Innovationskraft und Entwicklung eines Unternehmens hängen vom Engagement und dem Wohlbefinden seiner Mitarbeitenden ab. Einsichten zur Zufriedenheit liefert eine Mitarbeitendenbefragung. Sie hilft, die eigenen Ansprüche an Kultur und Werte mit der Arbeitsrealität in Einklang zu bringen und auf neue Entwicklungen zu reagieren. Wir haben mit der Oeko Service GmbH über ihre Zusammenarbeit mit der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW bei der Mitarbeitendenbefragung gesprochen.

In Zürich Altstetten, am Rande einer Wohnsiedlung und direkt neben dem Depot eines grossen Bauunternehmens hat die Oeko Service GmbH ihren Hauptsitz. Die Lage passt zum Unternehmen. Als Integrationsbetrieb beschäftigt es Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, verbindet wirtschaftliche Aufträge mit sozialer Orientierung und ökologischem Bewusstsein. Vor 18 Jahren begann das Unternehmen mit 13 Mitarbeitenden. Heute arbeiten 120 Personen an 5 Standorten bei der Oeko Service GmbH.
«Hätten wir eigentlich nie gedacht, dass es so kommt», sagt Geschäftsführer Antonio Gagliardi, «Wir sind stark gewachsen, auch natürlich dank unseren Mitarbeitenden, die jeden Tag kommen und zuverlässig ihre Arbeit machen». Das Wachstum zeigt, dass die Idee des Unternehmens auf Anklang stösst: umweltschonende Dienstleistungen rund um Liegenschaften, Logistik und Administration vereint mit Arbeitschancen für Menschen mit Beeinträchtigungen.

In der Entwicklung gab es immer wieder Herausforderungen, nicht zuletzt bei der Führung der Mitarbeitenden. Als integrativer Betrieb kommen Bedürfnisse zusammen, die teils sehr unterschiedlich sind. Gleichzeitig sind die Mitarbeitenden die wichtigste Ressource für die gelungene Weiterentwicklung. «Meine Idee war immer, die Menschen mit einer Beeinträchtigung sollen sich an Mitarbeitenden ohne Beeinträchtigung orientieren und im besten Fall die Leistung steigern oder die Fachkenntnisse erweitern», sagt Antonio Gagliardi, «Ich musste feststellen, dass die Entwicklung in die Gegenrichtung ging. Dass sich die Mitarbeitenden ohne Beeinträchtigung an die Leistung der Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung anpassten. Als ich das merkte, musste ich sagen, das ist ein Führungsthema».
Für Antonio Gagliardi ist klar, dass Führungspersonen hier deutlich, aber wohlwollend kommunizieren müssen, immer auf Augenhöhe. Dazu zählt, dass Mitarbeitende ebenso ihre Ansprüche und Vorstellungen in Bezug auf ihren Arbeitsplatz äussern können, besonders auch Menschen mit einer Beeinträchtigung. «Man nimmt Mitarbeitende ernst, wenn sie ein Anliegen haben, egal, was es für ein Thema ist», sagt Antonio Gagliardi. Aber wer äussert schon spontan einen Missstand? Und selbst wenn, wird das Bedürfnis an die richtige Stelle getragen? Und wie kann eingeschätzt werden, ob es ein persönliches Anliegen ist oder eine breit geteilte Meinung? Bedürfnisse von Mitarbeitenden ernsthaft und gewinnbringend einzuholen ist nicht einfach. Deswegen wurde bei der Oeko Service GmbH von Anfang an eine Mitarbeitendenbefragung durchgeführt.
Schluss mit Excel: Befragung professionell gestalten
Die Befragung, die zunächst durchgeführt wurde, hat die Geschäftsleitung selbst gemacht. Sie sollte einfach und verständlich sein und enthielt Fragen wie «Wie kommen sie mit ihren Vorgesetzten aus? Hat ihre Vorgesetzte Zeit? Sind sie mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden? Gibt es etwas, das sie sonst noch mitteilen möchten?» Die Ergebnisse wurden damals noch von Hand in einer Excel-Tabelle ausgewertet. Die Ergebnisse waren gut: knapp 90% der Mitarbeitenden waren zufrieden. Aber die guten Ergebnisse machten stutzig. Stimmen die Zahlen wirklich? Die Glaubwürdigkeit der Mitarbeitendenbefragung wurde angezweifelt, nicht zuletzt von der Geschäftsleitung selbst. «Das kann doch nicht sein, dass alle zufrieden sind», sagt Antonio Gagliardi, «Da musste ich sagen, dann geben wir es doch auswärts».
Seit 2023 begleitet die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW das Unternehmen bei dieser Aufgabe. Mit dem Wechsel änderte sich auch einiges an Form und Inhalt der Befragung. Es kamen Themen hinzu, die viel mit der Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu tun haben, aber bei den Mitarbeitenden vielleicht nicht damit in Verbindung gebracht werden. Dazu zählen beispielsweise Fragen im Bereich Gesundheit oder Fragen in Bezug auf das Soziale. «Es passiert ja nicht nur im Betrieb etwas. Es gibt ganz viele Einflussfaktoren, die wir auffangen müssen, die im Privaten passieren. Personen mit Erkrankungen, die man als Betrieb unterstützen muss, mit gemeinsamen Zielen», sagt Antonio Gagliardi.

Die neue Mitarbeitendenbefragung setzt auf etablierte Konzepte und Instrumente aus der Forschung. «Heute sind Befragungen nicht mehr nur auf den engen Bereich der betrieblichen Tätigkeit fokussiert.» sagt Lorenz Jonas Meyer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, «Damit rücken zum Beispiel Themen wie Vereinbarkeit und Familie in den Fokus». Gleichzeitig gilt es bedenken, was bei der Zusammenarbeit, der Führung und den Werten möglich ist: «Zuerst geht es darum, die Bedürfnisse des Betriebes kennenzulernen» sagt Lorenz Jonas Meyer. All dies, ergänzt mit Fragen zur Innovationsfähigkeit des Unternehmens sowie organisationsspezifischen Fragen, bildet die Grundlage der Befragung – immer mit Blick auf die zukünftige Entwicklung des Betriebs.
Neben neuen Themen gab es mit dem neuen Fragebogen kleinere Veränderungen bei Details. «Sind sie mit dem Lohn zufrieden? So eine Frage hatten wir drin. Logisch, dass jeder nein sagt», erklärt Antonio Gagliardi. «Das ist ein Paradebeispiel von Rückmeldungen der Fachhochschule. Es geht oft darum, wie man eine Frage anders formulieren könnte, damit man gezielter Rückmeldungen bekommt». Aber der Fragebogen wurde an anderen Stellen auch komplexer, was für einen integrativen Betrieb eine besondere Herausforderung ist. Deswegen werden die Mitarbeitenden beim Ausfüllen von der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW begleitet. Sie können Verständnisfragen stellen oder bei Problemen Hilfe holen. «Jetzt wollen wir diese Befragung noch von der FHNW in Leichte Sprache übertragen lassen», sagt Antonio Gagliardi.
Von der Mitarbeitendenbefragung zu Verbesserungen: Löhne, Kultur und Zukunftssorgen
Und die Ergebnisse? Aus einer Befragung leitet die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Handlungsempfehlungen ab. Diese werden in der Geschäftsleitung diskutiert, bevor sie an einem Anlass den Mitarbeitenden vorgestellt werden. Hier gibt es nochmals Gelegenheit Stellung zu nehmen. «Immer kommt die Frage, bis wann wird das umgesetzt?», sagt Antonio Gagliardi, «Es wird eine gewisse Verbindlichkeit erwartet. Wir terminieren das und sagen, bis dann und dann werden wir es umsetzen».
Ein Beispiel betraf die Löhne der Lernenden. Im Austausch untereinander bemerkten die Lernenden, dass ihre Löhne sehr unterschiedlich sind, was verständlicherweise Missmut auslöste. Nun ist es so, dass die Oeko Service GmbH Lernende in verschiedenen Ausbildungsbereichen beschäftigt. Je nach Branche gibt es grosse Unterschiede bei den Löhnen, die von den Dachverbänden als Richtlinien festgelegt werden. Lernende als Velomechaniker*in verdienen deutlich weniger als Lernende der Gebäudereinigung. Diese Rückmeldung wurde als Anstoss genommen, nach Lösungen zu suchen: Einerseits zeigte sich, dass ein Teil der Lernenden mit IV, Anspruch auf Ergänzungsleistungen hätte. Andererseits gelang es dem Unternehmen die Löhne der Lernenden zukünftig stärker aneinander anzugleichen, ohne einen Konflikt mit den Branchenverbänden zu riskieren. «Das Resultat dieser Umfrage zwingt einen dazu zu überlegen, wie man etwas verbessern kann, auch wenn es für den Betrieb nicht ideal ist. Für die Betroffenen ist das super, sie haben ein paar hundert Franken mehr».
Ein zweites Beispiel betraf die Unternehmenskultur und -identifikation und den Umgang miteinander. «Eine kritische Stimme war «die Geschäftsleitung sei abgehoben», sagt Antonio Gagliardi, «Vielleicht bin ich zu weit weg. Wir sind gross geworden, ich kann mich nicht mehr um alle kümmern. Aber es hat mir gezeigt, dass ich mich wieder viel mehr im Betrieb zeigen muss». Gerade bei den Lernenden ist dies eine Herausforderung. Eine EBA-Ausbildung dauert nur zwei Jahre, in dieser Zeit ist es schwierig eine Identifikation mit dem Betrieb aufzubauen. Die abgeleitete Konsequenz war, dass der Beziehungsaufbau zwischen Lernenden und Führungspersonen schneller geschehen muss. Aber nicht für alles braucht es eine einheitliche Lösung. Bei der Frage nach dem «Du/Sie» zeigte sich, dass die unterschiedlichen Arbeitsbereiche ihre eigenen Wege gehen sollten: «Das Thema Kultur mit Du und Sie hören wir nicht mehr», sagt Antonio Gagliardi.
Zufrieden in die Zukunft: eine gemeinsame Weiterentwicklung
Rückblickend war der Wechsel zur Zusammenarbeit bei der Mitarbeitendenbefragung mit der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW für die Oeko Service GmbH ein Erfolg. «Ich glaube, die Zufriedenheit hat sich sogar noch gesteigert. Das Beste, was ich machen konnte, war, dass ein externer Partner die Befragung macht».

Die professionelle Zusammenarbeit hat noch einen weiteren Vorteil. Die Ergebnisse helfen nicht nur dem eigenen Betrieb, sondern fliessen (anonymisiert) in weiterführende Forschung zu Arbeitsintegrationsbetrieben ein. Damit leisten Unternehmen einen wichtigen Beitrag die Situation für Menschen mit Beeinträchtigungen auch über ihre eigenen Tätigkeiten zu verbessern. Gerade jetzt entsteht mit INNOVEO ein neues Austauschgefäss und Netzwerk für Betriebe der Arbeitsintegration und darüber hinaus, wo neuste Entwicklungen und Erfahrungen geteilt werden können.
Für die Oeko Service GmbH bleibt die Mitarbeitendenbefragung auch in Zukunft ein Instrument, um neue Entwicklungen im Betrieb frühzeitig zu erkennen und ihnen damit proaktiv begegnen zu können. Ein mögliches nächstes Thema steht bereits am Horizont: «Letztens ist ein Lernender zu mir gekommen mit einem Bericht, alles mit KI-Abfragen gemacht, ohne nochmals selbst zu überlegen», erzählt Antonio Gagliardi, «Wie können wir jungen Leuten aufzeigen, dass sie nicht eins zu eins das übernehmen sollten? Das ist eine grosse Schwierigkeit». Das Thema KI betrifft Zusammenarbeit, Führung und Werte eines Unternehmens. Welche Einstellung Mitarbeitende zu KI haben und wie sie sich auf die Zufriedenheit im Betrieb auswirkt, wird ein Thema bleiben. Mit der Mitarbeitendenbefragung ist bereits ein Instrument da, um diese Fragen anzugehen.
Welche Bedürfnisse gibt es in Ihrem Betrieb?
Wenn Sie Interesse haben, Ihre Mitarbeitendenbefragung zu überarbeiten oder neu eine einzuführen, können Sie hier mit uns in Kontakt treten. Wir sind gespannt, gemeinsam mit Ihnen mehr über Ihren Betrieb zu erfahren:
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Lorenz Jonas Meyer
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