Rassismus – das ist nicht nur die brutale Attacke auf eine Person, die anders aussieht oder anders spricht. Rassismus findet vielfach ganz subtil statt. Wie und wo? Das weiss Lalitha Chamakalayil sehr genau. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Diversitätsbeauftragte der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Ein Interview.

Was ist Rassismus, wie kann man ihn jenseits einer wissenschaftlichen Definition beschreiben?
Wie kann man etwas beschreiben, von dem wir alle immer irgendwie das Gefühl haben, zu wissen, was es ist. Es hat damit zu tun, dass Personen ausgegrenzt, diskriminiert oder schlecht behandelt werden – und zwar Personen, die rassifizierbar sind, die also Merkmale haben, bei denen deutlich wird, dass eine Idee von «Die sind anders» mitschwingt.
Hier lohnt ein zweiter Blick. Denn es ist das eine, wenn man sagt, «Ich bin eine Schwarze Person/eine Braune Person/eine Person of Color/eine Person, die zum Beispiel aufgrund ihres Akzents Rassismuserfahrungen macht.» Und es ist das andere, sich diese Erfahrungen genauer anzuschauen.
Dass zum Beispiel Anschubsen, Anspucken oder gemeine Attacken aufgrund dessen Rassismuserfahrungen sind – darüber sind wir uns alle relativ einig.
Dass Rassismus aber etwas ist, was in der Struktur unserer Gesellschaft steckt, dass unsere Gesellschaft entlang dieser Logik von Rassismus mitstrukturiert ist, ist eine andere Sache. Und das ist, obwohl es sich im Alltag von Menschen entfaltet, häufig schwerer zu greifen.
Wie könnte man das strukturelle Problem greifen?
Anhand von Fragen wie etwa: «Wer macht eigentlich welchen Job in unserer Gesellschaft? Und wer bekommt welche Chancen?» Schüler*innen mit Migrationsgeschichte – und übrigens auch Schüler*innen mit niedrigem sozioökonomischem Status – sind in unserem Bildungssystem überproportional häufig in Sonderschul-Förderschulkontexten und in den niedriger qualifizierenden Schulgängen vertreten.
Bei dieser Form von Rassismus geht es nicht darum, dass einzelne Lehrpersonen Kindern mit Migrationshintergrund bewusst schlechtere Noten geben – es ist viel subtiler. Es hat mit den Realitäten zu tun: etwa damit, wie viele muttersprachliche Deutschkenntnisse vorhanden sind und wie die Schule da fördert. Was wird als selbstverständlich angesehen? Was wird im Schulkontext erklärt? Wie viele Unterstützungsleistungen – Nachhilfe, Bücher, Ausflüge – stehen zur Verfügung? Es sind kleine Entscheidungen, genau das macht es manchmal so traurig. Die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, um einen Job, um eine Wohnung: überall minimale Entscheidungen von Menschen, die sagen: «Ich bin mir nicht so ganz sicher… ich nehme lieber die Person, die mir ähnlich ist; ich nehme das, was mir bekannt vorkommt». Solche Dinge machen Rassismus besonders perfide, weil es so schwierig ist, darüber ins Gespräch zu kommen – nicht nur für die Person, die die Erfahrungen macht, sondern auch für die Personen, die da Entscheidungen treffen.
In jedem Fall führen all die vielen kleinen Entscheidungen zu einer strukturellen Benachteiligung: immer noch ein bisschen arbeiten müssen, sich immer noch mal ein kleines bisschen extra beweisen müssen, ein kleines bisschen charmanter sein, ein kleines bisschen eloquenter. Es macht Arbeit – und die Menschen leisten sie.
Lässt sich das auch auf eine Hochschule übertragen?
Wir sind als Hochschule ein ganz normaler Teil der Gesellschaft. Und wenn unsere Gesellschaft von Ungleichheiten durchzogen und an ihnen entlang auch ein Stückweit organisiert ist, heisst das, dass auch unsere Hochschule davon betroffen ist. Im Grunde sind wir genauso rassistisch, sexistisch, klassistisch und ableistisch wie die Gesamtgesellschaft auch. Wir sind nicht besonders, manchmal ist es tatsächlich sogar so, dass es uns durch unsere Vorstellung, dass wir vieles durchschaut und verstanden haben, noch einmal schwerer fällt, auch da hinzuschauen, wo auch wir ein Teil von Strukturen sind.
Unser Plus ist aber, dass wir viele Menschen haben, die an vielen Ecken und Enden ansetzen: Sie engagieren sich, sie forschen, lehren, reflektieren und hinterfragen sich. Als Diversity-Beauftragte versuche ich natürlich, das an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW aufzugreifen und zu unterstützen, mich mit den Kolleg*innen von den anderen Hochschulen zu vernetzen, mit ihnen gemeinsam Aktionen zu planen und zu machen und bei allen Fragen beratend zur Seite zu stehen. Wichtig ist mir auch, an den vielen – sehr wichtigen und guten – Papieren, die unsere Hochschule und die FHNW insgesamt produzieren, mitdenken zu können. So haben wir, neben einem generellen Commitment zum Schutz der persönlichen Integrität, zum Beispiel einen Prozess, wie man an unseren Hochschulen seine Anrede, Pronomen und Namen ändern kann. Das ist insgesamt ziemlich problemlos, weil jede Person bei uns das Recht hat, entsprechend der eigenen Geschlechtsidentität zu leben und so angesprochen zu werden. Wir haben Beflaggungen zum Pride-Monat, wir haben Aktionen. Das bedeutet vielen Menschen viel und das ist sehr wichtig, weil wir damit viel eröffnen. Denn so fühlt sich eine grössere Gruppe von Menschen angesprochen, die sich sonst von Organisationen und Institutionen nicht gesehen fühlt. Sie kommen zu uns, sie studieren bei uns, sie arbeiten mit uns zusammen. Und das ist sehr bereichernd, weil wir dadurch auf einen viel grösseren Pool von interessanten Leuten – Studierende, Mitarbeitende – zugreifen können, als wenn wir es nicht hätten.
Welche Ansätze gibt es an der Hochschule, um auf das Thema Rassismus aufmerksam zu machen?
Gerade haben wir uns an den Aktionswochen gegen Rassismus beteiligt – das ist für uns immer eine gute Gelegenheit zur Beteiligung. Dieses Jahr zum Beispiel hatten wir ein Event aus unserer Hochschule, Includo Community. Zwei Tage, an denen sich Menschen aus allen Gruppen, die an der Hochschule vertreten sind – Studierende, Mitarbeitende, Professor*innen, Admin-Personen – mit Fragen von Diversity auseinandergesetzt und aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert haben. Das wird es nächstes Frühjahr wieder geben! Gerade im Spektrum Diversity haben wir sehr viel: Selbstlernprogramme, Videos, Infomaterialien, Sprachtoolbox – es sind wirklich viele Dinge, die allen offenstehen.
Im Rahmen der Aktionswochen hatten wir auch ein Lunchtalk-Format, bei dem wir über den Zusammenhang zwischen Rassismus und psychischer Gesundheit diskutiert und uns mit der Idee von Racial Stress auseinandergesetzt haben. Diese Idee wird immer mehr diskutiert: Heutzutage haben wir ohnehin schon viel damit zu tun, die Balance zwischen psychischer Belastung und psychischer Gesundheit gut hinzukriegen. Hier zu schauen, was es mit Personen macht, die von Rassismus betroffen sind und eine zusätzliche Ebene von Mikroaggressionen, Alltagsrassismus und grundsätzlich zusätzlicher Belastung haben, ist sehr interessant. Inwieweit wirkt sich das auf den Stress aus? Oder auf die Frage, wie sehr man sich psychisch belastet fühlt.
Welche Rolle spielt die Beschäftigung mit Rassismus?
Wir sollten uns klarmachen: Menschen, die in der Schweiz sozialisiert wurden, haben im klassischen Bildungssystem nicht unbedingt viel Zeit damit verbracht, sich mit Fragen wie «Was ist eigentlich Rassismus und wie wirkt er?» zu beschäftigen. Sie haben vielleicht ein Gefühl – und für dieses Gefühl Worte zu finden, kann sehr bereichernd sein, einfach um die Welt besser zu verstehen.
Aber es geht auch um Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind: Die allermeisten von uns möchten es im Zwischenmenschlichen gut hinbekommen. Und sich einmal mit Rassismus auseinanderzusetzen und zu merken: «Ach, guck mal, so sind meine Reaktionen und auf dieses oder jenes Thema reagiere ich sensibel», ist wichtig. Wir können uns das anschauen, unsere Gefühle und Emotionen sortieren und mit Begrifflichkeiten benennen, um anschliessend darüber hinwegzukommen und zu merken, dass wir lernen können, anders damit umzugehen.
Ich finde, an unserer Hochschule wird eine ganze Menge dafür getan, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Ich gebe zu: Das macht Arbeit und kostet Energie. Aber ich glaube, das Endprodukt – sich wohler und sicherer zu fühlen, eine Sprache zu finden, sich selbst und auch das eigene Umfeld hinterfragen zu können und in dem Kontext, in dem man unterwegs ist, etwas zu verändern – macht uns alle ein bisschen glücklicher.
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