Manche Fälle beschäftigen Fachpersonen über Monate, mitunter sogar Jahre: Mehrere Stellen sind beteiligt, unterschiedlichste Hilfen wurden ausprobiert, und trotzdem scheint sich wenig zu verändern. Genau dann kann es sich lohnen, genauer hinzuschauen, sagt Raphael Calzaferri. Der Sozialarbeiter und Co-Leiter des CAS «Soziale Diagnostik in komplexen Fällen – systemisch und biografisch» erklärt, wie Soziale Diagnostik neue Perspektiven eröffnen kann.

Komplexität erfassen, Klarheit gewinnen
Wann wird ein Fall zu einem Fall für die Soziale Diagnostik?
Das sind vor allem Fälle, in denen sich wenig bis nichts bewegt. Vielleicht hat man schon einiges versucht und kommt trotzdem nicht richtig weiter, manchmal drehen sich auch die Fachpersonen gemeinsam mit den betroffenen Menschen im Kreis. Und gerade dann kann es sinnvoll sein, sich mehr Zeit zu nehmen und genauer hinzuschauen: Was passiert hier eigentlich? Was haben wir bisher vielleicht noch nicht verstanden?
Was bedeutet «genauer hinschauen»?
Wir betrachten nicht nur die einzelne Person, sondern auch ihre Umwelt. Da fragen wir zum Beispiel: In welchen Lebensbereichen bewegt sie sich? Welche Beziehungen spielen eine Rolle? Welche Ressourcen sind vorhanden? Wo gibt es Schwierigkeiten? Wenn man Individuen in ihrem Umfeld betrachtet, also den Fall als Einheit aus Akteur*in und Umwelt versteht – das heisst im Wechselspiel mit verschiedenen Systemen wie Familie, Arbeitskontext, Wohnumfeld –, dann wird ein Fall schnell komplex. Unser Modell des Lebensführungssystems nimmt genau diese beiden Ebenen auf. Es zeigt die Einheit von Individuum und seiner konkreten Umwelt. Soziale Diagnostik hilft dabei, diese Komplexität zu erfassen, Übersicht und Klarheit zu gewinnen. Und so die Komplexität für Fachpersonen und Klient*innen handhabbar zu machen.
Genau das ist auch die Grundlage für eine gute Hilfeplanung. Wenn wir zentrale Aspekte einer Lebenssituation übersehen, besteht die Gefahr, dass wir an wichtigen Bedingungen vorbeiplanen und sich die vorgesehenen Hilfen später nicht umsetzen lassen.

Und wie sieht das konkret aus, wie geht man im Rahmen der Sozialen Diagnostik vor?
Die Soziale Diagnostik hat einen zentralen Stellenwert im professionellen Unterstützungsprozess. Die Vorgehensweise ist dabei folgende: Wenn die Fachperson bei einem konkreten Anlassproblem einen Fall genauer anschaut, nimmt sie in einem diagnostischen Prozess gleichzeitig Ausstattung und individuelle Muster der Klient*in und auch die Bedingungen des Umfelds in den Blick, also sowohl die Innen- als auch die Aussenseite des Lebensführungssystems. Wir untersuchen mit Hilfe verschiedener Instrumente die Wechselwirkungen zwischen beiden Ebenen. Dabei sind sowohl Ressourcen als auch schwierige Muster der Lebensführung interessant, um einen Ansatz für die Veränderung einer Situation zu finden.
Eines dieser Instrumente, die in Zusammenarbeit mit der Praxis der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW entwickelt wurden, ist der Spannungsmesser. Hier schauen wir gemeinsam mit der Person, in welchen Handlungssystemen sie lebt. Vereinfacht gesagt sind das ihre unterschiedlichen Lebensbereiche, bei denen wichtig ist, wie die Person selbst sie bezeichnet und einschätzt.
Wir schauen dabei auf zwei Fragen: Wie wichtig ist mir dieser Lebensbereich? Und: Wie zufrieden bin ich damit? Beides lässt sich auf einer Skala einschätzen. Wenn nun ein Bereich für jemanden sehr wichtig, die Zufriedenheit damit aber gering ist, haben wir ein Spannungsfeld. Und das kann ein Hinweis darauf sein, dass es sich lohnt, dort gemeinsam genauer hinzuschauen.
Gibt es weitere Instrumente, mit denen die Soziale Diagnostik arbeitet?
Ja. Wir arbeiten zum Beispiel auch mit dem biografischen Zeitstrahl, der Netzwerkkarte, den Orientierungsleitenden Fragen, dem Ressourceninterview oder mit der Systemmodellierung. Die Systemmodellierung funktioniert so, dass wir Dynamiken in einem System zu einem bestimmten Zeitpunkt visuell darstellen. Das so entstandene Abbild der Fall-Situation ist ein wirkmächtiges Instrument für ein gutes Fallverstehen zusammen mit der Klientel. Es ist ein gutes Instrument, um zu überlegen, wie eine problematische Dynamik im Fall verändert werden könnte.
Gegenwart verstehen, Biografie einbeziehen
Beschäftigt man sich in jedem Fall mit der Biografie eines Menschen?
Nein. Eine Systemmodellierung kann die biografisch erworbenen Muster der Lebensführung aufzeigen. Aber nicht in allen Fällen bedarf es einer umfassenden biografischen Analyse. Das hängt auch vom organisationalen Auftrag ab.
Wir haben ein Stufenmodell entwickelt, mit dem der Grad der diagnostischen Vertiefung bestimmt werden kann. Es hilft Fachleuten dabei, den Umfang und das Vorgehen der Sozialen Diagnostik im konkreten Fall festzulegen.
Auf einer ersten Stufe kann es zunächst um ganz aktuelle Bedarfe gehen: Fehlen materielle Ressourcen? Gibt es Schwierigkeiten beim Wohnen, bei der Gesundheitsversorgung oder der Ernährung? Vielleicht muss zuerst dort angesetzt werden.
Auf einer zweiten Stufe, also wenn etwas tiefer gegraben werden soll, schauen wir die gegenwärtige Lebenssituation genauer an – da sind Systemmodellierungen dann sehr geeignet. Und wenn wir merken, dass die heutigen Dynamiken sehr komplex und schwer zu durchschauen sind, kann es sinnvoll sein, zusätzlich die Biografie einzubeziehen. Mit diesem Rückblick versuchen wir zu verstehen, wie die heutige Problemsituation entstanden ist.

Wie funktioniert dieser biografische Blick?
Wir können beispielsweise ein biografisches Interview führen, das mit einer Frage wie «Bitte erzählen Sie mir, wie Ihr Leben verlaufen ist, bis Sie hierhergekommen sind?» beginnen könnte.
Das Spannende an diesem Interview ist, dass die Person selbst entscheidet, wie sie die Geschichte erzählt: Manche beginnen bei ihrer Geburt, andere schon beim Kennenlernen der Eltern, wieder andere springen direkt in eine bestimmte Phase ihrer Kindheit. Aus dieser Schilderung können sich Hinweise auf biografisch erworbene Muster ergeben, also auf Muster des Denkens, Fühlens und Verhaltens, die auch für die heutige Situation eine Rolle spielen.
Mehr Zeit investieren, um weiterzukommen
Das erscheint nun aber ziemlich aufwändig. Haben Fachpersonen mit hoher Falllast dafür überhaupt Zeit?
Das ist natürlich ein wichtiger Aspekt. Es geht nicht darum, jeden Fall so ausführlich zu bearbeiten – man muss auswählen. Gerade wenn sich bei einem Fall wenig bis nichts bewegt, lohnt es sich, mehr zu investieren. Mit unserem Stufenmodell ist es möglich, die richtige Stufe der Diagnostik auszuwählen und damit den diagnostischen Aufwand zu generieren, der dem Fallgeschehen angemessenen ist.
Und wenn wir uns überlegen, dass viele Klien*innen oft schon lange Erfahrungen in sozialen Institutionen hinter sich haben (was oft ein Weg mit vielen Misserfolgen ist): Wäre da nicht eine umfassende Abklärung effizienter, vielleicht auch mit grösserem zeitlichem Aufwand, als weitere Misserfolge über das Prinzip „Trial and Error“ zu produzieren? Eine gute Soziale Diagnostik kann die Wahrscheinlichkeit solcher Misserfolge reduzieren.
Übrigens verändert sich durch die Beschäftigung mit Sozialer Diagnostik gleichzeitig auch die Art, wie ich auf Fälle schaue. Das heisst: Ich muss nicht bei jeder Begegnung das komplette Instrumentarium anwenden, aber ich bekomme ein anderes Verständnis davon, welche Dynamiken eine Rolle spielen können und worauf ich achten sollte. Dieses Fallverständnis fliesst ganz natürlich in den alltäglichen Umgang mit Adressat*innen ein.
Insgesamt klingt Soziale Diagnostik ganz so, dass Fachpersonen einen Menschen analysieren. Wie verhindert man in diesem Kontext, dass man über die Klient*innen statt mit ihnen spricht?
Auch das ist ein ganz wichtiger Punkt. Natürlich sollten Erkenntnisse nicht über die Köpfe der Adressat*innen hinweg weitergegeben werden. Wenn ich zum Beispiel ein biografisches Interview geführt habe, bespreche ich zunächst mit der betroffenen Person, dem Paar oder der Familie, was wir daraus erkannt haben und was das für die weitere Zusammenarbeit bedeuten könnte. Genauer: Wir stellen all das zur Diskusssion.
Und auch die Überlegungen zur Hilfeplanung können bereits gemeinsam entstehen. Wir nutzen die Soziale Diagnostik also, um die Hilfeplanung mit den Menschen zusammen zu machen. Und erst danach bringt man die Erkenntnisse ein, etwa in ein Rundtischgespräch mit weiteren Beteiligten. Diese Arbeitsweise ist für die Beziehung und das Arbeitsbündnis zentral, wir stellen immer wieder fest, dass sie die Arbeitsbeziehung stärkt.

Professionelles Handeln: Vom Fallverstehen zur Hilfeplanung
Was lernen die Teilnehmenden im CAS, damit sie das später tatsächlich anwenden können?
Sie arbeiten viel mit eigenem Fallmaterial. Und das Gute ist auch, dass im CAS Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen und aus verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit zusammenkommen. Das ist wichtig, weil sich dadurch unterschiedliche Perspektiven auf einen Fall ergeben.
An den 21 Kurstagen gibt es fünf Werkstätten, in denen die Teilnehmenden ihre Fälle in kleinen Gruppen analysieren. Sie üben dann etwa die Analyse von Interviews, arbeiten mit Visualisierungen und Systemmodellierungen und denken anschliessend gemeinsam über die Hilfeplanung nach. Es geht im CAS also nicht nur darum, Methoden kennenzulernen, sondern die Theorie auch gleich auf die eigene Praxis anzuwenden und ganz konkret zu üben.
Was berichten Teilnehmende darüber, was sich in ihrer Arbeit verändert?
Viele sind vom biografischen Interview fasziniert. Manche führen sogar ein zweites, weil sie nach dem ersten merken, dass sie es noch einmal ausprobieren möchten. Und als Rückmeldung hören wir dann häufig: «Ich verstehe diesen Menschen jetzt viel besser.»
Das wirkt sich auch auf die Zusammenarbeit im Team aus. Wenn ein Fall besser verstanden wird, kann man anders darüber sprechen und auch die verschiedenen Bilder, die die Fachpersonen davon haben, miteinander abgleichen. Solche Rückmeldungen bekommen wir übrigens aus sehr unterschiedlichen Arbeitsfeldern, etwa aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dem Kindes- und Erwachsenenschutz oder dem Suchtbereich.
Und worin liegt schliesslich der Gewinn für eine Organisation, wenn sie einer Fachperson dieses CAS finanziert?
Wer Fälle besser versteht, kann auch besser mit Kolleg*innen im eigenen Betrieb und mit Fachpersonen anderer Stellen zusammenarbeiten. Ausserdem gibt es weniger Leerläufe und weniger Trial-and-Error-Schlaufen, bei denen immer wieder etwas Neues versucht wird und dann doch nicht funktioniert. Diese Misserfolge sind nicht nur für die betroffenen Menschen frustrierend, sondern belasten auch die Fachpersonen. Und wenn ich – vielleicht mit Hilfe des CAS – einen Fall besser verstehe, kann ich wieder Handlungsmöglichkeiten und neues Potenzial sehen. Das kann auch helfen, mit belastenden Fällen professionell umzugehen, empathisch zu bleiben und sich gleichzeitig nicht zu stark mit ihnen zu identifizieren.
Kontakt
Raphael Calzaferri
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