«Ansprechbar» - so heisst das neue Gesprächsangebot für Jugendliche und junge Erwachsene, das am 17. August in der Basler Markthalle an den Start geht. Sarah Bestgen, Dozentin am Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, hat das Format für Basel umgesetzt. Im Interview stellt sie das Projekt vor.

Worum geht es?
Die Ansprechbar ist ein neues Gesprächsangebot für junge Menschen. Um welche Gespräche geht es und was ist der Sinn des Projekts?
Es geht um eine Entlastung der bestehenden gesundheitlichen Versorgungsstruktur. Nicht in dem Sinn, dass wir schwere Fälle auffangen, die psychotherapeutische Unterstützung brauchen, sondern eher im Sinn von Prävention: dass man schon früh Hilfe bekommt, bevor es zu grösseren Problemen kommt. Die Ansprechbar soll eine Anlaufstelle sein, wo man jemanden findet, der oder die einem zuhört.
Die Triage ist ein weiterer Punkt: In der Ansprechbar schauen wir, ob das Reden schon reicht oder ob weiterführende, professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden könnte, beispielsweise einen Termin bei einer Schuldenberatung. Natürlich sorgen wir in kritischen Fällen – also wenn wir merken, dass jemand dringend Hilfe braucht – dafür, dass diese Hilfe schnell organisiert werden kann. Die Universitären Psychiatrischen Kliniken UPK sind stark in das Projekt involviert. Wir verstehen uns als Dreh- und Angelpunkt, wenn es weitere Hilfe braucht.
Wie funktioniert das Angebot?
Und wie läuft das Ganze ab?
Wir machen es an einer ganz konkreten Person fest: Nehmen wir an, eine Person ist 22, vielleicht im Studium oder in der Ausbildung, und hat gerade Liebeskummer. Vielleicht weiss siegerade nicht so recht, wohin mit sich. Vielleicht geht es ihr schon länger nicht so gut. Vielleicht macht sie sich auch Sorgen um etwas anderes, etwa um jemanden aus ihrem Umfeld, zum Beispiel weil diese Person sehr viel Alkohol konsumiert.. Sie weiss nicht so recht, wohin damit, und merkt auch, dass sie sich in ihrem Umfeld nicht so exponieren möchte – oder sie hat einfach keine Vertrauensperson oder findet bei ihr nicht die Worte, die sie sich gewünscht hätte. Dann hat die Person die Möglichkeit, am Montag-, Mittwoch- oder Freitagnachmittag einfach bei der Ansprechbar vorbeizugehen.
Vielleicht ist sie ein bisschen schüchtern, geht rein und schaut sich das erst mal von Weitem an. Es gibt dort im Finkmüller einen markierten Tisch – sie kann sich also einfach mal anschauen, was da so läuft. Im Normalfall sitzen dort drei Listener, also Leute zwischen 18 und 30, die für diese Aufgabe geschult wurden. Die empfangen die Person und sie kann, wenn sie möchte, ein Getränk bestellen – muss sie aber nicht. Sie können sich dann ein Plätzchen suchen und einfach reden, worüber sie will, und vor allem so lange sie will. Die Listener selbst bieten Gespräche an, und sollte es weiterführende Unterstützung brauchen, ist immer auch eine Fachperson anwesend, die hinzugezogen werden kann. Wenn die Person findet, mit dem Gespräch ist es gut, bitten wir sie, im Nachgang freiwillig einen kleinen anonymen Feedback-Fragebogen auszufüllen. Und dann kann die Person wieder gehen.
Wie kam es zum Projekt?
Vor welchem Hintergrund ist das Projekt entstanden?
2022 versuchte die Psychiatriekommission beider Basel zu identifizieren, wo in der Region Basel Versorgungslücken bestehen, und hat im Bereich Jugendliche und junge Erwachsene unter anderem einen Mangel an niederschwelligen psychosozialen Angeboten festgestellt. Man merkt einfach, dass die psychische Belastung bei dieser Bevölkerungsgruppe als sehr hoch eingeschätzt wird und man gerade bei den psychologischen beziehungsweise psychotherapeutischen Versorgungsangeboten an eine Kapazitätsgrenze stösst. Daraufhin hat man sich umgeschaut und gesehen, dass es verschiedene Angebote gibt, unter anderem das Projekt @ease in den Niederlanden: ein grosses, niederschwelliges, Peer-basiertes Gesprächsangebot. Dieses Projekt schien spannend und so hat sich dann die Psychiatriekommission beider Basel an unsere Hochschule gewandt, damit wir eine Umsetzung für Basel genauer abklären. So kam das Ganze ins Rollen, und wir haben 2024 eine Machbarkeitsstudie umgesetzt. Das niederländische Vorbildprojekt hatten wir dabei immer im Hinterkopf und haben ziemlich schnell festgestellt: Das können wir nicht einfach eins zu eins übernehmen, weil die Schweizer Strukturen in vielerlei Hinsicht anders sind.
Wir haben dann versucht, mit Personen aus der Praxis im Jugend- und Jung-Erwachsenenbereich zu sprechen – sowohl auf Kantonsebene als auch aus der NPO-Landschaft. Mit Stiftungen haben wir ebenfalls gesprochen und einfach versucht zu erkunden, wie ein realistisches Angebot aussehen könnte, das allen Ansprüchen gerecht wird. Daraus entstand ein Grobkonzept. Im nächsten Schritt haben wir Stiftungen angeschrieben, um Finanzierung gebeten und konnten so eine Erstfinanzierung sichern. Und nun sind wir am Ende der Aufbauphase und starten am 17. August in die Pilotphase.
Welche Motivation steckt dahinter?
Sie haben das Projekt für die Hochschule für Soziale Arbeit konzipiert. Was war Ihre Motivation und mit welchen Gedanken, vielleicht auch mit eigener Erfahrung, sind Sie in die Vorbereitung gegangen?
Ich erinnere mich daran, dass ich es einfach sehr spannend fand, so ein Angebot für den Raum Basel umzusetzen. Dadurch, dass ich selbst aus Basel komme, habe ich einen ganz persönlichen Bezug zum Projekt. Und ich habe Kinder, die – wenn sie in dem Alter sind – vielleicht auch einmal ein solches Angebot brauchen könnten. Zum einen war sicher ein ganzes Stück persönliche Motivation dabei.
Zum anderen bin ich in Basel relativ gut vernetzt, und zwar nicht nur, weil ich dort aufgewachsen bin, sondern auch, weil ich durch meine Tätigkeit in der Weiterbildung im NPO-Bereich viele Organisationen kenne. Das hilft, wenn man Leute wiedertrifft, etwa bei der Schulsozialarbeit oder in der Peer-Arbeit, die wir beim Projekt mit ins Boot geholt haben.
Und letztlich war es einfach fachlich extrem spannend: An der Hochschule im Schwerpunkt Sozialmanagement, dem ich angegliedert bin, wird man ja oft angefragt, Bestehendes zu evaluieren oder zu überprüfen oder einen Prozess zu begleiten. Manchmal darf man auch etwas initiieren, aber ich habe es noch nie erlebt, dass wir etwas wirklich von null an aufbauen dürfen. Das war ein riesiger Erfahrungsgewinn und sehr lehrreich. Ich bin selbst auch in verschiedenen Vorständen tätig, kenne die Vereinsarbeit und die strategische Seite also relativ gut. Aber diese operative Aufbauarbeit war neu für mich und hat mich extrem gereizt. Fachlich habe ich so viel Neues gelernt und bin sehr daran gewachsen. Ich hatte also durchaus einen persönlichen Gewinn dabei.

Wer hört zu?
In der Ansprechbar sollen sich junge Menschen von anderen jungen Menschen – den sogenannten «Listenern» – gehört fühlen. Woher kommen die Listener und was für einen Background haben sie? Braucht es eine spezielle Ausbildung?
Es können sich alle Personen zwischen 18 und 30 Jahren für die Arbeit als Listener melden. Voraussetzungen sind psychische Stabilität zum Zeitpunkt des Einsatzes, Empathiefähigkeit und ein grosses Interesse daran, in einem solchen Projekt mitzuwirken. Die Arbeit ist übrigens nicht ehrenamtlich, sondern vergütet – wir bezahlen einen Stundenlohn. Das ist übrigens anders als im Projekt in den Niederlanden: Es soll keine Freiwilligenarbeit sein, was der Rolle vielleicht einen etwas anderen Charakter gibt, aber vermutlich mehr Verbindlichkeit schafft.
Aktuell zeigt sich, dass sich vor allem Studierende melden, die aus Studiengängen kommen, in denen der Mensch im Zentrum steht. Übrigens ist es auch möglich, in bestimmten Studiengängen – etwa in der Sozialen Arbeit an der FHNW, aber auch im Psychologiestudium an der Uni Basel – durch die Mitwirkung bei der Ansprechbar ECTS-Punkte zu erwerben. Aber grundsätzlich steht die Arbeit als Listener allen Personen offen, welche die Voraussetzungen erfüllen. Es braucht kein Studium im Gepäck.
Bevor sie einen Einsatz machen können, werden die Listener von uns geschult. Das ist sehr wichtig, um die Qualität zu sichern und um sicherzustellen, dass die Standards eingehalten werden.
Wo kommt das Angebot an seine Grenzen?
Können in diesem Setting denn alle Probleme gelöst werden, mit denen die Jugendlichen kommen?
Probleme zu lösen ist, würde ich sagen, gar nicht das Ziel. Es geht darum, dass jemand da ist und zuhört. Vielleicht löst das schon ganz viel? Sicherlich nicht alles, aber es ist ein erster Schritt. Im Zentrum steht einfach das Angebot, dass jemand da ist, wenn man etwas braucht. Und zwar dort, wo es in den bestehenden Strukturen nicht oder nicht ausreichend vorhanden ist. Dieses Setting soll bestärken, dass man nicht allein ist, es soll eine Bestärkung sein, dass man jederzeit eine Ansprechperson oder eine Anlaufstelle hat.
Im Gespräch geht es für die Listener natürlich auch darum, mit der Person zu schauen: «Was ist deine Rolle? Wie kann man dich stärken? Wie kannst du gut auf dich schauen?» Das Anliegen ist überhaupt nicht, einfach zu vermitteln oder irgendwohin weiterzuleiten – ausser die Person möchte das, dann schaut man sich das natürlich gemeinsam an. Aber wenn jemand kommt und sagt, «hey, meine Freundin konsumiert etwas, das macht mir Sorgen», geht es darum, zu fragen: «Wie geht es dir damit, wie kannst du dich allenfalls abgrenzen? Und was brauchst du in deiner Situation?»
Was passiert jetzt und später?
Die Ansprechbar ist jetzt auf zwei Jahre geplant. Was passiert in diesem Zeitraum und wie geht es danach weiter?
Im Moment ist es mir sehr wichtig, dass alle wissen, dass es das Angebot gibt – aktuell ist das die zentrale Herausforderung. Und in diesen ersten zwei Jahren geht es dann darum, die Strukturen auszubauen und zu schauen, ob die Resonanz so ist, wie man sie sich vorstellt, und ob das Projekt künftig auch in die Angebotslandschaft integriert werden soll.
Wir hoffen auf weitere Stiftungsfinanzierung, denn noch ist die gesamte Finanzierung nicht gesichert. Aber wenn alles gut läuft, können wir das Angebot in zwei Jahren in den Regelbetrieb überführen und der Verein Ansprechbar agiert dann autonom, führt das Angebot und entwickelt es je nach Bedarf weiter. Beim niederländischen Vorbild war es übrigens so, dass die ersten Wochen eher ruhig waren und das Ganze dann langsam angelaufen ist. Das heisst für uns: In der ersten Zeit müssen wir sicher ein bisschen durchhalten.
Wie sieht die Vision für die Zukunft aus?
Zum Schluss noch der visionäre Blick ins Jahr 2035. Was ist die Ansprechbar dann?
Es wäre toll, wenn es 2035 ganz normal ist, dass es dieses Angebot gibt. Im Idealfall sind wir dann in der Weiterentwicklung.
Wenn ich mir das Ganze mal visionär vorstelle, haben wir das Angebot in zwei Jahren etabliert, in eine Regelstruktur überführt und vervielfacht. Und es wird dann nicht mehr nur ein Angebot in Basel sein, sondern eines, das in weiteren Schweizer Städten etabliert ist. Vielleicht entstehen in diesem Zusammenhang sogar auch neue Gremien oder ein neuer Austausch, sodass das Ganze noch eine etwas andere Gestaltungsmacht bekommt. Oder es gibt vielleicht sogar einen Dachverein? Also nicht mehr eine einzelne, autonome Ansprechbar, sondern eine „Ansprechbar Schweiz“, mit der dann verschiedene Hochschulen kooperieren, in die die Forschung ganz anders eingebunden sein kann und dank derer man anders mit Partnern aus dem Gesundheitsbereich zusammenarbeitet. Ich glaube, in der Ansprechbar steckt sehr viel Potenzial, das man in den nächsten Jahren mitgestalten kann.
Und vielleicht können wir die Klammer auch noch weiter aufmachen? Wir schaffen jetzt das Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene und wünschen uns so etwas vielleicht auch einfach für alle! Wenn wir unsere Gesellschaft anschauen und vermehrt über Vulnerabilität sprechen, wäre es vielleicht schön, eine Ansprechbar zu haben, die nicht altersbegrenzt ist. Übrigens gab es schon in der Phase der Machbarkeitsstudie die Diskussion, ob man so etwas nicht auch für die breite Bevölkerung aufbauen möchte. Vielleicht dauert es noch ein Weilchen, bis man das weiterverfolgen kann, aber ich bin jedenfalls extrem gespannt, was da noch kommt.
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Sarah Bestgen
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