Während zwei Monaten war Prof. Dr. Jibril Gabriel Solomon als Gastdozent an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW tätig. Im Interview spricht er über prägende Begegnungen, neue Perspektiven auf die Schweiz und darüber, wie aus seinem Aufenthalt konkrete Ideen für internationale Zusammenarbeit entstanden sind.

Gabriel, deine zwei Monate an der FHNW gehen langsam zu Ende. Wie fühlst du dich?
Ich fühle mich sehr gut. Diese Erfahrung hat mir ein viel tieferes Verständnis für die Schweiz vermittelt – nicht nur als Land, sondern als Ort, der von seinen Menschen, seiner Kultur und seinen professionellen Praktiken geprägt ist. Ich konnte Städte wie Zürich, Bern, Luzern und Genf bereisen und mich mit Wissenschaftler*innen, Fachpersonen und Menschen aus dem Alltag austauschen. Es war eine sehr wertvolle Lernerfahrung, insbesondere im Hinblick auf die Soziale Arbeit hier – nicht nur als Studienfach, sondern als gelebte Praxis.
Vor zwei Monaten hast du gesagt, dass du dich persönlich und beruflich weiterentwickeln und bedeutungsvolle Beziehungen aufbauen möchtest. Wie würdest du das heute beantworten?
Das ist definitiv eingetreten. Persönlich hat sich meine Wahrnehmung der Schweiz stark verändert. Vor meiner Ankunft hatte ich eher eine touristische Sicht – schöne Landschaften, Wohlstand und Stabilität. Das Leben hier hat mir eine komplexere Realität gezeigt: kulturelle Vielfalt, soziale Herausforderungen wie Armut und Obdachlosigkeit sowie die Alltagsrealitäten von Menschen, die man von aussen oft nicht sieht.
Beruflich habe ich wertvolle Beziehungen aufgebaut – zu Kolleg*innen, Studierenden und weiteren Personen –, die, davon bin ich überzeugt, über meinen Aufenthalt hinaus bestehen bleiben werden.
Du hast deinen Aufenthalt als Beginn einer längerfristigen Zusammenarbeit beschrieben. Ist diese Vision konkreter geworden?
Ja, auf jeden Fall. Ich war in mehrere Lehrmodule eingebunden und habe viele Gespräche über zukünftige Kooperationen geführt – etwa zu Forschungsprojekten, Studierendenaustausch und gemeinsamen Programmen. Es gibt bereits konkrete Schritte: Studierende der FHNW interessieren sich für einen Aufenthalt an meiner Universität in Massachusetts, und Studierende aus den USA prüfen Möglichkeiten, hier zu studieren. Zudem diskutieren wir die Organisation einer Studienreise.
Du hast mögliche gemeinsame Projekte angesprochen – kannst du uns einen Einblick geben?
Derzeit laufen mehrere Initiativen. Gemeinsam mit Kolleg*innen arbeite ich daran, das Solidarity Research Network auf Nordamerika auszuweiten. Ausserdem sprechen wir über Nachhaltigkeitsprojekte, darunter ein mögliches Sommerprogramm, an dem Studierende beider Institutionen teilnehmen könnten.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Suizidprävention und -intervention. In den USA gibt es in diesem Bereich langjährige Erfahrung, und ich hoffe, Modelle, Workshops und Lehrkonzepte einbringen zu können, die sich hier adaptieren lassen.
Du hast dich selbst als „Scholar Adventurer“ bezeichnet. Wie hat diese Erfahrung deine Denk- oder Lehrweise verändert?
Sie hat einen grossen Einfluss gehabt. Eine zentrale Erkenntnis ist, dass Soziale Arbeit immer vom jeweiligen Kontext geprägt ist – kulturell und gesellschaftlich. Im Gegensatz zu Disziplinen mit festen Formeln muss sie sich an lokale Gegebenheiten anpassen.
Zu sehen, wie unterschiedlich Praktiken selbst zwischen Schweizer Städten sind, hat diese Einsicht für mich noch verstärkt. Diese Perspektive werde ich in die USA mitnehmen, wo wir ebenfalls mit sehr diversen Bevölkerungsgruppen arbeiten. Die Erfahrung hat bestätigt, dass Soziale Arbeit immer kontextbezogen gedacht werden muss – unabhängig vom Land.
Wie unterscheidet sich die Arbeit mit Studierenden hier von deinen Erfahrungen in den USA?
Es gibt klare Unterschiede. In den USA ist der Unterricht oft von Debatten geprägt – Studierende hinterfragen aktiv Ideen, und das ist ein zentraler Teil des Lernprozesses. Hier ist das Format stärker strukturiert: auf eine Vorlesung folgt eine Diskussion.
Beeindruckt hat mich die Tiefe dieser Diskussionen. Die Studierenden haben sich sehr reflektiert eingebracht, und viele haben den Austausch im Anschluss per E-Mail weitergeführt. Dieses Engagement über den Unterricht hinaus war eine sehr positive Überraschung.
Du hast gesagt, neue Erfahrungen seien essenziell für das Menschsein. Was hast du in diesen zwei Monaten über dich selbst gelernt?
Ich habe ein stärkeres Bewusstsein für mein eigenes Lebenstempo entwickelt. In den USA ist vieles sehr schnell. Hier verläuft vieles ruhiger, was mich dazu gebracht hat, bewusster mit meiner Zeit umzugehen – etwa in der Planung, in der Reflexion und beim Setzen von Prioritäten.
Zudem habe ich erlebt, wie leicht bedeutungsvolle menschliche Verbindungen entstehen können. Ich habe nicht nur an der Hochschule Freundschaften geschlossen, sondern auch im Alltag in Basel. Selbst kleine Begegnungen – etwa Gespräche im Supermarkt – haben mir gezeigt, wie universell menschliche Verbundenheit ist.
Gab es einen Ort in der Schweiz, der dich besonders beeindruckt hat?
Bern. Ich habe sofort eine Verbindung gespürt – vielleicht wegen der Kombination aus Natur, dem Fluss und der historischen Architektur. Die Stadt strahlt eine Ruhe aus, die mich sehr angesprochen hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dort zu leben.
In einem Satz: Wie würdest du deine Zeit an der FHNW zusammenfassen?
Es war eine bereichernde Lernerfahrung – akademisch, beruflich und persönlich – und eine Zeit, die spannende Perspektiven für zukünftige Zusammenarbeit eröffnet hat.
Was würdest du dir wünschen, wenn du zurückkommst?
Ich hoffe auf eine stärkere internationale Zusammenarbeit – insbesondere auf ein erweitertes Solidarity Network, das Europa und Nordamerika verbindet. Ausserdem wünsche ich mir einen aktiven Austausch von Studierenden und Dozierenden sowie mehr gemeinsame Forschungsprojekte.
Letztlich geht es darum, Menschen zu verbinden, Wissen zu teilen und die Soziale Arbeit gemeinsam weiterzuentwickeln.
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