Psychische Gesundheit: Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert sie als Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre eigenen Fähigkeiten ausschöpfen, normale Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten kann. Aber welches sind die Faktoren, die genau diesen Zustand überhaupt ermöglichen? Erstaunlich viele – wie im Gespräch mit Isabelle Roos vom stationären Sozialdienst der Psychiatrischen Dienste Aargau deutlich wird.

Die soziale Dimension psychischer Gesundheit
Um medizinische oder psychiatrische Diagnosen geht es in diesem Gespräch mit Isabelle Roos fast nie. Zunächst geht es um die Psychiatrie an sich, um Patient*innen, Behandlung und den Klinikalltag. Doch immer wieder kommen ganz andere Dinge ins Spiel: eine fehlende Wohnung, ein leeres Konto. Nachbarn, mit denen es ständig Streit gibt. Oder die Frage, wie jemand nach der Entlassung aus der Klinik überhaupt durch den Tag kommen soll.
Auch das ist eine Form von Diagnostik. Soziale Arbeit nimmt die Lebenssituation eines Menschen systematisch in den Blick, versucht Zusammenhänge zu verstehen und daraus fachlich begründete Unterstützung abzuleiten. In der Fachsprache: Soziale Diagnostik.
«Wir sagen seit Jahren, Gesundheit sei bio-psycho-sozial», sagt Isabelle Roos. «Aber wir haben gemerkt: Das sagen wir zwar alle. Nur: Was heisst das eigentlich konkret?»
Was trägt einen Menschen im Alltag?
Isabelle Roos stellt die Frage nicht theoretisch, sondern aus dem Alltag heraus: Sie leitet den stationären Sozialdienst der Psychiatrischen Dienste Aargau. 26 Sozialarbeitende begleiten hier Menschen von der Kinder- bis zur Alterspsychiatrie. Für Isabelle Roos war die soziale Situation ihrer Patient*innen immer ein selbstverständlicher Teil der Behandlung. Doch irgendwann begann sie sich zu fragen, ob das als Antwort eigentlich genügt.
Wann haben Sie gemerkt, dass Sie psychische Gesundheit anders betrachten als viele andere?
Ich weiss gar nicht, ob ich sie anders betrachte. Aber ich glaube schon, dass wir sie oft zu eng denken. Natürlich gehören Diagnosen, Medikamente oder Therapien dazu. Das stellt niemand infrage.
Aber wenn jemand die Klinik verlässt und keine Wohnung hat, wenn Beziehungen wegbrechen oder jemand völlig allein ist, wenn das Geld nicht reicht oder der ganze Tag keine Struktur mehr hat – dann hat das genauso mit psychischer Gesundheit zu tun. Mich beschäftigt deshalb oft weniger die Frage, was während des Klinikaufenthalts passiert. Mich interessiert viel mehr: Wie lebt jemand? Was passiert danach? Was trägt einen Menschen im Alltag? Und was eben nicht?
Eigentlich klingt das selbstverständlich.
Ja. Genau das dachten wir auch.
Wir sprechen seit Jahren vom bio-psycho-sozialen Modell. Dass körperliche, psychische und soziale Faktoren zusammenwirken, ist in der Psychiatrie nichts Neues. Irgendwann haben wir uns aber gefragt: Wenn wir sagen, dass die soziale Situation wichtig ist – was meinen wir damit eigentlich genau? Da wurde es plötzlich erstaunlich schwierig.
Was müssen wir über diesen Menschen wissen?
Auffallend ist, dass Isabelle Roos selten von Methoden spricht. Sie erzählt vielmehr von den Momenten, in denen ihr Team ins Stocken geriet. Klar: Alle wussten, dass Wohnen wichtig ist, genauso wie Arbeit oder Beziehungen. Doch sobald es um eine gute Begründung ging, warum nun eine bestimmte Empfehlung für diese Patientin oder jenen Patienten richtig war, wurde vieles erstaunlich individuell.
Was hat Ihnen gefehlt?
Erfahrung war es nicht – die war da, unsere Mitarbeitenden machen hervorragende Arbeit. Aber wir haben gemerkt, dass vieles auf Erfahrung beruht: Die eine Person fragt im Patientinnengespräch dieses, die andere etwas anderes. Und alle kommen häufig zu guten Lösungen, aber eben auf unterschiedlichen Wegen.
Da haben wir uns gefragt: Können wir eigentlich fachlich begründen, weshalb wir zu einer bestimmten Einschätzung kommen? Oder verlassen wir uns oft auf das, was wir über Jahre entwickelt haben? Das war, glaub ich, der eigentliche Ausgangspunkt.
Das klingt fast nach einer Selbstkritik.
Vielleicht eher nach Neugier: Wir wollten verstehen, was wir eigentlich tun.
Wenn jemand beispielsweise eine neue Wohnsituation braucht – welche Informationen brauchen wir dann wirklich? Was müssen wir über die Person wissen, über ihr Umfeld? Was über ihre Erkrankung? Über ihre Motivation? Über Beziehungen, über finanzielle Möglichkeiten?
Je länger wir darüber gesprochen haben, desto länger wurde die Liste. Und gleichzeitig wurde uns klar: Wir hatten dieses Wissen längst, aber es war einfach nirgends systematisch beschrieben.
Was braucht dieser Mensch?
Während Isabelle Roos erzählt, entsteht ein Bild, das mit einem verbreiteten Klischee Sozialer Arbeit wenig zu tun hat. Es geht nicht darum, möglichst schnell eine Wohnung zu organisieren oder ein Formular auszufüllen. Bevor überhaupt über Unterstützung entschieden werden kann, geht es jedes Mal um dieselbe Frage: Warum funktioniert eine Wohnsituation, warum scheitert sie? Und was braucht dieser Mensch, damit es diesmal anders laufen kann?
Sie sagen, Sozialarbeit werde oft unterschätzt. Woran merken Sie das?
Viele stellen sich vor, wir telefonieren herum und suchen irgendwo einen freien Wohnplatz. Und ja: Natürlich gehört das manchmal dazu. Aber vorher müssen wir verstehen, warum eine Wohnsituation überhaupt gescheitert ist, was jemand mitbringt, was ihn belastet. Wir müssen wissen: Welche Ressourcen sind vorhanden? Welche Unterstützung ist nötig? Wie stabil ist die Person im Moment, welche Beziehungen tragen sie oder welche belasten vielleicht zusätzlich? Das ist oft viel komplexer, als man von aussen sieht. Und genau diese Komplexität wollten wir sichtbar machen – nicht zuerst für andere, sondern auch für uns selbst.
Isabelle Roos erzählt ohne Pathos, eher nüchtern. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum ein Satz besonders hängenbleibt: «Wir wollten unser Handeln besser begründen können.» Der Satz richtet sich nicht gegen andere Berufsgruppen, er adressiert die eigene Profession.
Warum ist es Ihnen wichtig, das eigene Handeln besser zu begründen?
Weil wir interprofessionell arbeiten. Und wenn ich in einer Fallbesprechung empfehle, dass jemand noch nicht allein wohnen sollte oder dass eine bestimmte Unterstützung nötig ist, dann muss ich erklären können, warum ich zu dieser Einschätzung komme. Nicht aus dem Bauch heraus, sondern fachlich. Ich finde, das sind wir unseren Patientinnen und Patienten schuldig.
Wie lässt sich dieser Mensch unterstützen?
Gegen Ende des Gesprächs kommt Isabelle Roos noch auf etwas zu sprechen, das den Klinikalltag stark prägt: Zeit. Genauer gesagt, den Mangel daran. Ihn kennen auch Sozialarbeitende, die nicht jeden Fall gleichermassen intensiv bearbeiten können. Sie müssen entscheiden, wo eine erste Einschätzung ausreichend ist und wo es eines genaueren Hinschauens bedarf.
«Das fällt vielen schwer», sagt Isabelle Roos, «man hat schnell ein schlechtes Gewissen.»
Vielleicht, überlegt sie, sei eine gemeinsame fachliche Grundlage deshalb so wichtig, damit Entscheidungen für das ganze Team nachvollziehbar werden.
Dann kehrt das Gespräch noch einmal dorthin zurück, wo es begonnen hat – zur psychischen Gesundheit. Und zwar nicht in Form einer medizinischen Diagnose, sondern als Verankerung im Leben: «Manchmal», sagt Isabelle Roos, «entscheidet sich eben erst im Alltag, ob jemand wirklich wieder Halt findet.»
Und vielleicht liegt genau darin der Kern dieses Gesprächs. Nicht in der Erkenntnis, dass Wohnen, Beziehungen oder finanzielle Sicherheit zur psychischen Gesundheit gehören. Das war nie die eigentliche Frage. Die Frage lautet vielmehr: Was tut Soziale Arbeit eigentlich, wenn sie all diese Dinge in den Blick nimmt?
Sie diagnostiziert auf ihre eigene Weise. Sie versucht zu verstehen, wie soziale Bedingungen, individuelle Möglichkeiten und psychische Belastungen zusammenwirken, um daraus begründete Entscheidungen für die Unterstützung eines Menschen abzuleiten. Was im Gespräch mit Isabelle Roos ganz selbstverständlich aus dem Klinikalltag heraus entsteht, hat damit auch einen fachlichen Namen: Soziale Diagnostik.
Zur Sozialen Diagnostik gibt es ein systemisches Weiterbildungsangebot in Form eines Fachseminars und eines CAS. Das nächste CAS startet am 1. März 2027:
CAS Soziale Diagnostik in komplexen Fällen - systemisch und biografisch
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Dr. Cornelia Rüegger
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