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Klimaexperte: «Problemlos geht es nirgends!»

FHNW|27. Mai 2020

Jürgen Ragaller gehörte zu den ersten, die in Windisch ein Bachelor-Diplom im Bereich Energie- und Umwelttechnik erhielten. Nach Zwischenstationen als Fachspezialist und Abteilungsleiter bei der kantonalen Verwaltung ist er seit Februar erster Klimaexperte des Kantons Luzern. Ein Gespräch über seinen Auftrag.

Jürgen Ragaller. Bild ZVG.

Herr Ragaller, in der Presse war nach Ihrer Wahl zum ersten Klimaexperten des Kantons Luzern zu lesen, dass es Ihr Job sei, den Kanton «fit zu machen für die Überwindung der Klimakrise». Das ist eine unendlich grosse Aufgabe. Was stand in der Stellenausschreibung?

Gesucht war ein Klimaexperte, der fachlich breit ausgebildet ist. Es stand dabei nicht das Forschungswissen im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, Menschen und Inhalte zu vernetzen. Man wollte einen Klimakoordinator, der weiss, dass die Klimakrise nur mit einer breiten Sensibilisierung überwunden werden kann. Eine technische Ausbildung sowie Grundwissen über die Klimaphysik sind notwendige Voraussetzungen. Es braucht aber auch ein Verständnis von ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Ein weites Feld! Warum haben Sie sich auf die Stelle beworben?

Ich wollte mich bei diesem zentralen Umweltthema engagieren. Wir tragen alle eine Verantwortung für den Klimaschutz. Mit der Berufserfahrung im Bereich Umweltschutz, meinem Studium der Biologie und dem Bachelor-Abschluss in Energie- und Umwelttechnik bringe ich die notwendigen fachlichen Voraussetzungen mit.

Und wie sieht nun Ihre Arbeit aus?

Klima- und Energiepolitik ist Teamwork. Ich arbeite als Teil eines Teams im Auftrag des Regierungsrats. Gemeinsam mit 70 Fachpersonen der Verwaltung erarbeite ich zurzeit einen Berichtsentwurf, wie der Kanton Luzern die mit dem Klimawandel verbundenen Herausforderungen angehen und die gesetzten Klimaziele erreichen kann. Dieser Planungsbericht wird 2021 vom Regierungsrat verabschiedet und dem Luzerner Kantonsrat zur Kenntnisnahme unterbreitet.

Mit diesem Planungsbericht sollen Sie zeigen, wie der Kanton Luzern das Ziel «netto null 2050» erreichen wird. Wie bringen Sie Forschung und die politische Ebene zusammen?

Die wissenschaftlichen Grundlangen zum Klimawandel sind für unsere Zwecke ausreichend untersucht. Es geht also nicht darum, wissenschaftliche Erkenntnisse zu reproduzieren, sondern ganz konkret die Stossrichtungen und Massnahmen zur Zielerreichung aufzuzeichnen. Der Bericht ist dazu in die Bereiche Klimaschutz und Klimaanpassung unterteilt. In beiden Bereichen gibt es verschiedene Handlungsfelder, für die jeweils eine federführende Fachperson und ihr Team zuständig ist.

Was wird im Bericht zu lesen sein?

Sowohl bei der Klimaanpassung als auch beim Klimaschutz setzt der Kanton Luzern bereits zahlreiche Massnahmen um. Wir werden diese überprüfen und wo notwendig ergänzen. Damit wir das Ziel der Klimaneutralität erreichen, müssen wir in allen Sektoren Treibhausgasemissionen reduzieren. Wie dies erreicht werden kann, untersuchen wir für den Verkehr, die Industrie, die Gebäude, den Abfallbereich sowie bei der Landwirtschaft. In seinem direkten Einflussbereich geht der Kanton mit gutem Vorbild voran und setzt etwa beim Heizungswechsel in der Regel erneuerbare Heizsysteme ein. Um das Klimaschutzziel zu erreichen, müssen wir bestehende Massnahmen verstärken und neue ergreifen. Wir werden im Bericht zudem untersuchen, wie die verbleibenden Emissionen bis 2050 durch technische oder natürliche CO2-Senken ausgeglichen werden können.

Zuerst die Frage nach dem Positiven: In welchen Feldern im Bereich Klimaschutz kann man problemlos «netto null» erreichen?

Problemlos geht es nirgends! Wir stehen also vor grossen Herausforderungen. Klar ist, dass wir in allen Bereichen schneller und konsequenter handeln müssen, um unseren Beitrag zur Umsetzung der Ziele des Pariser Klimaabkommens zu leisten. Die rasante Entwicklung der Technik hilft uns bei der Umsetzung. Erneuerbare Energietechnik ist bereits heute kostengünstig nutzbar.

Die Schweiz ist vom Klimawandel stärker betroffen als andere Länder.

Ja, das stimmt. Der Temperaturanstieg ist doppelt so hoch im Vergleich zum globalen Mittel. In Zukunft nehmen Hitzeperioden, Tropennächte, längere Trockenphasen im Sommer und im Frühling zu – dies ist in diesem Jahr deutlich spürbar. Zudem kann die wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen, was das Schadenspotential von Starkniederschlägen erhöht. Noch können wir in vielen Bereichen mit den Klimaveränderungen umgehen. Mit jedem Grad Erwärmung steigen jedoch die Klimarisiken und die Massnahmen zur Anpassung werden teurer und umfangreicher.

Und was bedeutet dies für den Kanton Luzern und Ihre Arbeit als Klimaexperte?

Grosse Herausforderungen im Bereich der Klimaanpassung bestehen in der Wasserversorgung und Wassernutzung sowie in der Land- und Forstwirtschaft. Die Betroffenheit ist vielfältig. In der Landwirtschaft wird die Verfügbarkeit von Wasser in ausreichender Menge und Qualität zu einem wichtigen Faktor. In der Forstwirtschaft führt die zunehmende Erwärmung kombiniert mit langen, heissen Trockenphasen zu einem starken Rückgang von Fichten und Buchen. Diese Baumarten sind für die Holzwirtschaft heute bedeutend. Also muss die Forstwirtschaft langfristig für eine neue Durchmischung der Wälder sorgen. Insgesamt ist die Klimaveränderung ein dynamisches Thema. Gewisse Entwicklungen laufen schneller als gedacht. Schauen Sie nur diesen Frühling an, der sehr trocken war!

Sie sprechen die Dynamik an. Wie bleiben Sie in Sachen Klimaforschung auf dem neusten Stand?

Mein Anspruch ist es, den Überblick zu bewahren. Ich bilde mich on the job ständig weiter. Dazu gehört der Austausch mit den Fachpersonen in der Verwaltung, aber auch mit Forschenden. Im Februar haben wir den ETH-Klimawissenschaftler Reto Knutti eingeladen. Grundsätzlich gilt es zu betonen: Bei der Diagnose gibt es keinen Zweifel! Der Klimawandel ist ein Fakt. Und es ist klar, was man tun muss, um ihn mit Klimaschutzmassnahmen zu verlangsamen und schliesslich zu stoppen: bis 2050 «netto null», wenn wir als Kanton das Pariser Abkommen vom Dezember 2015 erreichen wollen. Der erste Schritt ist der Planungsbericht bis Ende 2021. Dann haben wir 30 Jahre Zeit für die Umsetzung.

Wenn man an das nicht absehbare Tempo des Wandels und an die schier unüberschaubare Komplexität des Systems denkt, dann wird einem mulmig. Wie geht es Ihnen dabei?

Das Gefühl kenne ich. Doch sehe ich auch, dass sich momentan viel tut: Die Elektromobilität entwickelt sich gut, Photovoltaik ist günstiger. Natürlich schaue ich gebannt nach Bern und hoffe, dass sich die Bundesversammlung bald berät in Sachen CO2-Gesetz. Unsere Verwaltung ist aktiv, die Massnahmen sind sehr konkret. Und auch gesellschaftlich ist die Bewegung zu spüren. So schöpfe ich immer wieder Zuversicht!

Jürgen Ragaller spricht in einem Video des Kantons Luzern über seinen Auftrag als Klimaexperte

Zur Person

Biologe und Ingenieur

Jürgen Ragaller hat nach der Maturität an der Universität Zürich Biologie studiert und seine Diplomarbeit im Bereich der Mikrobiologie geschrieben. Danach war er als Gymnasiallehrer tätig, gründete ein eigenes Unternehmen im Bereich Grafik und Design und begann, sich vermehrt für die Thematik der Energiewende zu interessieren. Weil er sich grundlegend mit Energietechnik und der Physik auseinandersetzen wollte, schrieb er sich 2011 für den damals ganz neuen Studiengang Energie- und Umwelttechnik an der FHNW ein. Er schloss 2015 ab und sagt über sein Studium in Windisch: «Hier habe ich mein Verständnis der technischen Grundlagen aufgebaut und die physikalischen Prinzipien verinnerlicht.»

Vom Fachspezialisten zum Klimaexperten

Nach seinem Studium war er beim Kanton Luzern als Fachspezialist Energie für Förderprogramme im Bereich erneuerbare Energien tätig. Ab 2017 übernahm er als Abteilungsleiter den Bereich Energie und Immissionen. Seit Mitte Februar 2020 ist er Klimaexperte des Kantons Luzern und hat in der Dienststelle Umwelt und Energie eine Stabstelle inne. Der Hauptfokus seiner Arbeit liegt derzeit in der Ausarbeitung eines Planungsberichts zur Klima- und Energiepolitik des Kantons Luzern mit rund 70 beteiligten Fachpersonen. Mit diesem Bericht soll aufgezeigt werden, mit welchen Massnahmen der Kanton Luzern seine Ziele in den Bereichen Klimaschutz und Klimaanpassung in den nächsten Jahren erreichen will.

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Veranstaltungshinweis

Jürgen Ragaller wird am 9. November an der FHNW zu Gast sein, am «Podium Interface mit ehemaligen Studierenden».

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