Kritisch, wild und experimentierfreudig – die 68er-Generation steht in unseren Köpfen für gesellschaftlichen Aufbruch, die 1980er-Jugendbewegung für Punk-Musik und eine autonome Jugendkultur. Beide Bewegungen betrafen auch die Heimerziehung in der Schweiz: 1971/72 setzte die Jugend- und Protestbewegung ein mediales Ausrufezeichen, 1980/82 hinterfragte eine junge Generation von Sozialarbeitenden Repression und Sanktionen in der Heimerziehung und experimentierte mit neuen pädagogischen Ansätzen.

Kinder- und Jugendheime in der Trägerschaft der Stadt Zürich eignen sich besonders gut, um die Dynamiken von Protest- und Reformprozessen zu verstehen. Die Stadt Zürich war eine der grössten Trägerinnen von Kinder- und Jugendheimen der Schweiz. Gleichzeitig gehörte sie neben Genf, Lausanne und Basel zu den «roten» Städten mit starken sozialdemokratischen Kräften in der Stadtregierung. Ihre Sozialpolitik war «links» geprägt und galt als fortschrittlich. Zudem war Zürich im untersuchten Zeitraum ein Ort, an dem sich soziale Bewegungen konzentrierten, welche die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in verschiedener Hinsicht und oftmals radikal herausforderten.

Als ein Beispiel lässt sich die «Arbeitsgruppe für Heimzöglinge» nennen, die sich im Umfeld des ersten autonomen Jugendzentrums, dem Lindenhofbunker, zusammenfand. Ihr gehörten auch Jugendliche an, die aus Erziehungsanstalten entlaufen waren und dort von ihren Erlebnissen berichteten. Zusammen mit einer bestehenden kritischen Medienberichterstattung entstand eine breite öffentliche Debatte über Schweizer Einrichtungen.

In Zürich reagierten Fachleute aus der Heimerziehung auf Proteste und Kritik: Im Winter 1970, also kurz nach Woodstock in den USA und den Globuskrawallen in Zürich, kamen in Rüschlikon bei Zürich rund 500 Menschen aus Heimwesen, Politik und Jugendbewegung zusammen. Das Treffen stand unter dem Motto «Sind unsere Heime noch zeitgemäss?» und stiess eine längerfristige kritische Auseinandersetzung über die 16 «Minimalforderungen» an, die auf der Tagung verabschiedet wurden. Dazu zählte beispielsweise, dass Heime im Einzugsgebiet grösserer Städte liegen oder dass rigide Strafpraxen abgeschafft werden sollten.
Das Jugendheim – «keine schützende Insel im Bewegungsgeschehen»
Eine Dekade später war Zürich wiederum Brennpunkt jugendlicher Proteste. Sie flammten Ende Mai 1980 mit dem «Opernhauskrawall» auf und hielten Jugend und Öffentlichkeit mindestens zwei Jahre in Atem. In den Protesten vor dem Opernhaus Zürich ging es um ein autonomes Jugendzentrum (AJZ), um die Positionierung junger Menschen gegen die Mehrheitsgesellschaft und um den Kampf für eigene, alternative Kulturräume und Lebensentwürfe.

Zu den neuen Lebensstilphänomenen gehörte auch der Gebrauch psychoaktiver Substanzen. Die Heime sowie die sich etablierenden Kulturinstitutionen der Jugendbewegung bewegten sich in vielen Fällen nahe der Grenze zu den zunächst flüchtigen, dann zunehmend institutionalisierten Drogenszenen der Stadt. Aus den Archivdokumenten der städtischen Heime lässt sich herauslesen, dass die Szenen und Proteste nicht vor den Türen der Heime Halt machten. So schrieb eine Heimleiterin in ihrem Bericht, Heime seien nicht mehr «schützende Inseln im Bewegungsgeschehen der Stadt».
In Interviews aus dieser Zeit positionierten sich Sozialpädagog:innen neu: Die politische Kultur – «[…] wir wehren uns!», «gegen die Schule, gegen das System», «wir machen da nicht mehr mit. Es ist genug» – sei auch ihnen nahe gewesen. Eine Heimleiterin beschrieb die Zeit der 1980er-Jahre als kollektiven Aufbruch und als gemeinsame Zeit der Veränderung. Neue pädagogische Ansätze und offene Einrichtungen auf Stadtgebiet entstanden. Dass diese auch scheitern konnten, zeigte sich vor allem im Ausschluss aus offenen Einrichtungen von Jugendlichen, die Drogen konsumierten.

Jenseits linearer Erzählungen - Reformen als vielschichtige Dynamik
Die Proteste der «68er» waren weder der einzige Auslöser noch die alleinige Gestaltungskraft eines grossen Umdenkens. Sie allein markieren auch nicht das Ende der gewaltvollen Heimerziehung. Die Reformen zogen sich bis weit in die 1980er-Jahre hinein. Orientiert man sich an der Stadtforschung, sind Veränderungen nicht linear von einer Bewegung initiiert. Vielmehr sind sie vielschichtige und komplexe Prozesse, in denen verschiedene Ebenen sich überlagern und sich wechselseitig beeinflussen, oft widersprüchlich, Altes bewahrend oder auf Veränderungen drängend. Kontinuität und Wandel stehen in Transformationsprozessen nebeneinander, vieles verläuft ungleichzeitig.
Auch in der Studie zu Zürich wurden unterschiedliche Ebenen berücksichtigt. So trafen die beschriebenen Proteste auf eine nahezu 100-jährige Heimtradition und eine gewachsene Heimlandschaft mit ihren Liegenschaften in und um Zürich und in den (vor)alpinen Erholungsgebieten. Sie trafen auf realpolitische Verhältnisse, auf Stadtpolitik und kommunale Verwaltung. In Zürich handelte es sich um ein sich als fortschrittlich verstehendes städtisches Sozialdepartement (damals Sozialamt). Dort gewann zwar bereits Mitte der 1970er Jahre ein Spardiskurs die Oberhand, dennoch trat das Sozialdepartement auch für sozialdemokratische und reformerische Ansätze ein.
Die Jugendproteste entfalteten sich zudem in einer urbanen Gesellschaft, in der populäre Massenmedien bereits Anfang der 1960er-Jahre Werte veränderten und – nach der Einführung der «Pille» – vor allem mit Zeitschriften und Filmen die Toleranz für mehr sexuelle Freiheiten förderten. Das vielschichtige, oft strittige Zusammenspiel verschiedener Instanzen gab den Reformen Dynamik und bestimmte Geschwindigkeit und Intensität. Um es kurz zu sagen: der Veränderungsprozess war vielstimmig. Er führte – zwar nicht flächendeckend und mit widersprüchlichen Nebeneffekten – zu einer Professionalisierung der Sozialpädagogik und zur Neupositionierung der Heime. Diese wandelten sich von «pädagogischen Sonderwelten» hin zu einem Glied in der Kette der Angebote des Jugendhilfesystems und stellten Einrichtungen zur Verfügung, die sich mit offenen Grenzen zum städtischen Geschehen als Teil einer sich wandelnden Gesellschaft verstanden.
Tiefer ins Thema eintauchen

Transformationen in der Kinder- und Jugendhilfe sind oft kleinräumig und in ihrer Dynamik ungleichzeitig. Sie sind eingebunden in gesellschaftliche Entwicklungen, in Steuerungsformen von Fachverwaltungen sowie in kommunale und übergreifende Politiken. Sie orientieren sich an pädagogischem Wissen und Heimpraxis und werden gleichzeitig herausgefordert vom protestierend eingebrachten Eigensinn von Kindern und Jugendlichen, inner- und ausserhalb der Einrichtungen der Heimerziehung.
Der vorliegende Band legt für die Schweiz erstmals eine interdisziplinär angelegte Analyse zum vielfältigen Reformgeschehen in der Kinder- und Jugendhilfe in den Umbrüchen zwischen 1970 und 1990 vor. Auf stationäre Einrichtungen in der Verantwortung der Stadt Zürich fokussierend, öffnet er den Blick für die Plastizität der Kinder- und Jugendhilfe und ihrer Angebote, sei das auf der konkreten oder der allgemeinen Ebene. Mit einer breiten Herangehensweise löst sich die Darstellung von der bislang dominierenden Konzentration auf «68» und die «Heimkampagne» und erschliesst neues Wissen zu Veränderungsdynamiken am Schnittpunkt öffentlicher Erziehungsräume und sozialer und gesellschaftlicher Bewegungen.
Das hier vorgestellte Buch wurde in einer vergleichenden und interdisziplinären Perspektive mit Deutschland und Österreich erarbeitet und von den nationalen Forschungsgemeinschaften der beteiligten Länder gefördert (www.changing-educational-spaces.net). Das vertieft die Analyse: Der Blick auf Reformprozesse in der Zürcher Heimlandschaft ist durch den Ländervergleich geschärft und Entwicklungen werden in einer Weise nachgezeichnet, die immer auch das Übergreifende und partiell Verallgemeinerbare im Lokalen und Spezifischen sucht und herausarbeitet. Der in der Folge publizierte Band «Reformdynamiken in der Heimerziehung 1970 bis 1990. Fallstudien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz» (open Access) führt diese Diskussion weiter und bietet darüber hinaus Einblick in die Entwicklungen in Deutschland und Österreich.
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