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Was professionelle Beratung wirklich bedeutet, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

30.6.2026 – Hochschule für Soziale Arbeit, Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement


Wer sich «Beraterin» oder «Berater» nennt, braucht in der Schweiz und in Deutschland keine spezifische Qualifikation. Der Begriff ist nicht geschützt. Doch was sollte jemand wirklich können, die oder der professionell berät? Martina Hörmann und Minnie Silfverberg vom Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement haben im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) eine Kompetenzsynopse für einen Qualifikationsrahmen Beratung entwickelt – eine strukturierte Zusammenstellung zentraler Beratungskompetenzen. Im Gespräch erklären sie, was professionelle Beratung ausmacht und weshalb dieser Rahmen wichtig ist.

  • Story
Martina Hörmann und Minnie Silfverberg im Gespräch
Martina Hörmann und Minnie Silfverberg im Gespräch

Beratung ohne Ratschlag

Was genau ist professionelle Beratung?

Martina Hörmann (MH): Im Alltag verstehen wir unter Beratung genau das: jemandem einen Rat geben. Doch in der professionellen Beratung geht es nicht darum, dem Gegenüber eine «fertige» Lösung zu nennen. Wichtig ist es einen guten Prozess so zu gestalten, dass die Person zu einer eigenen tragfähigen Lösung findet. Oder anders gesagt: Professionelle Beratung ist auch ein «Sich-Beraten». Mehrere setzen sich zusammen und begeben sich gemeinsam auf den Weg.

Minnie Silfverberg (MS): Lernfähigkeit und Reflexivität sind dabei zentral. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Jeder Mensch ist der Experte seiner eigenen Lebenswelt. Meine Aufgabe als Beraterin ist es, diesen Weg zu begleiten – nicht, ihn vorzugeben.

Weshalb braucht es einen Qualifikationsrahmen?

MH: Die Bezeichnung Beraterin oder Berater ist nicht geschützt ist. Jede Person kann sich so nennen. Deshalb ist es wichtig Klarheit für Ratsuchende im Dschungel der vielen Anbieter zu geben.

MS: Genau deshalb ist dieses Projekt zukunftsweisend. Ein Qualifikationsrahmen schafft Orientierung. Er definiert, was professionelle Beratung von nicht qualifizierter Beratung unterscheidet. Und er legt die Grundlage für ein Ausbildungscurriculum.

MH: Hinzu kommt ein gesellschaftliches Wahrnehmungsproblem: Beratung wird oft übersehen. In der öffentlichen Diskussion scheint es häufig nur Psychotherapie zu geben. Dabei gibt professionelle Beratung niederschwellig und unkompliziert Hilfe und Unterstützung, oft genau dort wo die Menschen sie benötigen. Beratung ist ein eigenständiges Feld mit spezifischen Kompetenzen. Dies soll ein Qualifikationsrahmen Beratung sichtbar machen.

Wie seid ihr in diesem Projekt vorgegangen?

MH: Die DGfB hatte die Idee, einen nationalen Qualifikationsrahmen für Beratung zu entwickeln. Wir haben auf den Daten eines Vorläuferprojekts aufgebaut und daraus ein Modell entwickelt. Dieses sollte die Frage beantworten: welche Kompetenzen braucht es für eine professionelle Beratungsperson?

MS: Wir hatten rund 790 Items zur Frage – Was umfasst Beratungskompetenz? – aus verschiedenen Mitgliedsverbänden der DGfB – von einzelnen Begriffen wie «Reflexionsfähigkeit» bis hin zu ausformulierten Beschreibungen. Diese haben wir sortiert, thematisch codiert und auf Kompetenzen fokussiert, die beratungsansatzübergreifend gelten.

MH: Im nächsten Schritt haben wir verschiedene Beratungstheorien hinzugezogen. Was sagen Lehrbücher über professionelle Beratung? Eine breit besetzte Projektgruppe mit Professor*innen und Verbandsvertreter*innen hat gemeinsam Formulierungen entwickelt und diskutiert – so lange, bis alle mitgehen konnten. Im November 2025 wurde das Herzstück des Kompetenzmodells «professionelles Handeln» von der DGfB verabschiedet. Ein gemeinsames Modell, das von allen getragen wird.

Die grösste Herausforderung dabei?

MH: So unterschiedliche Verbände dazu zu bringen, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen.

MS: Und das bei sehr klar positionierten Fachleuten. Eine der intensivsten Debatten drehte sich um eine scheinbar simple Frage: Wie nennen wir die Person, die beraten wird? Klient bzw. Klientin? Ratsuchende? Nutzende? Im Begriff selbst steckt bereits eine Haltung. Am Ende haben wir uns auf einen Doppelbegriff geeinigt: «das Gegenüber / die*der Klient*in». Es brauchte Kompromissbereitschaft von allen Seiten.

Das entstandene Modell beschreibt Handlungskompetenzen in mehreren Bereichen: Beratungsbeziehungen gestalten, Aufträge klären, angemessen kommunizieren, methodisch arbeiten. Es geht aber bewusst darüber hinaus.

MH: Das Modell bildet auch ab, dass gesellschaftliche Rahmenbedingungen eine Rolle spielen. Es macht einen Unterschied, ob ich eine geflüchtete Person berate oder jemanden in der Suchtberatung. Ob Beratung freiwillig oder unfreiwillig stattfindet, erfordert andere Kompetenzen. Unser Modell bildet das mit vier weiteren Kompetenzbereichen ab.

Das Modell unterscheidet ausserdem zwischen Wissen, Können und Haltung. Bisher ist vor allem das professionelle Handeln ausformuliert. Wissen und Haltung folgen im nächsten Projektteil.

Professionalisierung weiterdenken

Ausblick: Was kommt als Nächstes?

MH: Die nächsten Schwerpunkte sind: Haltung, Wissen – und die digitale Dimension. Alle Kompetenzen sollen sowohl für analoge als auch für digitale Beratung beschrieben werden. Ob und wann das umgesetzt werden kann, hängt von der Finanzierung ab. Gelingt es, könnten die 26 Verbände ihre Ausbildungscurricula am Modell ausrichten. Und es könnte ein Gütesiegel entstehen, das Weiterbildungen zertifiziert.

MS: Aus Schweizer Perspektive: Als Berufs- und Studienlaufbahnberaterin habe ich einen gesetzlich geschützten Titel. Nur wer diesen Abschluss hat, darf in einem kantonalen BIZ arbeiten. Das setzt ein klares Kompetenzprofil voraus. Das ist Professionalisierung – und sie kann einen echten Marktvorteil bedeuten. Genau das könnte dieses Modell längerfristig auch für andere Beratungsfelder leisten.

Zum Schluss: Was macht für euch persönlich eine gute Beratung aus?

MS: Ganz einfach: das Gefühl, wirklich gehört zu werden. Dass die Ausgangslage erst vollständig aufgenommen wird, bevor etwas gesagt wird.

MH: Für mich ist gute Beratung, wenn sich jemand Zeit nimmt zum Zuhören – wirklich zuhört – und dann mehrere Optionen mit mir zusammen anschaut, damit ich eine passende Lösung finden kann, ganz ohne vorschnelle Ratschläge.

Mehr Informationen zum Projekt (IRF)

Kompetenzsynopse für einen Qualifikationsrahmen Beratung (Teilprojekt 2) im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Beratung DGfB

Kontakt

Martina Hörmann

Prof. Dr. Martina Hörmann

Dozentin, Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Telefon
+41 62 957 20 73
E-Mail
martina.hoermann@fhnw.ch
Minnie Silfverberg

Minnie Silfverberg

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Telefon
+41 62 957 24 17
E-Mail
minnie.silfverberg@fhnw.ch

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