Klimawandel und Klimapolitik treffen nicht alle Menschen gleich. Gerade in dicht bebauten und verkehrsbelasteten Quartieren sind sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen häufig besonders stark von Hitze und anderen Klimarisiken betroffen. Im Kurzinterview erklärt Lena Bloemertz, warum wirksamer Klimaschutz soziale Fragen mitdenken muss – und welche Schlüsselrolle die Soziale Arbeit dabei spielt.

Was braucht es, damit Klimaschutz nicht nur auf dem Papier bleibt, sondern im Quartier tatsächlich ankommt – und was kann eine einzelne Person tun, um aktiv zu werden?
Klimaschutz wird besonders dann akzeptiert, wenn er lokal verankert und mit Bewohner*innen gemeinsam gestaltet wird. Einzelne können handeln, indem sie mit Ihren Nachbar*innen ins Gespräch kommen, sich in lokalen Initiativen engagieren oder auch kommunale Beteiligungsverfahren einfordern.
Klimaschutz gilt oft als Privileg: Wer Geld, Zeit und Bildung hat, lebt nachhaltiger. Vertieft gut gemeinte Klimapolitik in Städten die soziale Spaltung – oder kann sie sie überwinden?
Viele Studien zeigen, dass Klimapolitik soziale Spaltungen vertiefen kann, wenn sie vor allem über Preise, Technik und individuelle Verantwortung läuft. Gleichzeitig bieten bewusst gestaltete Klima‑ und Anpassungspläne auch Chancen, um gezielt vulnerable Gruppen zu stärken – etwa durch besseren Zugang zu öffentlicher Mobilität, Grünräumen, oder auch spezifischen Gesundheitsleistungen. Damit kann Klimapolitik sogar helfen, soziale Spaltungen zu überwinden.
Global gesehen stimmt es nicht, dass Geld, Zeit und Bildung dazu führen, nachhaltiger leben zu können. Im Gegenteil führt Wohlstand zu einem steigenden CO2 Verbrauch. Die Möglichkeit, sich neue umweltfreundliche Technologien (z.B. E-Autos) leisten zu können, wird in vielen Fällen wett gemacht durch höheren Konsum (mehr Freizeitreisen, grössere Wohnung, etc).
Wer trägt in Städten die grösste Klimalast und wer profitiert von den Lösungen? Stimmt das Verhältnis?
Eine pauschale Antwort ist hier nicht möglich. Es zeigt sich jedoch, dass benachteiligte Bevölkerungsgruppen häufig in dichter bebauten und verkehrsbelasteten Quartieren leben. Dadurch sind sie von z.B. Hitzewellen stärker betroffen, und haben weniger Möglichkeiten, um sich anzupassen (z.B. Dämmung der Wohnung). Bestimmte Förderprogramme wie z.B. Förderprogramme für Sanierungen und E‑Mobilität erreichen tatsächlich zumeist wohlhabendere Bevölkerungsschichten. Gerechter wäre es z.B., Anpassungsinvestitionen systematisch in hoch belasteten Quartieren zu priorisieren.
Soziale Arbeit und Klimaschutz: das klingt für viele noch wie zwei verschiedene Welten. Warum ist das falsch gedacht, und was kann Gemeinwesenarbeit leisten, was Stadtplanung alleine nicht schafft?
Klimarisiken und soziale Verletzlichkeit sind eng verwoben. Gemeinwesenarbeit kann marginalisierte Gruppen erreichen, Vertrauen aufbauen, Beteiligung organisieren, Konflikte aushandeln und lokales Wissen in Klima‑ und Anpassungsprojekte einbringen. Es zeigt sich häufig, dass co‑produzierte Lösungen – von Verwaltung, Planung, Sozialer Arbeit und Quartier gemeinsam – wirksamer und gerechter sind. Wirksam sind auch lokal verankerte Experimente, gerechte Verteilungsinstrumente und co‑produzierte Lösungen, in denen Soziale Arbeit eine Schlüsselrolle spielen kann. Zudem ist es Aufgabe der Sozialen Arbeit darauf aufmerksam zu machen, wo Klimawandel oder Klimapolitik verwundbare Gruppen unverhältnismässig belastet und sich für einen Ausgleich einzusetzen.
Im September findet die Tagung «Soziale Arbeit und Stadtentwicklung» zum Thema “Klimagerechtigkeit lokal gestalten” statt – mit Exkursionen, Workshops und internationalem Austausch rund um Klimagerechtigkeit im Quartier. Was erwartet die Teilnehmenden, und warum lohnt es sich, dabei zu sein?
Transdisziplinäre Formate sind wichtig, um komplexe Fragestellungen wie den Umgang mit der Klimakrise zu bearbeiten: Sie bringen Planung, Soziale Arbeit, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um gemeinsam an Klimagerechtigkeit zu arbeiten, Erfahrungen auszutauschen und lokale Beispiele vor Ort zu erkunden. Genau das bietet die Tagung: Exkursionen, Workshops zu Klimaanpassung, Klimagerechtigkeit und sozialer Infrastruktur sowie intensiven fachlichen Austausch. Es lohnt sich, weil Teilnehmende sowohl konkrete Methoden (z.B. Beteiligungsformate, Verteilungsinstrumente) als auch neue Kooperationen für ihre eigene Stadtpraxis mitnehmen können
Klimagerechtigkeit entsteht im Quartier, wenn Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Beteiligung systematisch zusammengedacht werden.
Zur Tagung
Die Tagung «Soziale Arbeit und Stadtentwicklung» findet im September zum Thema «Klimagerechtigkeit lokal gestalten» statt. Exkursionen, Workshops und internationaler Austausch bringen Fachpersonen aus Sozialer Arbeit, Stadtplanung, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Im Zentrum stehen konkrete Ansätze für Klimaanpassung, soziale Infrastruktur und Beteiligung im Quartier. Die Teilnehmenden erhalten praxisnahe Impulse und Methoden und knüpfen neue Kontakte für die Zusammenarbeit in ihrer eigenen Stadt- und Quartierpraxis.
Kontakt

Dr. Lena Bloemertz
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