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«Es geht nicht ums Reparieren, sondern ums Verstehen» – ein Gespräch über Neurodivergenz in der Beratung von Familien, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

8.7.2026 – Hochschule für Soziale Arbeit, Institut Kinder- und Jugendhilfe


Neurodivergenz: Diesem Begriff begegnen Fachpersonen in der Beratung von Familien immer wieder. Doch was verbirgt sich dahinter und wie verändert eine neuro-affirmative Haltung die Begleitung von Familien? Ein Interview mit den Dozierenden Marina Wetzel und Katrin Siegwolf über Barrieren, Brückenbauen und den Mut zum «Anders-Denken».

  • Story

Fangen wir mit den Begriffen an: Wo genau liegt der Unterschied zwischen Neurodivergenz und Neurodiversität? Wie wird das im Fachseminar voneinander abgegrenzt?

Marina Wetzel: Man kann es gut mit der Natur vergleichen: «Neurodiversität» ist der Oberbegriff für die biologische Tatsache, dass alle menschlichen Gehirne unterschiedlich funktionieren – so wie «Biodiversität» die Vielfalt in der Natur beschreibt. «Neurodivergenz» hingegen bezieht sich auf die Abweichung der neurologischen Entwicklung von Personen von der gesellschaftlichen Norm, der sogenannten Neurotypik, etwa bei Autismus oder ADHS. Im Seminar benutzen wir «Neurodiversität» als wertschätzende Grundhaltung und «Neurodivergenz», um spezifische Bedürfnisse im Detail zu verstehen.

Katrin Siegwolf: Genau! Eine einzelne Person kann nicht «neurodivers» sein, sondern nur «neurodivergent». «Neurodiversität» beschreibt immer die Gruppe, das grosse Ganze. Wichtig ist uns dabei: Neurodivergenz kann eine Diagnose sein, muss es aber nicht. Es geht um Menschen, die anders wahrnehmen und Informationen anders verarbeiten als die Mehrheit. Im Fachseminar entwirren wir dieses Begriffsdurcheinander erst einmal, um eine klare Basis für die Praxis zu schaffen.

Unterscheidet sich die Begleitung von Familien mit neurodivergenten Kindern grundlegend von der «klassischen» Begleitung von Familien?

MW: Eigentlich nicht. Die Grundhaltung sollte immer dieselbe sein: Alle Kinder machen ihre Sache gut, wenn sie können. Sobald wir verstehen, dass ein Kind in einer Situation nicht «nicht will», sondern «nicht kann», landen wir automatisch bei der Frage: Was braucht dieses Kind, um die Situation zu meistern? Wir bewegen uns weg von der Defizitorientierung – «das Kind ist schwierig» – hin zu einer Übersetzungsleistung und zur Anpassung der Umwelt, die den Besonderheiten eines Kindes entwicklungsgerecht ist.

KS: Meiner Erfahrung nach sind die Grundbedürfnisse bei allen Familien gleich: Sicherheit, Verständnis und stabile Beziehungen. Aber Familien mit neurodivergenten Kindern stehen zusätzlich vor spezifischen Belastungen. Oft prägen Reizüberflutung oder Kommunikationsbarrieren den Alltag. Hinzu kommt der enorme Stress durch Erwartungen und Vorurteile des Umfelds. Im Fachseminar erarbeiten wir, wie Fachpersonen Familien genau dort bedürfnisorientiert unterstützen können, wo der Druck am grössten ist.

Gibt es denn einen «gemeinsamen Nenner» in diesen Familien?

MW: Viele Familien erleben einen enormen Rechtfertigungsdruck nach aussen und suchen im Inneren verzweifelt nach Orientierung.

KS: Ja, und sie kämpfen oft gegen Barrieren des Alltags. Gleichzeitig ist jede Familie höchst individuell. Für uns Fachpersonen ist entscheidend, sowohl die gemeinsamen Herausforderungen als auch die einzigartigen Bedürfnisse der jeweiligen Familie zu kennen, um die Unterstützung wirklich passgenau abzustimmen.

Menschen haben unterschiedliche Wahrnehmungen

Welche besonderen Herausforderungen und welche Chancen ergeben sich in diesem Arbeitsfeld für die Fachpersonen?

MW: Die grösste Hürde sind die systemischen Barrieren: Wir haben es oft mit zersplitterten Zuständigkeiten zu tun und Eltern müssen sich im Dschungel aus Schule, Therapie, Ärzten und Versicherungen oft als ihre eigenen «Fallmanager» beweisen.

Und es kommen viele weitere Herausforderungen dazu, etwa die «Norm-Falle» in Institutionen. Schulen und Kitas sind auf neurotypische Kinder ausgerichtet. Deshalb bilden starre Lehrpläne, hohe Lärmpegel und die Erwartung an soziale Konformität Barrieren, die Teilhabe erschweren. Eltern werden darüber hinaus vom gesellschaftlichen Blick auf «erfolgreiche Erziehung» massiv unter Druck gesetzt, häufig konfrontiert sie das Umfeld mit Vorurteilen wie «Das Kind braucht nur mehr Konsequenzen» oder «Ihr müsst halt Grenzen setzen». Dies führt oftmals zu sozialer Isolation der Familien. Im Seminar reflektieren wir, wie Fachpersonen als «Brückenbauer*innen» wirken können, um diese Barrieren abzubauen, und das Umfeld so zu gestalten, dass es die neurologische Vielfalt der Kinder nicht behindert, sondern unterstützt.

KS: Die Chance? Wenn man lernt, anders zu denken, entdeckt man eine tiefe Loyalität, eine unbestechliche Ehrlichkeit der Kinder und eine ganz eigene, sehr intensive Form der Arbeitsbeziehung mit den Familien.

Was möchten Sie den Teilnehmenden Ihrer Weiterbildung vor allem vermitteln?

KS: Wir wollen ein Verständnis für Neurodivergenz als Teil der menschlichen Vielfalt fördern. Es geht darum, Räume für Akzeptanz und echte Teilhabe zu schaffen, statt Menschen an eine konstruierte Norm anzupassen. Nicht die Familie muss «besser funktionieren», sondern das Umfeld muss so gestaltet sein, dass Teilhabe möglich wird.

MW: Also weg vom «Reparieren» des Kindes hin zum «Anders denken» und zur Stärkung des gesamten Systems.

Zum Abschluss: Was ist Ihr ganz persönlicher Blick auf dieses Thema?

KS: Zuhören und echte «Detektivarbeit» leisten, um die individuelle Situation der Familien erfassen zu können. Ich versuche, meine eigenen Vorstellungen von einem «guten Leben» zurückzustellen und den individuellen Geschichten und Stärken der Familien Raum zu geben. Als Fachpersonen können wir übersetzen, vermitteln und Brücken bauen – zwischen Familie, Schule, Systemen und gesellschaftlichen Erwartungen.

MW: Neurodivergenz ist für mich kein «Problemfall», sondern ein Teil der menschlichen Vielfalt. Es ist bereichernd zu sehen, wie Erleichterung entsteht, wenn Familien und Fachpersonen aufhören, gegen die Neurologie zu kämpfen, und stattdessen anfangen, mit ihr zu arbeiten.

Anmeldung und weitere Informationen


Kontakt

Marina Wetzel

Marina Wetzel

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut Kinder- und Jugendhilfe, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Telefon
+41 61 228 52 02
E-Mail
marina.wetzel@fhnw.ch

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