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Was tun gegen die Hitzebelastung? Ein Interview, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

26.6.2026 – Hochschule für Soziale Arbeit, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Institut Soziale Arbeit und Gesundheit


Was macht Hitze mit uns, welche Menschen sind besonders gefährdet und wie können wir uns langfristig besser schützen? Ein Interview mit dem Sozialraumforscher Christian Reutlinger, der zu Stadtentwicklung und Gesundheit forscht.

  • Story

Sie forschen zu Stadtentwicklung und Gesundheit und haben selbst vier Jahre in Spanien gelebt. Wie schauen Sie auf den Sommer?

Ich habe da einen ambivalenten Blick. Einerseits habe ich eine mediterrane Ader: Die graue, kalte Jahreszeit ist für mich eigentlich die schlimmere. Wenn es endlich warm und sonnig ist, zieht es die Menschen wieder in den öffentlichen Raum, das gemeinschaftliche Leben draussen wird spürbar. Und ich weiss aus meiner Zeit in Spanien, wo ich meinen Doktor gemacht und in spanischen Städten geforscht habe, was Hitze wirklich bedeutet.

Aber es gibt natürlich auch den anderen Teil, der forschungsmässig gut belegt ist: Längere Hitzeperioden sind für viele Menschen eine extreme Belastung. Unser Körper funktioniert schlechter, der Schlaf leidet, die Konzentration bricht ein – und das steigert sich von Tag zu Tag, bis man in einem anhaltenden Erschöpfungszustand ist. Aus Sicht der Sozialen Arbeit kommt noch eine weitere Dimension dazu: Es gibt bestimmte Gruppen, die sich weniger schützen, weniger zurückziehen, weniger abkühlen können.

Wen meinen Sie konkret?

Man kann auf zwei Ebenen differenzieren. Erstens die sozialräumliche: Städte sind nicht homogen, sie teilen sich nach ökonomischen und sozialen Faktoren auf. In benachteiligten Quartieren fehlt es an Infrastruktur, an Parks, an Wasser, an Möglichkeiten zum Rückzug. Zweitens die individuelle Ebene. Hier geht es um Menschen mit Vorerkrankungen im Herz-Kreislauf-Bereich, um ältere Menschen, Menschen mit geschwächtem Immunsystem und um all jene, die im öffentlichen Raum arbeiten oder leben und sich schlicht nicht zurückziehen können. Das sind Adressatinnen und Adressaten, zu denen die Soziale Arbeit einen besonderen Zugang hat. Und wenn man von besonders extremen Belastungen spricht, landet man schnell bei einem Begriff: den städtischen Hitzeinseln.

Was bedeutet der Begriff «städtische Hitzeinsel»?

Es geht darum, was auf der Erdoberfläche ist: Vegetation oder Gebautes. In Städten findet sich eine Konzentration von Beton und Asphalt, die sich aufheizen und die Wärme lange speichern. Deshalb sind die Temperaturen in Siedlungsgebieten deutlich höher als auf dem Land; wer sich dort aufhält, ist permanent einer höheren Hitzebelastung ausgesetzt. Das muss man sich bewusst machen, gerade weil immer mehr Menschen in Städten leben und die Städte so gebaut sind, wie sie gebaut sind.

Wer ein kühles Zuhause hat, zieht sich zurück. Und das kann zu Isolation und Einsamkeit führen, ausgerechnet in einer Zeit, in der Kontakt wichtig wäre.

Machen wir uns genügend Gedanken über die Städtebau-Thematik oder fangen wir gerade erst damit an?

Wir sind ganz am Anfang. Und das hat damit zu tun, wie wir in den vergangenen Jahrhunderten unser Leben organisiert haben: Mit der Industrialisierung begann sich alles um die Erwerbsarbeit zu drehen. Wir wollten attraktive Arbeitsplätze, um die herum sich alles andere organisiert hat: Wohnen, Versorgung, Freizeit, Bildung. Im Zentrum des Ganzen stand die Mobilität und die Frage, wie man zwischen diesen Orten möglichst effizient hin und her kommt. Die Art und Weise, wie Städte organisiert und Strassen gebaut sind – mit Parkplätzen, mit Verkehr –, stellt den Transport von Menschen und Waren ins Zentrum. Wir haben Auto-Städte gebaut: Städte für Autos, gebaut für Autos. Jetzt merkt man, dass dieses Modell an seine Grenzen kommt, sehr stark bedingt durch den Klimawandel. Das heisst: Wir müssen die Städte neu denken, von den Menschen aus, die darin leben. Und wir müssen fragen: Was sind lebenswerte Bedingungen bei grosser Hitze?

Das hat eine Reihe von Konsequenzen: Gebäude müssen sich weniger aufheizen, sie müssen begrünt sein, materialtechnisch anders ausgestattet werden. Das Verhältnis von Asphalt und Grünfläche muss neu gedacht werden, denn das ästhetische Grün – ein gepflegter Rasen, ein Blumenbeet – reicht nicht mehr. Grünflächen müssen Schatten spenden, begehbar sein, verschiedenen Gruppen nutzen. Und Flächen müssen entsiegelt werden. Damit hängt das Stichwort «Schwammstadt» zusammen: Wasser soll nicht in die Kanalisation abgeführt werden, sondern der Boden soll es speichern und wieder abgeben. Wir wissen das eigentlich längst, aber umgesetzt ist es noch lange nicht.

Im Moment beobachten wir, dass auf Krisen häufig zuerst mit Inseln reagiert wird. Das Prinzip kennen wir schon lange, etwa beim Kinderspielplatz: Kinder haben kaum noch die Möglichkeit, einfach draussen zu spielen – weil der Verkehr zu gefährlich ist, weil es an Toleranz und oft auch am Raum fehlt. Was macht man? Man schafft ein kleines, kontrolliertes Ergebnis: ein Klettergerüst statt Baumklettern, ein Sandkasten statt draussen im Dreck spielen. Man nimmt die eigentliche Möglichkeit weg und ersetzt sie durch eine kontrollierte, eingegrenzte Alternative. Und ich habe den Eindruck, dass genau diese Logik bei vielen planerischen Ansätzen derzeit noch stark präsent ist. Die Stadt ist zu heiss, also schafft man eine kühle Insel. Das ist wichtig für den Anfang, und für bestimmte Gruppen ist es entscheidend, dass es solche Inseln gibt. Aber eigentlich müsste man weiterdenken und die ganze Stadt so gestalten, dass sie lebenswert ist – und eben auch hitzeresistent. Das wäre die Hoffnung. Sind wir schon so weit? Nein, noch nicht.

Was macht Dauerhitze, mehrere Wochen über 30 Grad, mit uns als Gesellschaft?

Normalerweise bringt Sonnenschein die Leute hinaus in den öffentlichen Raum – das hat sich in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt: Der öffentliche Raum wird als Ort von Begegnung und Gemeinschaft genutzt. Bei extremer Hitze aber gibt es einen Punkt, an dem das kippt. Ich kenne das aus Spanien: Zwischen neun Uhr morgens und 23 Uhr abends sind die Städte wie ausgestorben, man erledigt nur das Nötigste. Wer ein kühles Zuhause hat, zieht sich zurück. Und das kann zu Isolation und Einsamkeit führen, ausgerechnet in einer Zeit, in der Kontakt wichtig wäre. Dauerwärme macht uns müder, empfindlicher, gereizter, einsamer.

Was hat Ihnen Ihre Zeit in Spanien für den Umgang mit Hitze mitgegeben?

Vieles vom sozialen Leben verschiebt sich in die Nacht. Was wir am südländischen Lebensstil so schätzen, hängt stark damit zusammen, dass es erst um 22, 23 Uhr erträglich wird. Dann geht man auf den Hauptplatz, trifft Nachbarinnen und Nachbarn, lebt gemeinsam im öffentlichen Raum. Was uns fehlt, ist die Selbstverständlichkeit solcher Gelegenheiten, im Alltag eingebaute Momente des Zusammenkommens. Das hängt auch damit zusammen, wie wir arbeiten: Frühstück um sieben Uhr, Arbeit bis spät – da ist es schlicht unmöglich, gemeinsam um Mitternacht zu kochen, sich zu treffen oder auch zu tanzen, Spass zu haben.

Spanische Städte waren lange keine Vorbilder beim Stadtumbau. Aber in den vergangenen Jahren ist dort wahnsinnig viel passiert, und zwar schneller und radikaler als bei uns: Velospuren, Fussgängerzonen, Flächenentsiegelung. Ich hoffe, dass sich bei uns eine ähnliche Sensibilität entwickelt. Die vorhandene Infrastruktur – Bibliotheken, Schwimmbäder, öffentliche Gebäude – muss geöffnet werden, weil bestimmte Gruppen dort Zuflucht suchen müssen, weil es zuhause nicht möglich ist oder weil sie kein Zuhause haben.

Entscheidend sind auch aufsuchende Ansätze Sozialer Arbeit. Manche Menschen sind auf den öffentlichen Raum angewiesen; für sie ist dauerhafte Hitze brutal. Das beschäftigt mich seit meinem Einstieg in die Soziale Arbeit über die Arbeit mit Strassenkindern in Lateinamerika: Kinder, die auf der Strasse ihren Lebensunterhalt verdienten, trugen Masken, um sich vor der Sonne zu schützen. Das wirft Fragen auf, die auch bei uns relevanter werden: Was bedeutet es, wenn Verhüllung aus klimatischen Gründen notwendig wird? Wenn jemand die Strasse reinigt oder den Müll entsorgt und sich verhüllen muss, ist das keine Frage der Religiosität, sondern eine des Überlebens.

Und gleichzeitig wird die Rolle der Gemeinwesenarbeit bedeutsamer werden. Zusammenhalt funktioniert nicht einfach, weil Menschen im gleichen Quartier wohnen. Er muss bewusst inszeniert, geübt und aufgebaut werden. Und zwar so, dass benachteiligte Gruppen wirklich einbezogen sind und es nicht eine Mittelschichtaktion wird. Da haben wir in der Schweiz eine hohe Professionalität, auch dank unserer Tradition von Partizipationsinstrumenten und -routinen.

Es braucht eine neue Art von Gemeinschaft, ein neues Bewusstsein über unseren Konsum.

Was müsste sich ändern, damit wir mit Hitzeperioden gut umgehen können?

Es braucht Anpassungen auf verschiedenen Ebenen. Eine hat stark mit unserer Art des Wirtschaftens und Konsumierens zu tun. Wir haben uns Schritt für Schritt von klimatischen und lokalen Voraussetzungen gelöst: durch globale Transportketten, durch die Idee, dass man jeden Tag alles konsumieren kann und jeden Tag Sommer ist. Wir haben uns quasi einen raum- und zeitlosen Konsum aufgebaut.

Wir müssen vielleicht wieder lernen, in Jahreszeiten zu denken. Zu akzeptieren, dass es Grenzen gibt – in der Art, wie wir konsumieren, wie wir uns im Alltag bewegen, wie wir wohnen, wie wir uns fortbewegen. Für Städte bedeutet das: Man muss den Menschen wieder Bodenhaftung zurückgeben. Bewegung gehört in den Alltag, nicht ins Fitnessstudio ausgelagert, zu Fuss gehen, Fahrrad fahren, sich den öffentlichen Raum aneignen. Auf der sozialen Ebene bedeutet es, einander wieder begegnen können, überhaupt wieder aufeinandertreffen. Ausgerechnet die Hitze führt heute zum Gegenteil: Man hält sich weniger draussen auf, begegnet sich weniger. Es braucht also Anpassungen auf der individuellen Ebene, aber genauso auf der strukturellen und gesellschaftlichen.

Hätten Sie eine Vision – eine hitzeresistente Stadt, hitzeresistente Bewohnerinnen und Bewohner?

Das ist ambivalent. Wir sind es gewohnt, dass Entwicklung linear verläuft: immer grösser, schneller, weiter, mehr. Wenn man jetzt mit Visionen kommt, muss man aufpassen, nicht rückwärtsgewandt zu wirken, etwas zu skizzieren, das dem Fortschrittsglauben entgegensteht. Dabei wäre vieles von dem, was wir in den letzten hundert Jahren an Fortschritt und Innovation erreicht haben, durchaus umsetzbar – nur auf eine Art und Weise, bei der die negativen Folgen nicht so eklatant zum Vorschein kommen wie jetzt.

Ich bin skeptisch, wenn die Antwort auf eine globalisierte, vernetzte Welt einfach der Rückzug ins Lokale ist. Die Lösung liegt nicht einfach im Dorf, das man in der Stadt inszeniert. Es braucht eine neue Art von Gemeinschaft, ein neues Bewusstsein über unseren Konsum. Es ist gar nicht so einfach, eine Vision zu skizzieren, ohne in einfache Dichotomien zu verfallen: Vereinsamung? Also braucht es Gemeinschaft. Globalisierung? Also braucht es Kleinräumigkeit. Diese Dichotomien sind gefährlich, weil man schnell bei Utopien landet, die vielleicht nur für Privilegierte möglich sind, die die Ressourcen haben, sich eine bessere Welt einzurichten. Die Diskussion um Hitze und klimatische Bedingungen ist eigentlich ein Motor, der soziale Ungleichheit nochmals stärker ans Licht bringt. Es bräuchte mitgestaltbare Modelle, zu denen möglichst alle Zugang haben. Das ist vielleicht kein grosser Wurf, aber es sind einzelne Schritte. Wenn ich von einer Vision sprechen will, würde ich mit Begriffen wie Entfremdung und Wiederaneignung arbeiten. Eine geeignete Stadt wäre eine, die sich auch schwächere Personen aneignen können. Ältere und Kinder sollen wirklich Teil der Stadt sein und nicht einfach unbeachtet und unsichtbar vorkommen.

Jetzt geht es ans Eingemachte: Was ist eine lebenswerte Welt? Was sind wir als Gesellschaft?

Sie begleiten in Basel konkrete Projekte. Was passiert dort?

Wir haben gerade die Gelegenheit, ein wichtiges Experiment wissenschaftlich zu begleiten. Die Idee stammt aus Barcelona: der Superblock. Anstatt einzelne Wohnanlagen oder Häuserzeilen zu denken, denkt man in grösseren Einheiten, in Blocks, die nicht mehr dem Strassenverkehr untergeordnet sind. Das heisst: Nur noch der notwendige Verkehr ist erlaubt, Parkplätze werden aufgelöst, der freigewordene Raum wird für das soziale Leben geöffnet: Begrünung, Sitzgelegenheiten, Trefforte, ein Boulefeld.

In Basel laufen derzeit zwei Pilotprojekte, im Matthäusquartier und im St. Johann-Quartier. Nach einem dreijährigen partizipativen Vorlauf wurde letzten Herbst gestartet und das Verkehrsregime temporär verändert. Temporär deshalb, weil es für dauerhafte Massnahmen Gesetzesanpassungen braucht. Was wir beobachten: Die Quartiere leben, die Leute nutzen die Flächen. Wir schauen sehr genau darauf, was in einer Phase mit echter Hitze passiert.

Wie blicken Sie auf die Zukunft?

Ich sehe es als Chance. Die äusseren Bedingungen zwingen uns, Fragen zu stellen, die wir in den letzten Jahrzehnten nicht angetastet haben, weil wir glaubten, wir könnten alles irgendwie regeln. Jetzt geht es ans Eingemachte: Was ist eine lebenswerte Welt? Was sind wir als Gesellschaft?

Und das lässt sich nicht mehr aus einer einzelnen Disziplin heraus verhandeln. Gesundheitsfragen können nicht allein vom Gesundheitssystem beantwortet werden, Stadtentwicklungsfragen nicht allein von Planern und Architektinnen, soziale Herausforderungen nicht allein von der Sozialen Arbeit. Das sind alles Fragen im Schnittfeld – und genau das ist meine Position seit Beginn meiner Karriere. Mit alledem, was ich mitbringe, bin ich ziemlich optimistisch: Jetzt geht es so richtig los.


Kontakt

Christian Reutlinger

Prof. Dr. phil. habil. Christian Reutlinger

Dozent, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Institut Soziale Arbeit und Gesundheit, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Telefon
+41 62 957 24 54
E-Mail
christian.reutlinger@fhnw.ch

Hochschule für
Soziale Arbeit Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW

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