dabei eine regelmässige und verlässliche Begleitung. Nicht Kontrolle, sondern Unterstützung.

Darüber hinaus war der Austausch unglaublich wertvoll und hat mir geholfen, meine Komfortzone zu verlassen und neue Perspektiven kennenzulernen. Man konnte persönliche Erfahrungen einbringen und gleichzeitig die wissenschaftliche Perspektive kennenlernen.

Ramon: Für mich war das Bündnis insgesamt eine sehr bereichernde Erfahrung. Es war eine Gruppe, in der ich mich wohlgefühlt habe.

Biografische Angaben

Ramon studiert Soziale Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Seine beruflichen Erfahrungen sammelte er vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Im «Bündnis ADHS» engagiert er sich für die Auseinandersetzung mit Neurodiversität, Inklusion und Teilhabe.

Joshua studiert Soziale Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und ist ausgebildeter Fachmann Betreuung. Im «Bündnis ADHS» beschäftigte er sich insbesondere mit den Themen Neurodiversität, gesellschaftliche Teilhabe und persönlicher Erfahrungsaustausch.


Kontakt

Tatjana Zingg

Tatjana Zingg

Dozentin, Studienzentrum, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Telefon
+41 61 228 61 05
E-Mail
tatjana.zingg@fhnw.ch

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