Seit Tagen brechen die Temperaturen einen Rekord nach dem anderen und Tropennächte reihen sich aneinander. Steigende Temperaturen sind jedoch nicht nur ein klimatisches, sondern auch ein soziales Problem. Das betont Prof. Dr. Christian Reutlinger, der an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW an den Instituten Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung sowie Soziale Arbeit und Gesundheit forscht. Längere Hitzeperioden belasten den Körper, schränken das soziale Leben ein – und treffen nicht alle Menschen gleich hart.
«Es gibt bestimmte Gruppen, die besonders betroffen sind – Menschen, die sich weniger zurückziehen können, die weniger Möglichkeiten haben sich abzukühlen», erklärt Reutlinger. Sozial benachteiligte Quartiere verfügen häufig über weniger Grünflächen, weniger schattige Orte und eine Bausubstanz, die Wärme speichert. Dazu kommen Menschen, die im Freien arbeiten oder keine eigene Wohnung haben. Die Hitze, so Reutlinger, mache soziale Ungleichheiten «nochmals viel stärker sichtbar».
Städtische Hitzeinseln und das Ende des Auto-Modells
Asphalt und Beton heizen sich auf und geben die Wärme langsam wieder ab – das macht Städte zu sogenannten «Hitzeinseln», in denen die Temperaturen deutlich höher liegen als im Umland. Reutlinger sieht darin das Ergebnis jahrzehntelanger Stadtplanung, die konsequent auf das Auto ausgerichtet war: «Wir haben Auto-Städte gebaut. Jetzt merkt man, dass dieses Modell an seine Grenzen kommt.» Die Antwort sei eine Stadtentwicklung, die vom Menschen ausgeht: begrünte Gebäude, entsiegelte Flächen, nutzbare Grünräume – nicht nur dekoratives Grün, sondern Orte, die Schatten spenden und Begegnung ermöglichen.
Hitze verändert das soziale Leben – und braucht neue Antworten
Dauerwärme über mehrere Wochen, so wie wir sie gerade erleben, führt laut Reutlinger zu Rückzug, Isolation und Einsamkeit – paradoxerweise genau dann, wenn soziale Verbundenheit besonders wichtig wäre. Als Reaktion brauche es sowohl kurzfristige Massnahmen wie Kühlinseln und geöffnete öffentliche Gebäude als auch langfristige Stadtumbauprojekte. «Die äusseren Bedingungen zwingen uns, Fragen zu stellen, die wir in den letzten Jahrzehnten nicht angetastet haben». Ein Beispiel aus seiner eigenen Forschung: In Basel – im St. Johann- und im Matthäusquartier – begleitet die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW aktuell zwei Superblock-Pilotprojekte, in denen Strassenräume vom Autoverkehr befreit und für das Quartiersleben geöffnet werden. «Das Quartier lebt, die Leute nutzen die Flächen», berichtet Reutlinger: ein ermutigender Ansatz für eine hitzeresistente Stadt der Zukunft.
Interview zum Thema

Ergänzende Perspektiven zum Thema Hitze bietet das beigefügte Interview mit dem Sozialraumforscher Christian Reutlinger. Die Inhalte des Interviews sowie einzelne Aussagen daraus stehen den Medien zur freien Verwendung im Rahmen der Berichterstattung zur Verfügung.
Tagung zum Thema
Wie Städte und Quartiere mit den Folgen des Klimawandels umgehen können, ist auch Thema der 8. Internationalen Tagung Soziale Arbeit und Stadtentwicklung. Unter dem Titel «Klimagerechtigkeit lokal gestalten» werden am 10. und 11. September 2026 in Muttenz Fragen rund um Hitze, soziale Gerechtigkeit und zukunftsfähige Stadtentwicklung diskutiert.
Kontakt

Prof. Dr. phil. habil. Christian Reutlinger
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