Unterricht, Prüfungen, Pausen prägen unser Bild von der Schule. Was dabei oft übersehen wird: Schulen beeinflussen massgeblich, wie gesund Kinder und Jugendliche aufwachsen. Besonders psychische Belastungen zählen mittlerweile zu den häufigsten Gesundheitsproblemen dieser Altersgruppe. Ein mögliches Schulmonitoring kann helfen, solche Probleme frühzeitig zu erkennen. Als Vorbereitung dazu befragt das Fürstentum Liechtenstein zusammen mit der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Schüler:innen an den öffentlichen Schulen Liechtensteins.

Manchmal geht es besser, manchmal weniger gut – auch bei Kindern und Jugendlichen. Ob eine Verhaltensänderung im üblichen Bereich ist oder auf eine psychische Belastung hinweist, ist oft schwer zu unterscheiden. Anhaltende Traurigkeit, Verärgerung, Sorgen, Ängstlichkeit und Schlafschwierigkeiten gelten als typische Anzeichen, wenn sie über einen längeren Zeitraum bestehen. Bis zu einem Viertel der Jugendlichen in der Schweiz ist heute regelmässig davon betroffen.
Während der Schulzeit sind Kinder und Jugendliche mit vielen, teils belastenden Veränderungen konfrontiert. Sie entwickeln sich emotional und körperlich, müssen steigenden schulischen Anforderungen gerecht werden und sich in neuen sozialen Gefügen zurechtfinden. Bildungseinrichtungen können junge Menschen dabei unterstützen, indem sie ein wertschätzendes Schulklima gewährleisten, in dem sich Schüler:innen zugehörig und sicher fühlen und ihre Begabungen entfalten können. Auch ist es wichtig, dass psychische Belastungen frühzeitig erkannt und gezielte Massnahmen ergriffen werden.
Aus diesem Grund möchte das Fürstentum Liechtenstein ein Schulmonitoring etablieren. Während vier Schuljahren befragt nun ein Projektteam der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW im Rahmen einer Pilotstudie über 2000 Schüler:innen, Schulmitarbeitende und Eltern. Damit erhebt das Projekt Daten zu allen Schulzyklen (vom Kindergarten über die Primarstufe bis zur Sekundarstufe I). Geleitet wird das Projekt von Dr. Pascal Lienert und Prof. Dr. Andrea Zumbrunn.
Warum die Schule über Gesundheit mitentscheidet
Bei der Gesundheit kommt der Schule eine zentrale Rolle zu: Sie kann Belastungen verstärken, ist aber gleichzeitig einer der wichtigsten Orte, um psychisches Wohlbefinden zu fördern. Denn gesunde Schüler:innen begegnen ihrem Alltag mit Zuversicht, haben Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und können mit Enttäuschungen umgehen. Damit dies gelingt, sind ein positives Schulklima, vertrauensvolle Beziehungen zu Lehrpersonen und Mitschüler:innen sowie die Zusammenarbeit mit Eltern entscheidend. Sie ermöglichen es, Anzeichen frühzeitig wahrzunehmen und Unterstützung anzubieten.
Drei Fragen an das Schulamt Liechtenstein
Die Bildungspolitik in Liechtenstein handelt dementsprechend. Seit der Einführung des Liechtensteiner Lehrplans im Jahr 2019 sind Gesundheit, Wohlbefinden und soziale Kompetenzen in verschiedenen Kompetenzbereichen verankert. Psychische Gesundheit ist seit dem Schuljahr 2023/24 ein besonderer Themenschwerpunkt im liechtensteinischen Bildungswesen. Teil der Massnahmen ist das Projekt «Psychische Gesundheit der Schüler:innen im Fürstentum Liechtenstein». Es schafft eine wissenschaftliche Grundlage für die langfristige Beobachtung der psychischen Gesundheit. Aufbauend auf einer Pilotstudie am Liechtensteinischen Gymnasium und Piloterhebungen auf allen Schulstufen werden die fachlichen und methodischen Grundlagen für die Prüfung eines künftigen Monitorings geschaffen. Befragt werden in den Pilotphasen Schüler:innen, Eltern sowie Schulmitarbeitende, um sowohl die Verbreitung psychischer Gesundheit und psychischer Auffälligkeiten als auch die schulischen Einflussfaktoren systematisch zu erfassen.
Aktuelle Ergebnisse: Schulklima positiv, aber Herausforderungen bei Zusammenhalt und Leistungsdruck
Die Erhebung des dritten Schulzyklus, also der Sekundarstufe I (repräsentiert durch Real- und Oberschule), liefert aktuelle Resultate. 872 Schüler:innen, deren Eltern und Schulmitarbeitende wurden zu ihrem Befinden oder ihrer Wahrnehmung der Situation an der Schule befragt. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass Schüler:innen der Real- und Oberschulen in Liechtenstein im Vergleich zu Daten von gleichaltrigen Schweizer Jugendlichen aus dem Jahr 2022 bei einigen Indikatoren zum psychischen Wohlbefinden schlechtere Werte aufweisen und häufiger unter Stress, Schlafschwierigkeiten sowie psychoaffektiven Beschwerden leiden. Unter folgenden Links sind der Ergebnisbericht zur Sekundarstufe I und die früheren Ergebnisse zum Liechtensteinischen Gymnasium zu finden.
Positiv aufgefallen ist das allgemeine Schulklima. Die Beziehung zwischen Schüler:innen und Lehrpersonen ist grossmehrheitlich durch gegenseitige Anerkennung und Akzeptanz geprägt. Schulmitarbeitende fühlen sich für die psychische Gesundheit ihrer Schüler:innen verantwortlich und wissen grösstenteils, wie bei Problemen reagiert werden kann oder wo sich passende Unterstützung findet.
Anders sieht es in den Klassen selbst aus. Nur knapp mehr als die Hälfte der Schüler:innen findet das Klassenklima gut. Auffällig ist, dass Lehrpersonen oder Eltern die Stimmung in der Schulklasse deutlich besser einschätzen als die Schüler:innen selbst. Ähnliches gilt für den Leistungsdruck und damit zusammenhängenden Stress, der Schüler:innen mehr belastet, als Schulmitarbeitende dies vermuten würden. Auch berichtet knapp ein Fünftel der Schüler:innen von wiederholten Ausgrenzungserfahrungen – eine im Vergleich zur Schweiz hohe Quote.
Drei Fragen an das Projektteam der Hochschule
Betrachtet man die Ergebnisse noch differenzierter, dann zeigt sich, dass besonders Mädchen oder Jugendliche am Übergang zur Ausbildung von Unterstützung profitieren können. Die gute Beziehung zur Schule und zu den Lehrpersonen kann hier helfen. Sie kann als Grundlage genutzt werden, um Strategien für Probleme wie zum Beispiel übermässiger Social-Media-Konsum oder ungenügender Schlaf zu thematisieren – idealerweise gemeinsam mit den Schüler:innen.
Nachhaltige Wissensgrundlage zur Prävention und Gesundheitsförderung
Mit einem möglichen zukünftigen Monitoring soll eine Wissensgrundlage entstehen, die für Schulen und Schulstufen bestehende Herausforderungen offenlegt und woraus evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für die Bildungspolitik sowie für die Schulen selbst abgeleitet werden können. Auch positive Rückmeldungen sind hierzu hilfreich. Sie zeigen, wo eine Schule ausreichende Kompetenzen besitzt und welche Massnahmen zur Prävention von psychischen Problemen bereits effektiv eingesetzt werden.
Die psychische Gesundheit junger Menschen ist eines der wichtigsten Themen. Wenn Sie mehr über die Situation an Ihrer Schule oder Institution wissen oder gesundheitsfördernde Massnahmen umsetzen möchten, können Sie gerne mit uns Kontakt aufnehmen. Weitere Informationen: ressourcenplus.ch
Projektdetails
- Forschungsfeld
- Gesundheitsförderung und Prävention, Kinder- und Jugendförderung und Soziale Arbeit an Schulen
- Hochschule/Institut
- Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Institut Soziale Arbeit und Gesundheit
- Förderung
- Schulamt Fürstentum Liechtenstein
- Laufzeit
- 2023 bis 2027
- Leitung
- Prof. Dr. Andrea Zumbrunn
Dr. Pascal Lienert - Team
- Mitja Mosimann
Franziska Widmer
Kontakt
Prof. Dr. phil. Andrea Zumbrunn
- Telefon
- +41 62 957 21 62
- andrea.zumbrunn@fhnw.ch
Dr. Pascal Lienert
- Telefon
- +41 62 957 30 37
- pascal.lienert@fhnw.ch
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