Fernwärme – ein wichtiger Faktor für die Energiewende
Wie plant man die Wärmeversorgung der Zukunft? In einer Projektarbeit für einen Kunden analysierten Studierende der FHNW den Schweizer Markt für Fernwärme-Übergabestationen. Dabei zeigte sich: Hinter der Energiewende steckt weit mehr als Technik allein.

Fernwärme gibt es in der Schweiz schon lange. Vor knapp 100 Jahren entstand an der Josefstrasse in Zürich die erste Fernwärmeanlage. Anders als in anderen europäischen Ländern blieb Fernwärme in der Schweiz aber lange ein Nischensystem. Die breite Wärmeversorgung erfolgte überwiegend über individuelle Öl- und später Gasheizungen. Erst mit der Energiewende gewann der Ausbau von Fernwärmenetzen stark an Dynamik.
In vielen Schweizer Städten entstehen momentan neue Fernwärmenetze. Basel-Stadt beispielsweise verfolgt schon seit Jahren eine konsequente Dekarbonisierungsstrategie. Dieses Jahr ist auch Basel-Land nachgezogen. Seit Januar 2026 dürfen hier auch in bestehenden Gebäuden fossile Heizung grundsätzlich nur durch ein Heizsystem mit erneuerbarer Energie ersetzt werden. In dichtbebauten Siedlungsgebieten sind Fernwärmenetze eine Möglichkeit, die Wärmeversorgung ohne Fossile zu leisten.
Gemäss der Energiewerke der Stadt Zürich (ewz) liesse sich deshalb die Wärmeproduktion der Fernwärme von heute rund 8 TWh auf bis zu 18 TWh pro Jahr steigern.
Doch wie gross ist das Marktpotenzial der Fernwärme wirklich? Diese Frage wollten wir, eine Gruppe von EUT-Studierenden an der FHNW, klären. Wir untersuchten den Markt für Fernwärme-Übergabestationen. Den Auftrag dazu erhielten wir von Stiebel Eltron Schweiz, einem Unternehmen, das Wärmepumpen vertreibt und entsprechende Systeme plant, in Betrieb nimmt und wartet. Die Verbindung zu unserem Projekt liegt in der Gebäudetechnik: Sowohl Wärmepumpen als auch Fernwärmenetze versorgen Gebäude mit Wärme und arbeiten dabei mit Wärmetauschern, um die Energie effizient in das Heizsystem zu übertragen.
Was ist eigentlich ein Fernwärmenetz?
Fernwärme bedeutet, dass Wärme zentral erzeugt und über ein Rohrnetz in Form von heissem Wasser oder Dampf zu Gebäuden transportiert wird. Die Gebäude beziehen die Wärme über eine Übergabestation für Heizung und Warmwasser.
Typische Wärmequellen und Netzarten sind:
- fossile Netze (Gas, Öl)
- erneuerbare Netze (Holz, Geothermie)
- Abwärmenetze

Fernwärme ist weniger eine einzelne Technologie als ein Versorgungssystem, das unterschiedliche Wärmequellen mit vielen Verbrauchern verbindet.
Verschiedene Kunden können mit Fernwärme versorgt werden: Wohn- und Dienstleistungsgebäude, aber auch Industrie. Je nach Wärmebedarf braucht es verschiedene Vorlauftemperaturen. Entsprechend gibt es Nieder-, Mittel-, und Hochtemperaturnetze. Moderne Fernwärmenetze tendieren zu tieferen Temperaturen, weil Gebäude effizienter werden und dadurch weniger hohe Heiztemperaturen benötigen.
Obwohl Fernwärmenetze sehr unterschiedlich aufgebaut sein können, funktioniert der Anschluss beim Kunden meist nach demselben Prinzip: Über eine Übergabestation wird die Wärme aus dem Netz an das gebäudeeigene Heiz- und Warmwassersystem übertragen.
Vom Endenergieverbrauch zur Anzahl Übergabestationen
Für unsere Untersuchung zum zukünftigen Marktpotenzial von Fernwärme-Übergabestationen stützten wir uns auf die „Energieperspektiven 2050+“ des Bundes. Diese Szenarien zeigen, wie sich die Energieversorgung der Schweiz in Zukunft entwickeln könnte – und welche Rolle Fernwärme dabei spielt.
Je nach Szenario wächst die Fernwärme unterschiedlich stark. In manchen Entwicklungen bleibt ihr Anteil eher klein, in anderen wird sie zu einem wichtigen Pfeiler der Wärmeversorgung im Gebäudebereich. Genau daraus ergab sich unsere zentrale Frage: Was bedeutet dieser Ausbau konkret für die Anzahl benötigter Übergabestationen?

Die Herausforderung dabei: Nicht jedes Gebäude verbraucht gleich viel Wärme. Ein Mehrfamilienhaus benötigt deutlich mehr Energie als ein Einfamilienhaus – trotzdem reicht pro Gebäude meistens eine Übergabestation. Um realistische Abschätzungen machen zu können, haben wir deshalb zwischen Mehrfamilienhäusern sowie Ein- und Zweifamilienhäusern unterschieden und deren durchschnittlichen Wärmeverbrauch separat betrachtet. Dadurch konnten wir abschätzen, wie stark die Zahl der Übergabestationen in den verschiedenen Zukunftsszenarien wachsen könnte.
Allerdings unterscheidet sich der Anteil der Fernwärme in den verschiedenen Szenarien der Energieperspektive erheblich. In manchen gibt es einen geringen Anstieg im Vergleich zu heute, in anderen einen sehr hohen. Fernwärme steht im Wettbewerb mit Wärmepumpen und anderen erneuerbaren Heizsystemen wie Biogas. Doch Investitionen in den Ausbau der Fernwärmeinfrastruktur ist mit sehr hohen Kosten verbunden.
Es braucht Verbindlichkeit und Stabilität, damit diese Investitionen getätigt werden. Dazu ist der rechtliche Rahmen entscheidend. suchen, war eine weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit.
Weit mehr als nur eine Frage der Technik
Der Ausbau der Fernwärme ist nicht nur eine technische Frage. Fernwärmenetze sind teuer und benötigen langfristige Investitionen. Damit solche Projekte umgesetzt werden, braucht es stabile politische und rechtliche Rahmenbedingungen. Deshalb untersuchten wir auch, welche Rolle Gesetze, Förderinstrumente und politische Strategien für den Ausbau der Fernwärme spielen.
Im Rahmen unserer Projektarbeit zur Zukunft der Fernwärme haben wir gemerkt, dass hinter technischen Lösungen viel mehr steckt als nur Berechnungen und Technik. Besonders spannend fanden wir, wie stark politische Entscheidungen und gesetzliche Regelungen die Umsetzung solcher Projekte beeinflussen.
Interessant zu untersuchen war weiter, wie viele Akteure dabei zusammenspielen: Bund, Kantone, Gemeinden sowie private Unternehmen und Netzbetreiber. Instrumente wie die MuKEn, die Charta zum Ausbau thermischer Netze sollen dabei helfen, gemeinsame Standards zu schaffen. Und die Risikoabsicherung im Klima- und Innovationsgesetz (KIG) sorgt für grössere Planungssicherheit.

Das Projekt zeigte uns, dass Energie- und Umwelttechnik weit über reine Technik hinausgeht. Wer an der Energieversorgung der Zukunft arbeitet, beschäftigt sich nicht nur mit Berechnungen und Infrastruktur, sondern auch mit Politik, Recht und wirtschaftlichen Fragen. Ein interdisziplinäreres Feld also, was sich auch in der Zusammensetzung unserer Gruppe widerspiegelte. Einige von uns kommen direkt vom Gymnasium, andere bringen Berufs- oder Studienerfahrung aus ganz anderen Bereichen mit. Dadurch entstanden oft verschiedene Blickwinkel auf dieselbe Fragestellung – technisch, praktisch oder wirtschaftlich. Gerade bei einer Marktanalyse einem Thema wie Fernwärme erwies sich diese Mischung als grosse Stärke.
Wertvoll war für uns auch der direkte Austausch mit dem Kunden. In mehreren Gesprächen konnten wir unsere Recherche an realen Anforderungen ausrichten, statt nur theoretisch zu arbeiten. Besonders spannend war dabei der Einblick in reale Wärmepumpen- und Heizsysteme: Vieles, was zuvor nur als Schema oder Grafik vorlag, wurde dadurch plötzlich greifbar.
Dieser Beitrag wurde im Rahmen des EUT-Projekts 2 von den Studierenden Susanne Huber, Manuela Weber, Robin Brogle, Alper Erbay und Dario Kissling verfasst.
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